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Sportpsychologie: Mythos Heimvorteil

Die Fußball-WM im eigenen Land - Der Heimvorteil soll es richten. Zuhause glaubt selbst die der Weltelite hinterher kickende Deutsche Elf an den Titelgewinn. Was ist dran am Heimvorteil? Gibt es ihn überhaupt?

Wir sind Fußball - und im Nationalsport der Deutschen im Jahr der WM alle zumindest Strategie-Profis. Da lässt sich mit dem Bier in der Hand hervorragend die Nationalmannschaft aufstellen. Und auch die Wunderwaffe Heimvorteil darf im Repertoire der psychologischen Spielführung keines Passiv-Kickers fehlen. Inzwischen propagiert selbst "Kaiser" Franz Beckenbauer den Bonus der Heimat - zumindest beim 4:1 des Klinsmann-Teams gegen die USA scheint er gewirkt haben. Doch Sportpsychologen halten das Phänomen für überschätzt und warnen gar vor möglichen Heimnachteilen.

"Es gibt den Heimvorteil", sagt der Münsteraner Sportpsychologe Bernd Strauß, der zu dem Thema habilitiert hat. "Aber er findet im Spieler selbst statt." In einer Studie hat der Wissenschaftler alle Spiele der Fußball-Bundesliga zwischen 1963 und 1998 analysiert. Ergebnis: In 53,3 Prozent der Spiele triumphierte die Heimmannschaft. Rund jeder fünfte Sieg wurde auswärts eingefahren, der Rest endete unentschieden. Das klingt eindeutig, ist es aber nicht, meint Strauß. Denn die Ursachen für den Heimvorteil seien überhaupt nicht klar. Alle Faktoren, die gemeinhin als so vorteilhaft im heimischen Stadion gälten, beeinflussten separat untersucht das Spielergebnis kaum.

Die Zuschauer spielen keine Rolle

Laut einer Studie der Kanadier Steven Bray und Neil Widmeyer sprechen Spieler selbst dem Einfluss des Publikums und der Vertrautheit der Sportstätte einen positiven Einfluss zu. "Aber die Spieler haben heute so häufig wechselnde Spielorte, dass das nicht ernsthaft eine Rolle spielen kann", hält Strauß dagegen. "Noch dazu sind die Spielstätten häufig sehr ähnlich." Vorteil Publikum? Objektiv gesehen: Fehlanzeige. "Jubeln spielt Studien zufolge für das Endergebnis des Spiels gar keine Rolle", sagt der Forscher. So hätten amerikanische Basketballspieler wegen einer Masern-Epidemie mehrfach vor leeren Rängen gespielt - und besser abgeschnitten als unter den anfeuernden Fan-Rufen. "Auch die Dichte der Zuschauer oder ihre Anzahl ist für einen Sieg unerheblich", setzt Strauß fort.

Allenfalls auf den Schiedsrichter hätten grölende und pfeifende Fans manchmal Einfluss, sagt Strauß. "Unter bestimmten Lärmbedingungen pfeifen Schiedsrichter eher für die Heimmannschaft." Aber auch dies erkläre sicher nicht den Heimvorteil, betont der Sportpsychologe.

Der Heimvorteil ist in die Jahre gekommen

Zudem scheint der Heimvorteil in die Jahre zu kommen: "Er ist in den 90er Jahren weiter zurückgegangen", sagt Strauß. Mögliche Gründe: "Fußball ist professioneller geworden." Die Spieler jetten durch die Welt und werden dabei von den Medien und der Öffentlichkeit ständig beobachtet. Zudem seien die Mannschaften ausgeglichener geworden und inzwischen bis auf einige Teams in der Bundesliga fast alle mehr oder minder vergleichbar stark.

Als Psychologe gibt Strauß ein anderes Credo aus: "Statt höhere Mächte anzurufen, muss der Heimvorteil erarbeitet werden." Er existiere nur, wenn die Spieler Selbstvertrauen hätten und an den Vorteil im heimischen Stadion glaubten. "Da muss ein Teamspirit erarbeitet werden und die Spieler müssen sich immunisieren gegen den öffentlichen Druck", rät Strauß.

Heimnachteil

Letztlich könne sich das Spiel auf vertrautem Rasen und vor heimischen Fans auch als Heimnachteil entpuppen. "Wenn die Spieler die Angst vor einem Misserfolg aktualisieren und beginnen, über sich selbst nachzudenken, kann es kritisch werden", warnt Strauß. "Versagen unter Druck" nennen Psychologen das. Und der Druck auf Bundestrainer Klinsmanns junge Mannschaft wird bei der Heim-WM riesig sein. "Letztlich ersetzt Psychologie aber kein Training und keine körperlichen Fähigkeiten", sagt Strauß. Da zumindest stimmt ihm der Kapitän der Nationalmannschaft zu: "Wenn man solche Fehler macht wie gegen Italien, hat das mit heim und auswärts wenig zu tun", meint Michael Ballack.

Susan Schädlich/DPA / DPA
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