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EM 2021 Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber ich labere einfach mit! Wie man sich beim EM-Gucken unbeliebt macht

Fußball-Fans schauen sich ein Spiel im Fernsehen an und jubeln
Fußball-Fans kann man beim gemeinsamen Gucken des Spiels im Fernsehen schnell verärgern. Unser Autor zeigt, wie es geht.
© gpointstudio / Getty Images
Fußball-Depp Kester Schlenz treibt gern echte Kenner beim EM-Fußballgucken mit Gaga-Kommentaren in den Wahnsinn. Er nennt es "Aggressives Fressing".

Ein Fußballabend mit Freunden. Ich bin auch dabei, habe keine Ahnung vom Spiel, aber ich rede gern. Und treibe damit alle in den Wahnsinn. Ein Heidenspaß. Kann aber bei Überdosierung gefährlich werden. Beim letzten Deutschlandspiel wurde ich in den letzten fünf Minuten geknebelt und mit Salzstangen beworfen.

Ein guter Anfang ist schon mal die Frage: "Wer sind wir? Die Weißen oder die Roten?", wenn die Spieler auflaufen. Dass ich Goretzka in Großaufnahme nicht erkenne, sagt ja alles. Aber ich erkenne ihn nicht. Bis vor Kurzem dachte ich noch, Goretzka sei der außerirdische Gegner von Spiderman oder so. Ballack würde ich erkennen, aber ich hörte, der spielt nicht mehr. Ich brauche immer ein wenig, mir die Stars zu merken. 

"Wir müssen kompakter stehen", doziere ich!

Nach dem Anpfiff warte ich ein, zwei Minuten und sage dann mit Kennermiene: "Wir müssen kompakter stehen." Ich ernte die ersten missbilligenden Blicke. Natürlich reden, loben oder schimpfen auch die anderen. Sehr kundig, wie mir scheint. Zeit, gegenzuhalten.

"Wir müssen mehr über die Flügel spielen", rufe ich, wenn genau das gerade einer tut. Das kommt immer gut: Sachen fordern, die gerade passieren. "Mehr Druck, Freunde" zum Beispiel, wenn gerade ein guter Angriff läuft. Umgekehrt geht es auch. Wenn die deutsche Mannschaft lustlos hin und her kickt oder den Ball dauernd zurück zum Torwart spielt, sage ich anerkennend: "Vom Einsatz her kann ich uns nun wirklich keinen Vorwurf machen, Leute!"

Da, ein teurer Star-Spieler schießt! Vorbei. "Geld schießt keine Tore", murmele ich resigniert. Und schiebe nach: "Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott." 

Ich kenne kaum Regeln, aber viele Fußball-Phrasen

Die ersten meiner Freunde räuspern sich deutlich.

Das Spiel gewinnt an Fahrt. Goretzka passt zu Gosens. "Einfach mal draufhalten, Junge", brülle ich, während er schießt. Und ergänze völlig sinnfrei: "Jetzt kommt der Druck von hinten. Ich denke, wie spielen auf Sieg!"

Der erste meiner Kumpels kann nicht mehr schweigen: "Äh, geht’s auch ohne Kommentare, Alter?"

"Natürlich", antworte ich. "Aber ihr wisst ja. Bei EM und WM bin ich voll dabei."

Ich weiß, wie sehr echte Fußballfans uns ahnungslose Event-Jubler hassen. Deshalb sage ich noch: "Sonst ist mir Fußball ja eher egal." Der Mund meines Kumpels Thomas ist nur noch ein dünner Strich. Ich muss aufpassen. Vorsätzliche, schwere Körperverletzung ist eine Option für ihn, wenn es um Fußball geht. 

"Für mich hat er heute die Mannschaft gerettet" – Twitternutzer feiern 18-jährigen Musiala

Irgendwann wird es für den Phrasendrescher gefährlich

Ich schweige strategisch. Aber nach fünf Minuten ziehe ich die Schraube wieder an. Zeit für ein paar Allgemeinplätze. "Im Fußball ist alles möglich", murmele ich leise.

Keine Reaktion.

Okay, einer geht noch: "Hinten muss die Null stehen." 

Nun ist es wieder Zeit für direkte Kommentare zum Geschehen. "Eine gute Flanke. Aber leider stand da niemand", kommentiere ich eine gute Flanke ins Nichts. Und dann: "Ein Tor würde dem Spiel guttun."

"Fußball-Depp" Kester Schlenz
"Fußball-Depp" Kester Schlenz
© privat

Da, jetzt kriegt der 18-jährige, wieselflinke Jamal Musiala den Ball. "Tja", kommentiere ich. "Er hat auch nicht mehr die Schnelligkeit früherer Tage." Thomas kann nicht mehr. "Kannst du mal bitte die Fresse halten."

Ich nicke.

Jetzt gilt es mit Augenmaß weiterzumachen. Ich gehe in die Phase der außersprachlichen Minimal-Kommentare. Ich brumme, schnalze, zischele und grunze, wenn irgendwas passiert. Meist, wenn es nicht passt. Das reizt die anderen noch mehr.

Zeit für eine kleine Pause. Ich gehe pinkeln – und quälend langsam am Fernseher vorbei. Gut ist auch, sich auf die Fernbedienung zu setzen und "aus Versehen" umzuschalten.

Aber das mache ich nicht mehr, seit ich letztens zwei Zähne verloren habe. Thomas hat übrigens Bewährung bekommen. Der Richter war Fußballfan.

rw

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