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Nadine Angerer glänzt beim EM-Sieg: Die Titanin

Nadine Angerer hat mit zwei gehaltenen Elfmetern den EM-Titel für die deutschen Fußball-Frauen festgehalten. Es war die Krönung einer langen Karriere im Nationaldress - und ein gelungenes Comeback.

Von Tim Schulze

Nach dem erlösenden Schlusspfiff wussten die deutschen Spielerinnen genau, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Alle stürmten sie auf Keeperin Nadine Angerer zu und begruben sie in einer Jubeltraube. Schließlich kommt es auch nicht allzu oft vor, dass eine Torhüterin in einem EM-Finale gleich zwei Strafstöße pariert und so den knappen 1:0-Vorsprung festhält. Die gesamte Mannschaft hatte an diesem Nachmittag gegen starke Norwegerinnen einen leidenschaftlichen und hochklassigen Auftritt hingelegt. Doch Angerer, die Spielführerin, setzte dem Finaltriumph mit ihrer Leistung die Krone auf.

In der 29. Spielminute wehrte sie den Schuss von Trine Rönning ab und verhinderte beim Stand von 0:0 den Rückstand. In der 61. Minute scheiterte Solveig Gulbrandsen ebenfalls an Angerers Reflexen. Aber es waren nicht nur diese beiden Heldentaten, die Angerer zur Frau des Spiels machten. Sie war ihrer Mannschaft während der gesamten 90 Minuten in Solna ein sicherer Rückhalt, wobei das Wort Rückhalt schon fast eine schon eine Untertreibung ist.

Erfolgsverwöhnte Schlussfrau

Die umjubelte Angerer fand es einfach nur "phänomenal und geil". Wie sie ihre eigene Leistung einschätzen sollte, wusste sie wenige Augenlicke später dennoch nicht so recht: "Natürlich freue ich mich total über unseren Sieg, aber realisiert habe ich das alles noch nicht", sagte sie. Und sie vergaß auch nicht, einen weiteren Faktor zu erwähnen, der den Erfolg ermöglichte: "Wir hatten von Anfang an einen super Teamgeist und haben uns im Turnier durchgebissen. Das ist einfach eine tolle Mannschaft."

Mit Erfolgen kennt sich Angerer aus. In China 2007 gehörte sie zu den WM-Helden, als sie keinen Gegentreffer zuließ. Der Erfolg in diesem Jahr hat seinen besonderen Wert, weil er einem Comeback gleichkommt – für Angerer und die Nationalelf. Nach dem enttäuschenden Aus vor zwei Jahren ausgerechnet bei der Heim-WM hatten die deutschen Frauen etwas gut zu machen. Im Viertelfinale war gegen Japan damals Schluss. Ein Tor in der Verlängerung brachte die Entscheidung, auch weil Angerer schwer patzte. Damals rief sie die Europameisterschaft in Schweden als nächstes großes Ziel aus, obwohl heftig über ihr Karriereende in der Nationalelf spekuliert wurde.

Vor einem halben Jahr warfen sie schwache Leistungen, auch bedingt durch zahlreiche Verletzungen, erneut zurück. Angerer kämpfte um ihren Stammplatz. Alle Rückschläge schob die willensstarke Kämpferin beiseite. Vor der Europameisterschaft kannte die 34-Jährige nur zwei Ziele: den Titel und den Stammplatz im Tor. "Ganz klar, darauf liegt mein Fokus. Ich bleibe die Nummer eins", sagte sie. Das hat sie geschafft auf die gleiche Art wie sie vor sechs Jahren zur Nummer 1 wurde. Mit erst 28 Jahren. Sie hat gekämpft und ist drangeblieben.

"Mutter der Kompanie" bat zum Gespräch

Dass sie jetzt mit 34 Jahren aus dem 23-köpfigen Kader altersmäßig nach oben herausragt, war bei diesem Turnier kein Problem. Neben der "Mutter der Kompanie" (Angerer über sich selbst) erreicht nur noch Innenverteidigerin Saskia Bartusiak die "30er-Grenze". Mit einem Durchschnittsalter von nur 23,56 Jahren war der DFB-Kader bei einem großen Turnier so jung wie noch nie. Da brauchte es vielleicht gerade erfahrende Spielerinnen, die die Jungen führen. Das bewies Angerer nach der Vorrunden-Niederlage gegen Norwegen. Sie war es, die die Mannschaft zu einer Aussprache bat und klare Worte fand.

Wie es jetzt mit Angerer und der Nationalelf weitergeht, ist offen. Sie wird die Bundesliga nach vielen Jahren verlassen. Zuletzt war sie vier Jahre beim FFC Frankfurt unter Vertrag. Sie wechselt im Herbst ihrer Karriere nach Australien zu den Brisbane Roars. Im Frühjahr 2014 zieht sie weiter in die USA. Zu welchem Club, hat sie noch nicht verraten.

Mitarbeit: Thomas Krause

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