HOME

Stern Logo WM 2006

"Bellstedt haut drauf" - Teil 8: Bussi-Bussi in der Mixed Zone

Heiße Küsse für die Fußball-Stars. Argentinische Reporter gehen aufs Ganze, Distanz kennen Sie nicht. Vor so viel Leidenschaft erblasste WM-Reporter Klaus Bellstedt.

Heute möchte ich einmal vom Umgang der Fußballstars bei dieser WM mit den Medien erzählen. Wie sind die eigentlich so drauf, die Medien-Verkäufer dieses Jahrhundertereignisses, und wie einfach ist es, mit ihnen zusammenzuarbeiten? Andersrum gibt es ja immer nur zwei Richtungen: Entweder haut man als Medienschaffender drauf und macht die Jungs klein, oder man lobt sie in den Himmel.

Es geht zur Sache - im Interview

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Michael Ballack drückt Monica Lierhaus nach dem Achtelfinal-Spiel gegen Schweden in der Mixed Zone (der Bereich, in dem die Spieler nach dem Duschen und auf dem Weg zum Bus der Journalistenschar Rede und Antwort stehen) erstmal kräftig einen auf. Danach folgt ein kurzer, aber heftiger Flirt zwischen den beiden, Ballack erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der rot gefärbten Schönheit, man albert rum, bevor es dann endlich zur Sache geht - im Interview. Total unrealistisch, absolut irreal, vollkommen abwegig, mögen Sie jetzt denken. Und Sie haben Recht, zumindest was das Verhältnis zwischen den deutschen Elite-Kicker und den einheimischen Medienvertretern betrifft.

Busseln, bis die Schwarte kracht

Bei den Argentiniern ist das freilich ganz anders. Die Spieler des Top-Favoriten auf den Titel pflegen einen Umgang mit "ihren" Journalisten, der wohl einzigartig ist auf dem weltumspannenden Fußballplaneten. Nach der 6:0-Gala der "Gauchos" gegen Serbien & Montenegro konnte ich mich davon selbst überzeugen. In der Mixed Zone wurde geherzt, gebusselt und gelacht bis die Schwarte kracht. Superstar Riquelme mit der rassigen Fernsehreporterin, Stürmer Hernan Crespo mit der Kollegin von der großen argentinischen Tageszeitung "La Razon". Sie vermuten jetzt sicher, dass das nur an der natürlichen Anziehungskraft der unterschiedlichen Geschlechter gelegen haben kann.

Journalistenparadies am Rio de la Plata

Aber da täuschen Sie sich gewaltig. Der männliche (!) Radioreporter von "FM Libre" ließ Youngster Lionel Messi gar nicht mehr los: Küsschen rechts, Küsschen links und noch mal von vorn. Total losgelöst und entspannt gab der frisch frisierte Messi seinem Spezerl dann noch offenherzig und völlig selbstverständlich ein lang ausgedehntes Interview. Der Höhepunkt dann zum Schluss: Der Radiomann zückte sein Handy, wählte kurzerhand eine unendlich lang erscheinende Nummer und drückte dem argentinischen Wunderknaben sein Mobiltelefon ans Ohr. Messi lächelte, begrüßte die Daheimgebliebenen aufs Herzlichste und schilderte seine Eindrücke live in die Hauptstadt am Rio de la Plata. Nicht in Deutschland, in Argentinien müsste man Sportjournalist sein. Hier müsste man ja schließlich auch Schweini abschlecken.

Wissenscommunity