Kommentar Es brennt lichterloh


Die Niederlage gegen Italien kam nicht wirklich überraschend. Nur die Art und Weise, wie sich das deutsche Team hat vorführen lassen, erstaunte. Im Hinblick auf die WM geht in der Republik deshalb jetzt die Angst um.
Von Klaus Bellstedt

Seien wir doch ehrlich: Überrascht hat uns die Niederlage im Klassiker gegen Italien nicht wirklich. Klar, im letzten Test gegen Frankreich erreichte die Klinsmann-Truppe ein respektables 0:0-Unentschieden. Im Hinblick auf die WM keimte damals im Dezember leise Hoffnung auf. Und, was für den Trainer und seine junge Mannschaft besonders wichtig war: Es herrschte zumindest bis zur leidigen Diskussion um die zu besetzende Position des Technischen Direktors Ruhe. Nun, damit ist es nach dem Debakel von Florenz vorerst vorbei. Dem Team, allen voran ihrem Coach, stehen unruhige Tage bevor. Sie werden richtig auf die Ohren bekommen, rauf und runter, tagelang. Und das vollkommen zu Recht. Aber - siehe oben - irgendwie war das alles doch vorhersehbar.

Ein Beispiel: Jedes Kind weiß, dass die italienische Innenverteidigung um die beiden Defensiv-Künstler Alessandro Nesta und Fabio Cannavaro mindestens zwei Klassen besser ist als das DFB-Duo Huth/Mertesacker. Ersparen wir uns den Blick auf die anderen Mannschaftsteile und schlagen den Bogen zur Bundesliga. In der Berichterstattung der visuellen Medien über die einstmals stärkste Liga der Welt (wie lange liegt das eigentlich schon zurück?) steht schon seit längerem nicht mehr die rein sportliche Berichterstattung im Vordergrund. Stattdessen werden lieber die peinlichen Ausrutscher eines Matthias Hain oder Rafael van der Vaart zehnmal und in Super-Slow-Motion wiederholt. Eine Nuance - aber ein alarmierendes Zeichen dafür, dass sich das spielerische Niveau in Deutschland immer rasanter der Nulllinie angleicht. Und dann mal eben so im Vorbeigehen die Startruppe der Italiener "wegfiedeln"? Keine Chance!

Ewig grinsender Jürgen Klinsmann

So weit, so schlecht. Bis jetzt konnte die deutsche Nationalmannschaft die nicht (oder nur spärlich) vorhandene Qualität in ihren Reihen in Spielen gegen die so genannten Kleinen mit entsprechend großem Einsatz halbwegs kompensieren. Das ging mit Ach und Krach irgendwie noch immer gut. Gegen die großen Fußballnationen reicht das längst nicht mehr. Ein Blick in den Fifa-Kalender belegt dies eindrucksvoll: Seit Oktober 2000 (!!!) wartet man auf einen Sieg gegen England, Spanien, Argentinien und Co. Und als wäre das nicht schon schlimm genug: Nach dem 1:4-Debakel gegen die "Squadra Azzuri" beschleicht einem im Hinblick auf die WM ein neues, schreckliches Gefühl. In der Republik geht die Angst um - die Angst vor einem Scheitern in der Gruppenphase.

Kein Tempo, keine Laufbereitschaft, peinliche persönliche Patzer, Stellungsfehler, naives taktisches Verhalten. All das zeichnete das Spiel der DFB-Elf in Florenz aus. Das ist das eigentliche Neue und Überraschende. So konnte es nur zu einem derart schlimmen Ergebnis kommen - mit dem die Mannschaft noch gut bedient war. 99 Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica kann einem dieses Team nur noch Leid tun. Umso mehr ist jetzt der Trainer gefordert, psychologische Aufbauarbeit zu leisten. Ob er dazu im Stande ist, darf nach dem Fernseh-Interview, das der ewig grinsende Jürgen Klinsmann im Anschluss an die Partie der viel zu lasch nachfragenden Reporterin gab, leise bezweifelt werden. Und das war die zweite Überraschung des Abends.


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