Peking-Skizzen, Teil 17 Die Fassade bröckelt schon


Noch drei Tage Olympia, noch drei Tage Hochglanz-China. Aber schon jetzt erlebe ich erste Vorzeichen der Zeit nach den Spielen. Die Wettkampf-Hallen werden ausgeräumt, man macht sich bereit für das normale Leben. Dass dies dann nicht mehr viel mit der Olympia-Welt zu tun haben wird - das ist mir seit letztem Abend mehr als klar.
Von Jens Fischer, Peking

Gestern Abend wurde es wieder einmal spät für mich. Die Leichtathletik-Wettbewerbe waren gegen 22.30 Uhr beendet, als ich mich auf den Weg zurück zum Pressezentrum machte. Vorbei an der beeindruckenden Fechthalle und dem faszinierenden Turntempel. Vorbei an den Orten, wo die deutschen Fechter Doppel-Gold holten und wo unser vermeintlicher Super-Star Fabian Hambüchen mit seiner Bronzemedaille eine seiner größten sportlichen Enttäuschungen erlebte.

Beide Wettkampfstätten hatten zu der Zeit, als dort noch Wettkämpfe stattfanden, eines gemeinsam. Alles war perfekt organisiert, Journalisten und Sportlern fehlte es an nichts und in gewissen Momenten hatte ich sogar den Eindruck, hier könnte Sportgeschichte geschrieben werden. Die Chinesen hatten auf jeden Fall an alles gedacht, um der Welt zu zeigen: Dem Land geht es gut, wir sind die perfekten Planer, getreu dem hier allgegenwärtigen Olympia-Motto: "Wir alle gemeinsam bauen Peking neu auf." Und ab und zu, allerdings recht selten, kam sogar so etwas wie ein wenig Glamour auf.

Heruntergekommen, verrostet

Dieses Gefühl findet für mich in der Nacht zu Freitag ein jähes Ende. Und zwar auf Höhe des Turnstadions. Da schleppen sichtlich unterbezahlte Arbeiter in notdürftiger Arbeitsmontur tonnenweise Tische, Tribünen und anderes Stahlgerüst aus der Halle. Ein Lastwagen wird bereitgestellt, der locker 25 Jahre auf dem Buckel hat. Heruntergekommen, verrostet, nur mit gutem Willen als fahrtüchtig zu bewerten - in diesem Moment ist für mich der olympische Glanz wie weggeblasen. Weg ist der Glamour-Faktor, das normale Leben Chinas ist über mich hineingebrochen. Der olympische Krimskrams aus der Turn- und Fechthalle wird achtlos auf den Schrott-Laster geworfen und notdürftig verzurrt. Da steht der Laster nun mit seiner olympischen Last - auf dem Weg zum Schrottplatz? Fast kommt es mir so vor.

Wunderbare Inszenierung

Was hat die Welt in den letzten 14 Tagen von Olympia gesehen? Modernste und mit Abermillionen hoch gezogene Wettkampfhallen und Stadien, perfekt funktionierende Helfer, beste Arbeitsbedingungen für Journalisten und tolle Stimmung bei den Zuschauern. Einfach alles wunderbar. Soziale, wirtschaftliche und nicht zuletzt politische Missstände hatten dabei keinen Platz, alles war wunderbar inszeniert, wie eine große Theatervorstellung für die Beobachter aus der ganzen Welt.

Risse in Olympias Fassade

Jetzt ist Olympia fast vorbei. Da steht er vor mir, der verdreckte Laster. Für mich ein Synonym der anderen Seite Chinas. In der Dunkelheit der Nacht wird alles weggeschafft, die Fassade Olympias beginnt für mich spätestens jetzt zu bröckeln. Ich stelle mir unweigerlich die Frage: Was bleibt zurück? Wird die chinesische Bevölkerung von Olympia profitieren? Ist für die Menschen etwas besser geworden? Oder rückt China schon bald wieder aus dem Fokus der Beobachtung und nichts hat sich verbessert?

Ich hoffe nicht. Aber dann sehe ich wieder den Laster.


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