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England nach dem WM-Aus: Abschied von der goldenen Generation

England steht unter Schock, Resignation macht sich breit nach dem Spiel gegen Deutschland. Das Land weiß, dass die Stunde der Wahrheit gekommen ist und seine goldene Fußball-Generation nun triumphlos abtreten wird.

Von Cornelia Fuchs, London

Der Mann im weißen Nationaltrikot schwankt schon gefährlich am späten Sonntagabend. In einer Hand noch ein mit Bier halb gefülltes Plastikglas, in der anderen eine kleine Englandfahne, trampelt er den Bürgersteig hinunter Richtung U-Bahn. Schon aus der Ferne hört man ihn singen. Andere Fußgänger weichen vorsorglich aus. Bis sie die Worte verstehen, die er vor sich hin singt, seine Augen irren dabei immer wieder gen Himmel: "We know it, we are shit" - wir wissen es, wir sind Scheiße.

Plötzlich wurde es seltsam leise in London

Sie konnten einem schon Leid tun, die englischen Fußballfans. Schon nach dem ersten deutschen Tor wurde es seltsam leise in London, die Gesänge in den Kneipen waren fast nicht mehr zu hören. Kurz schwangen sie sich noch einmal nach oben, als nach dem ersten und dann dem nicht gegebenen zweiten Tor alles noch einmal möglich schien. Doch spätestens nach dem dritten Tor wurde es wieder ruhig, lange vor dem Schlusspfiff.

"England has no defence, literally", sagte BBC-Kommentator Gary Lineker - "England kann sich nicht verteidigen, buchstäblich!" Und so versuchen die Kommentatoren auch gar nicht, die Schuld bei dem Tor zu suchen, das der englische Spieler Lampard eigentlich geschossen hatte und das vom Linienrichter nicht anerkannt wurde. Stattdessen machten einige wenige Fabio Capello verantwortlich, den italienischen Nationaltrainer der Engländer, und sein schlechtes Englisch. Capello braucht einen Übersetzer an seiner Seite, wenn er Pressekonferenzen gibt.

Die Stunde der Wahrheit ist gekommen

Aber die übergroße Mehrzahl der Kommentatoren sieht die Schuld nicht bei äußeren Faktoren, nicht bei der Höhenluft im Trainingslager, die vor allem Rooney die Luft geraubt haben soll. Dieses Argument hatte man in den vergangenen Wochen häufiger lesen können als Erklärung für den Totalausfall des Mannes von Manchester United. Doch seit Sonntagabend ist die englische Fußballseele durch so etwas wie eine Katharsis gewandert. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen.

Besonders bezeichnend dafür: In den für ihre Weltkriegs-Bilder so bekannten Boulevard-Zeitungen wenden sich die Angriffe gegen die eigene Mannschaft. Kolumnist Richard Littlejohn von der "Daily Mail" teilt den englischen Nationalspielern den Gipfel aller Beschimpfungen zu (und schafft es nebenbei, die Deutschen nicht zu vergessen): "Gott sei Dank haben 'die Wenigen' England damals nicht so schlecht verteidigt wie gestern Englands Fußballer in Bloemfontein - sonst würden wir alle Deutsch sprechen." Es sind die Worte Winston Churchills, die der Kolumnist hier verhackstückt - Churchill sagte nach dem britischen Luftabwehrkampf gegen die Deutschen: "Noch nie in der Kriegsgeschichte verdanken so Viele soviel so Wenigen."

Es waren keine "10 German bombers" mehr unterwegs

Passenderweise waren während der Übertragung des Spiels aus Südafrika in schöner Regelmäßigkeit zwei als Bomberpiloten verkleidete England-Fans in der Zuschauermenge gezeigt worden, die mit zunehmender deutscher Torflut einen immer verloreneren Gesichtsausdruck zeigten. Da half auch der aufgeklebte Schnurrbart und die alten Pilotenmützen nichts mehr - einer der bekanntesten <linksextern adr="http://de.wikipedia.org/wiki/Ten_German_Bombers">englischen Fußballsongs "10 German bombers in the air" war jedenfalls nicht zu hören am Sonntagabend.

"Gedemütigt" titelte die "Times" in ihrer Sonderbeilage zur Weltmeisterschaft. Und ist sich einig mit anderen Kommentatoren der großen Tageszeitungen: So schlimm sei das Spiel der englischen Mannschaft gewesen, dass sogar die Kontroverse um das zweite englische Tor irgendwie egal sei. Es wird - jedenfalls nach heutigem Stand - aus dieser Fehlentscheidung des Schiedsrichters keine Wembley-ähnliche Legende werden. Das Spiel wäre auch mit diesem Tor in der Katastrophe geendet.

Beckham, das Unglücksmaskottchen

England nimmt nun Abschied von seiner "goldenen Fußball-Generation". Seit 13 Jahren versuchen diese Spieler rund um David Beckham endlich den Pokal nach Hause zu bringen - nach mehr als 40 Jahren quälenden Wartens. Vielleicht war es ein Zeichen, dass Beckham diesmal auf der Bank saß mit angeschlagener Achillessehne und schicker Weste. Es gibt einige, die ihn als eine Art Unglücksmaskottchen ausgemacht haben für die Erfolglosigkeit eines Teams aus großartigen Einzelspielern, obwohl er bei dieser Weltmeisterschaft gar nicht gespielt hatte.

Der Grad der Verstörtheit ist vielleicht zu ermessen, wenn man bedenkt, dass die Worte Franz Beckenbauers inzwischen als eine Art prophetische Deutung gesehen werden. Des Kaisers Kommentare über das "kick and rush"-Spiel der Engländer, über ausgepowerte Premier-League-Spieler und fehlende Nachwuchsförderung durch die großen Vereine werden plötzlich nicht mehr als Angriff, sondern als mögliche Problem-Analyse gewertet. Es scheint, als stehe England dort, wo Deutschland war, bevor es sich einst mit Hilfe von Jürgen Klinsmann aufgerappelt hatte.

Der gilt in Großbritannien übrigens immer noch als einer der ganz Großen. Der englische Nationaltrainer Fabio Capello bestand darauf, dass sein Job sicher sei, auch nach dieser WM. Capellos Vertrag wurde erst kurz zuvor um zwei Jahre verlängert. Bei den Buchmachern kann man bereits darauf wetten, wie lange er tatsächlich durchhalten wird.

P.S.: Wie sieht die Zukunft der englischen Mannschaft aus? Diskutieren Sie über das Spiel auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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