Kahn-Interview "Ich will nicht auf eine einsame Insel"


Oliver Kahn hat im Welt-Fußball fast alles erreicht, zum Abschluss seiner Karriere feierte der Titan mit seinen Bayern noch einmal einen standesgemäßen 4:1-Erfolg über die Hertha. Im stern.de-Interview spricht Kahn über Psychologie im Fußball, Affengeräusche und krankhaften Ehrgeiz.

Herr Kahn, wann erleben wir Sie als Fernsehexperten, etwa schon zur Europameisterschaft? Das käme doch zu früh, wir fangen im September an.

Und wo werden Sie die EM verfolgen?

Ich bin eine Woche bei den Golf US Open, weil ich mir das schon lange gewünscht habe. Dann werde ich den Rest der EM sicher anschauen. Wo weiß ich noch nicht genau, da ich immer mal wieder woanders sein werde.

Die US-Open sind ein lange gehegter Wunschtraum? Ich kann jetzt vieles machen, was ich früher nicht tun konnte. Einmal bei einem der großen Golf-Turniere dabei zu sein, das war schon immer ein Traum von mir.

Was fasziniert Sie besonders am Golf?

Ich spiele selbst seit zehn Jahren. Golf ist meine große Leidenschaft. Es ist eine sehr psychologische Sportart, die sehr viel mentale Kraft und Stärke verlangt. Jedes Spiel ist immer wieder eine neue Herausforderung. Außerdem macht es enorm viel Spaß. Irgendwann hat mich das gepackt und, wen das packt, den lässt es nicht mehr los.

Stichwort psychologische Sportart. Das könnte man auch vom Fußball sagen. Würden Sie im Rückblick auf Ihre eigene Karriere sagen, es war Ihre größte Leistung, sich dem gestellt zu haben?

Man stellt sich schon manchmal die Frage, wie man 20 Jahre nahezu auf dem höchsten Niveau spielen konnte. Das kann auch sehr erschöpfend sein und es ist sicher eine große Herausforderung, dem immer Stand zu halten.

Haben Sie sich auch über Ihren Abschied konkrete Gedanken gemacht und sich vorgestellt, wie dieser Moment sein wird?

Der große Vorteil bei meinem Abschied ist, dass ich ihn selbst bestimmt habe. So konnte ich mich schon lange mit dem auseinandersetzen, was da kommen kann. Ich bin froh, dass kein plötzliches Ende - beispielsweise durch eine Verletzung - gekommen ist und man dann plötzlich mit der Leere konfrontiert wird, die sich dann von heute auf morgen einstellt.

Hilft beim Abschied nehmen der Job beim Fernsehen. Sie sind dabei, aber nicht mehr mittendrin? Mit dabei bleiben hat das nichts zu tun. Ich möchte eine gewisse Distanz zum Fußball bekommen und ihn auch einmal aus einer anderen Perspektive sehen. Zudem habe ich so die Möglichkeit, das Geschehen auf dem Platz einmal neutral zu betrachten und eine andere Blickrichtung einzunehmen. Und ich bleibe über den Top-Fußball informiert. Ich glaube nicht, dass es klug wäre auf eine einsame Insel zu gehen und mit dem allem nichts mehr zu tun zu haben. Fußball hat jetzt so lange mein Leben bestimmt. Es wird sich dann zeigen, ob eine langsame Abnabelung stattfindet oder, ob ich doch wieder ganz zum Fußball hin finden werde. Das ist etwas, was ich in alle Ruhe auf mich zukommen lassen möchte.

Das klingt so, als freuen Sie sich besonders darauf, nicht mehr unmittelbar im Fokus zu stehen und ständig Rechenschaft ablegen zu müssen?

Es ist ein neues und vor allem auch ein gutes Gefühl, wenn man eine Auszeit nehmen und andere Dinge tun kann. Man kann alles in Ruhe auf sich zukommen lassen. Es wird mir sicherlich gut tun, dass ich mich nicht mehr ständig mit dem Tagesgeschäft beschäftigen muss.

Es gab Zeiten, da stand der Torwart Kahn im Mittelpunkt, es flogen Bananen und man hat Sie mit Affengeräuschen begrüßt? Wie verarbeitet man das und wie hält man Distanz?

Was heißt verarbeiten, man sollte sich damit gar nicht beschäftigen. Irgendwann war ich die Symbolfigur des FC Bayern München. Der FC Bayern ist ein Verein, der polarisiert. Die einen lieben ihn, die anderen mögen den Klub überhaupt nicht. So etwas macht sich vor allem auch an den Symbolfiguren fest. Damit muss man leben können. Ich habe das als motivierend empfunden und nicht als belastend.

Prägend im Rückblick ist sicher auch Ihr großer Ehrgeiz. Es gab Zeiten da haben Sie darüber gesprochen, dass Menschen daran auch zerbrechen können?

Zerbrechen geht mir viel zu weit, aber man kann deshalb sehr erschöpft sein. Ende 1999 war ich körperlich und geistig ziemlich ausgelaugt. Ich ging dann neue Wege und habe ein paar Dinge verändert. Ich habe längere Regenerationsphasen eingebaut und eine innere Distanz zum Fußball aufgebaut, ohne den Ehrgeiz zu verlieren. Aber zerbrechen? Letztlich spielen wir Fußball und es geht nicht um Leben und Tod.

Am Freitag haben wir die Nominierung der deutschen Mannschaft auf der Zugspitze erlebt. Was trauen Sie der DFB-Auswahl bei der EM zu?

Die Mannschaft ist durch die WM weiter gereift. Viele junge Spieler wie Lahm, Jansen, Podolski oder Mertesacker, sind alle einen Schritt weiter. Nach der Gruppenphase hängt das dann alles auch von der Tagesform und dem Quentchen Glück ab.

Wer ist Ihr EM-Favorit?

Wie bei der WM Italien, weil diese Mannschaft jetzt in einer ähnlichen Situation ist wie die Franzosen, die nach der WM auch die EM gewannen. Die Italiener ähneln den Franzosen und haben mehr oder weniger noch die gleiche Mannschaft. Eine sehr gute Mischung mit guten Spielern. Wenn sie diese Wahnsinnsgruppe überstehen, können sie auch die EM gewinnen?

Interview: Oliver Trust


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