HOME

Frings-Ausbootung: Wie in der Waldorfschule

Reden, diskutieren, Empfindlichkeiten ausloten - die deutsche Nationalmannschaft wird zur pädagogischen Heilanstalt. Spätestens mit der Nicht-Nominierung von Torsten Frings gegen England ist klar: Das Comeback des Sports verzögert sich weiter.

Ein Kommentar von Jens Fischer

Es gab Zeiten, da ging es bei der deutschen Nationalmannschaft in erster Linie um verpasste Torchancen, die Leistungen der Spieler und die Stärken der deutschen Gegners. Sportliches eben. Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein. Seit Wochen gerieren sich die Mitglieder des Unternehmens "Deutsche Nationalmannschaft" wie Teilnehmer eines pädagogischen Stuhlkreises in der Waldorfschule.

Erst das per Diktum beendete und über die Medien ausgetragene Verbal-Scharmützel zwischen Löw, Ballack und Frings. Am Ende dick aufgetragene Entschuldigungs-Arien der Spieler. Dann spricht Löw von "untragbaren Zuständen" im deutschen Fußball und plant in Staatsmann-Manier eine "Berliner Rede", um seine Spieler auch im normalen Leben abseits des Fußballs auf die richtige Spur zu bringen.

Für diese Ansprache will Löw alle Spieler sehen – selbst die, die gegen England nicht spielen werden. Wie zum Beispiel Torsten Frings, der mit abenteuerlichen Begründungen aus dem England-Kader gestrichen wurde.

Was soll das alles? Ist im deutschen Fußball denn nur noch wichtig, was sich außerhalb des Platzes abspielt? Geht es nur noch darum, was die Spieler denn so denken und fühlen? Und müssen wir wirklich permanent Kevin Kuranyis Seelenheil erkunden?

Die deutsche Nationalmannschaft und auch Bundestrainer Joachim Löw bewegen sich auf dünnem Eis. Wenn deutlich mehr über sentimentale Befindlichkeiten hoch bezahlter Stars als über den Sport diskutiert wird, ist das nicht im Sinne des Fans. Denn verletzte Eitelkeiten haben mit Fußball nichts zu tun.

"Wir täten gut daran, uns mehr über die Qualität des Fußballs zu unterhalten als über die Empfindlichkeiten der Spieler", sagte Löw dieser Tage.

Sein Handeln lässt andere Schlüsse zu. Oder wie ist nach seiner Ausbootung der Satz aus dem Munde Torsten Frings' zu deuten: "Schon bei unserem Gespräch in der letzten Woche habe ich dem Bundestrainer gesagt, dass es vielleicht wegen des zuletzt entstandenen Theaters besser sei, wenn ich nicht komme."

So, so. Spieler, an denen ein großes Medieninteresse besteht, werden in Deutschland nicht mehr nominiert? Abgesehen davon, dass die Ausbootung von Frings nur schwer verständlich ist, ist sie auch ein Beleg dafür, dass im Moment im Umfeld des DFB-Teams Nebenkriegschauplätze wichtiger sind, als die Vorbereitung auf einen historischen Klassiker gegen England im vor 70.000 Zuscheuern im Berliner Olympiastadion.

Der Kindergarten "Nationalmannschaft" läuft vor dem England-Spiel auf Hochtouren. Leider primär außerhalb des Platzes.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity