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Entscheidung über Torlinien-Technologie: Fußballrevolution - oder nicht?

Tor oder kein Tor? Diese Frage könnte bald ohne Zweifel beantwortet werden. Heute entscheidet ein Weltfußball-Gremium über die Torlinien-Technologie. Egal, welches System es wird - ein Problem bleibt.

Von Cord Sauer

Oleg Blochin, Trainer der ukrainischen Nationalmannschaft, war rasend vor Wut. Sein Team hatte kurz zuvor im letzten Spiel der Vorrunde gegen England mit 0:1 verloren und sich damit aus dem Turnier im eigenen Land verabschiedet. Dabei hätte die Partie und damit vielleicht auch die EM für die Ukraine einen anderen Ausgang genommen, wenn – ein reguläres Tor von Marko Devic vom Schiedsrichtergespann anerkannt worden wäre. Der Ball senkte sich hinter dem englischen Torhüter Joe Hart und war in vollem Umfang hinter der Linie, doch die Pfeife blieb stumm – kein Tor.

Diese Fehlentscheidung wurde im Anschluss rauf und runter diskutiert und gab einer bereits lang geführten Debatte neuen Zündstoff. Schon im Jahr 2000 wurde die Frage aufgeworfen, ob technische Hilfsmittel bei Fußballspielen eingesetzt werden sollen. Fifa-Präsident Joseph Blatter sprach sich damals allerdings gegen den Videobeweis aus. Drei Jahre später klang Blatter dann schon anders: "Wenn wir ein System finden, das zuverlässig anzeigt: Tor ja, Tor nein – dann findet das meine Unterstützung."

Joseph Blatter gegen Michel Platini

Für die Weltmeisterschaft 2006 war ein Chip im Ball, der mit einem akustischen Signal ein Tor signalisieren sollte, eigentlich beschlossene Sache. Doch die Fifa kippte den Entscheid sechs Monate vor dem ersten Anstoß. Der Grund: die Technik sei noch nicht ausgereift. In der Folgezeit wurde viel getestet und noch mehr diskutiert, aber ohne vorzeigbare Ergebnisse. Zu viele Gegner, unter ihnen auch Uefa-Präsident Michel Platini, verhinderten bisher den Siegeszug der Technik im Profifußball.

Platini bestätigte seinen Standpunkt bis zuletzt: "Fußball soll menschlich bleiben, ich bin gegen die Tortechnologie." Nach dem jüngsten Lapsus bei der EM hielt sein mächtiger Gegenspieler Blatter dagegen und twitterte: "Die Tortechnologie ist keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit." Jetzt könnte der Fußballfunktionär der Fifa kurz vor seinem großen Ziel stehen, denn am späten Nachmittag werden sich die Mitglieder des International Football Association Board (IFAB) in Zürich entscheiden, ob die Schiedsrichter künftig technische Hilfe bekommen oder nicht. Ist der Ball drin oder nicht? Auf diese Frage muss es künftig schnell eine richtige Antwort geben.

Torrichter, GoalRef oder Hawk-Eye

Welche Alternativen kommen überhaupt in Frage? Zunächst einmal gibt es die Torrichter. Bei der EM 2012 hatten sie ihren ersten großen Auftritt, drohen jetzt allerdings schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden – auch wegen des "Torklaus von Donezk". Chancen auf Umsetzung hat das "GoalRef", der sogenannte "Chip im Ball". Er basiert auf einem Magnetfeld im Tor, das ein entsprechendes Funksignal an den Schiedsrichter übermittelt, sobald der Ball die Linie in vollem Umfang passiert. "Der Diebstahlschutz im Kaufhaus funktioniert ähnlich", erklärt Thomas von der Grün, Experte vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS).

Ebenfalls zur Debatte steht die Torkamera, das "Hawk-Eye". Was bei Tennis und Cricket längst Standard ist, könnte nun auch im Fußball den Durchbruch schaffen. Eine Generalprobe im Freundschaftsspiel England gegen Belgien im Juni verlief zufriedenstellend. Das System arbeitet mit Kameras und einer optischen Erkennung der Spielsituation. Sobald der Ball im Tor ist, vibriert die Funkuhr des Referees.

Wer übernimmt die Kosten?

Welches System das Rennen macht, ist noch offen. Dabei hat "GoalRef", das vom IIS in Erlangen entwickelt wurde, einen entscheidenden Vorteil, wie IIS-Ingenieur Rene Dünkler sagt: "Unser System braucht keine Sichtverbindung, der Torwart kann auf dem Ball liegen und trotzdem werden zuverlässige Daten geliefert." Eine Torkamera dagegen ließe in solch einer speziellen Szene sicher neuen Spielraum für Diskussionen.

Ein Problem der Technologie sind die Kosten. Zwar kosten auch die Torrichter Honorare und Spesen, doch die Torlinien-Technologie ist um ein Vielfaches teurer und nicht per se für alle bezahlbar. Die "Hawk-Eye"-Installation kostet 250.000 bis 300.000 Euro pro Stadion, "GoalRef" ist nur geringfügig günstiger. Wer das zahlt, ist längst nicht geklärt. Vorstellbar ist, dass die Landesverbände hier eine tragende Rolle einnehmen. Doch wie sollen beispielsweise Lettland, Moldawien oder Albanien diesen immensen Kostenaufwand stemmen? Und auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) werden voraussichtlich nicht jedes deutsche Stadion entsprechend ausrüsten können. Streit ist also absehbar.

Der Spielball liegt nun bei den Mitgliedern des IFAB. Sie stehen praktisch am Elfmeterpunkt und müssen nur noch einschieben – und doch bleibt die Möglichkeit eines Fehlschusses. Um die Revolution durchzusetzen, bedarf es sechs "Ja"-Stimmen der acht Mitglieder.

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