WM-Test "Wir müssen uns daran aufgeilen"


Der 4:1-Sieg des DFB-Teams gegen die USA fiel deutlicher aus, als er wirklich war. Besonders in der ersten Hälfte war die Verunsicherung spürbar. Aber dann bewies die Mannschaft von Jürgen Klinsmann Moral - das macht Hoffnung für die WM.
Von Klaus Bellstedt, Dortmund

Im Vorfeld der Partie gegen die US-Boys war viel darüber spekuliert worden, wie das Dortmunder Publikum die Versager von Florenz mitsamt ihrem polarisierenden Trainer wohl begrüßen würde. Vor allem dem zuletzt in die Schusslinie geratenen Jürgen Klinsmann dürfte auf dem Weg durch die Katakomben ein einigermaßen mulmiges Gefühl beschlichen haben. Völlig umsonst, wie sich wenig später herausstellen sollte: Die knapp 65.000 Zuschauer in der WM-Arena peitschten ihr Team von der ersten Minute an bedingungslos nach vorne.

Und die von Jürgen Klinsmann äußerst stürmisch ausgerichtete Mannschaft ließ sich davon sofort inspirieren. Angetrieben von ihrem Kopf Michael Ballack suchte sie ihr Heil in der Offensive. Mit Klose, Asamoah und Podolski standen drei nominelle Angreifer in der Startaufstellung, die mit Vorlagen gefüttert werden wollten. Zehn, vielleicht 15 Minuten sah das alles sehr ansehnlich aus. Die Spieler hatten sich etwas vorgenommen, das war ihnen zu Beginn deutlich anzumerken. Im Stadion machte bereits voller Vorfreude auf den ersten Treffer "La Ola" die Runde. So eine mutige Anfangsphase hatte man lange nicht mehr von der DFB-Auswahl gesehen. Dumm nur, dass das Tor nicht fallen wollte. Was fatalerweise zur Folge hatte, dass die neue Leichtigkeit plötzlich wie weggeblasen schien.

Wiedergutmachung in den Köpfen, Blei in den Füßen

Auf einmal war sie wieder da, die Verunsicherung. Das Gespenst von Florenz kreiste über dem Dortmunder WM-Stadion. Pässe über drei Meter kamen nicht mehr an, die pure Angst vor dem Versagen stand den Spielern ins Gesicht geschrieben. "Wir wollen Euch kämpfen sehen", skandierten die Fans - aber die Mannschaft konnte nicht kämpfen. Eine innere Blockade im Kopf schien sie zu lähmen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn an diesem Abend anstelle der B-Auswahl der Amerikaner, Argentinier oder Engländer auf dem Platz gestanden hätten. Die deutsche Mannschaft, die so gut begonnen hatte, wäre in dieser Phase in ihre Einzelteile zerlegt worden. Auch auf den Rängen kippte die Stimmung. Mit einem gellenden Pfeifkonzert wurden die "Klinsmänner" in die Kabine verabschiedet.

"Wir konnten das nicht auf uns sitzen lassen", beschrieb Christoph Metzelder die Gefühlslage der Spieler zur Pause. Und in der Tat: Wer nun geglaubt hatte (und das waren nicht wenige), dass sich die trostlose Vorstellung nach dem Motto 'Wiedergutmachung in den Köpfen, Blei in den Füßen' weiter fortsetzen würde, wurde von der deutschen Nationalmannschaft eines Besseren belehrt. 45 Sekunden nach Wiederanpfiff war es der eingewechselte Bastian Schweinsteiger, der mit einem direkt verwandelten Freistoß die vielleicht wichtigsten zweiten 45 Minuten in der Trainer-Ära des Jürgen Klinsmann eröffnete.

Ein Sieg der Moral

Auch wenn der Knoten im Anschluss nicht vollends platzen wollte, so gab das Tor der jungen Mannschaft doch ein Gefühl von Sicherheit. Irgendwie passte es zu diesem "Psycho-Spiel", dass Torwart Oliver Kahn kurz nach dem Führungstreffer eine so genannte "Hundertprozentige" der taktisch gut eingestellten Amerikaner von der Linie kratzte. Der postwendende Ausgleich hätte dem an diesem Abend nur mit einem ganz dünnen Nervenkostüm ausgestatteten Team vermutlich das Genick gebrochen. Wie Balsam müssen stattdessen die drei wunderschön heraus gespielten Tore von Neuville (73.), Klose (79.) und Ballack (79.) zum zwischenzeitlichen 4:0 auf die geschundenen Seelen der deutschen Kicker gewirkt haben. "Das hat Spaß gemacht, zuzuschauen", lobte hinterher der Trainer.

So wurde es am Ende ein Sieg der Moral. Die Freude darüber wurde beim längst wieder versöhnten und bereits in WM-Form befindlichen Dortmunder Publikum selbst durch das Gegentor von Eddie Johnson nach einem Kahn-Fehler (82.) nicht getrübt. "Es war ein Arbeitssieg, der für die Mannschaft immens wichtig war", analysierte hinterher der Dortmunder-Profi Christoph Metzelder nüchtern. Stürmer Miroslav Klose wurde da schon wesentlich blumiger in seiner Sprache: "Daran müssen wir uns aufgeilen", so der Torschütze zum 3:0.

Totale Identifizierung

Jürgen Klinsmann zeigte sich bei seinem Fazit beeindruckt von der Willensstärke seines Teams: "Mir hat imponiert, wie sich die Jungs in der zweiten Hälfte selbst aus dem Sumpf gezogen haben." Und er fügte nicht ohne Stolz hinzu: "Da hat man gesehen, dass sich jeder Einzelne mit dem Trikot der Nationalmannschaft total identifiziert." Im Hinblick auf die WM macht das in der Tat Mut. Aber was eigentlich noch viel wichtiger ist: Die Mannschaft hat durch den keineswegs glanzvollen 4:1-Erfolg Fans und Medien wieder hinter sich gebracht. Und nur so ist es möglich, in Ruhe auf ein Ziel hinzuarbeiten.


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