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Frankreich: Vor der Stunde der Wahrheit

Die Qualifikation war holprig, Zidane kehrte zurück, weil ohne ihn offensichtlich nichts lief und der Konkurrenzkampf der Torhüter entzweite Fans. Die Franzosen trauen ihrer überalterten Mannschaft bei der WM nicht viel zu.

"Wenn wir noch nicht einmal die Slowaken schlagen, dann können wir bei der WM doch gleich einpacken." Voller Zweifel blicken französische Fußballfans der Weltmeisterschaft entgegen. An Wechselbäder haben "Les Bleus" sie in den vergangenen Monaten und Jahren durchaus schon gewöhnt. Das blamable 1:2 gegen das Nicht-WM- Team Slowakei am 1. März im Stade de France hat die Achterbahnfahrt des Weltmeisters von 1998 mal wieder ruckartig in Bewegung gesetzt. Und dabei gleich auch noch den Unterhaltungswert der Torwart-Show gesteigert. Denn auch Frankreich hatte ein "Kahn-Lehmann-Problem". Die spannenden Frage war, ob Fabien Barthez oder Grégory Coupet die Nummer 1 sein wird. Trainer Raymond Domenech entschied sich für den alten Stammkeeper Barthéz, was ihm viel Kritik einbrachte.

Barthez glänzte, als die Franzosen 1998 die WM und im Jahr 2000 Euro-Meister wurden. Gegen die Slowaken musste er allerdings gleich zwei Mal hinter sich greifen, was die Kopfschmerzen des Trainers nur noch verstärkt haben dürfte.

"Traurig. Beunruhigend." Diese Schlagzeile aus "Le Parisien" nach dem Slowakei-Debakel zeigt, dass der Blick aufs Tor die eigentlichen Probleme verdeckt. Vor vier Jahren schon in der ersten Runde sang- und klanglos bei der WM untergegangen, hatten sich die strahlenden Champions von 1998 bei der Qualifikation nur mühsam eine Fahrkarte nach Deutschland erspielen können. Und das möglicherweise auch nur, weil sich Fußballstar Zidane erbarmte und in die Elf zurückkehrte. Nun treffen die Franzosen gleich im ersten WM-Spiel am 13. Juni auf die Eidgenossen, die ihnen doch schon in der Qualifikation getrotzt hatten. Man kann nicht sagen, dass die Fans dem entgegen fiebern.

Franzosen feiern friedlich "König Fußball"

Der nationale Fußballverband (FFF) erwartet einen Riesenandrang auf die Karten, "weil die Fifa uns nur eine sehr geringe Zahl (2900 bis 3700 pro Match) zugestanden hat." Die französischen Fans seien aber so diszipliniert, dass kaum Heerscharen kartenloser Anhänger vor deutschen Stadien aufkreuzen dürften: "Wenn das Stade de France bei Paris ausverkauft ist, geht doch keiner mehr ohne Billet hin." Ganz im Gegensatz zu dem Pariser Erstliga-Club PSG kennen "Les Bleus" auch kein Hooligan-Problem - Franzosen feiern friedlich "König Fußball".

"Docteur Raymond Domenech sucht jetzt ein Heilmittel", heißt es in den Medien, so wie Premierminister Dominique de Villepin in der trüben Wirtschaftslage des Landes mit der nun wieder steigenden Arbeitslosigkeit. Frankreich hat bei den Olympischen Winterspielen in Turin nicht sonderlich gut abgeschnitten, ein sportlicher WM-Erfolg im Jammertal sinkender Kaufkraft und fehlender Jobs wäre ein aufmunternder Befreiungsschlag. Was aber tun, wenn große Ballkünstler wie Thierry Henry oder David Trezeguet zwar mit ihren Champions- League-Vereinen den Ball ins Netz zaubern, kaum aber, wenn sie im Dress ihrer Nationalelf antreten?

Zidane soll es richten

"Fürs Vaterland" hat er's getan, Zizou", das fanden die allermeisten Franzosen prima an der Rückkehr des Real-Madrid-Stars und dreifachen Weltfußballers. Wie viel spielerisch-psychologischen Rückhalt kann der gealterte 33-jährige Zidane, der seinen Abschied vom aktiven Fußball nach der WM angekündigt hat, "zur Rettung der Nation" zusammen mit den auch wieder im Team eingebundenen Claude Makélélé und Liliam Thuram wirklich geben? Frankreichs Fußball steht vor einer Stunde der Wahrheit.

An Stoff mangelt es beim Glas Roten im Bistro also wahrlich nicht, auf teure WM-Karten oder Unterkunftsprobleme kommt man erst danach. Die Sorgen haben Domenechs 23 Spieler natürlich nicht. "Les Bleus" logieren in der Fünf-Sterne-Herberge "Schlosshotel Münchhausen" in dem Dorf Aerzen bei Hameln. Trainieren können sie in dem kleinen Weserberglandstadion in Hameln. Und wenn Nervosität oder auch Frust aufkommen, dann können die Mannen um Zidane und Henry ihren Stress an den 18 Löchern des Hotel eigenen Golfplatzes abzutragen versuchen.

Hanns-Jochen Kaffsack, DPA / DPA
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