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Deutschland-Achter: "Alle haben Schuld"

Der Deutschland-Achter galt einst als Flaggschiff des deutschen Rudersports. Im olympischen Vorlauf wurde er jedoch versenkt. stern.de sprach mit einem, der wissen muss, woran es lag. Jörg Dießner, ehemaliger Bugmann des Achters und vor den Spielen ausgebootet, erklärt die Gründe des Desasters.

Der Deutschland-Achter galt über Jahre als das Flaggschiff. Wie konnte es jetzt zu diesem Debakel kommen?

"Alle haben Schuld: Athleten, Trainer und Funktionäre. Es gab aber schon im Vorfeld der Spiele Probleme, die zu dem frühen Ausscheiden führten. Der alte Bundestrainer Dieter Grahn besaß, trotz der Erfolge in den letzten Jahren keine starke Position im Deutschen Ruderverband und musste nach einem schlechten Saisonstart den Hut nehmen. Mit Christian Viedt wurde ein neuer unerfahrener Trainer installiert. Verband und Trainer trafen kurzfristig die Entscheidung, den Achter mit jüngeren Ruderern zu besetzen."

Mit welchen Gefühlen haben Sie das Rennen am Bildschirm verfolgt?

"Es war ein trauriger Tag für den deutschen Rudersport. Meine Gefühle sind schwer zu beschreiben. Ich wäre natürlich gern dabei gewesen, durfte aber nicht. Schadenfreude liegt mir natürlich fern. Doch meine Kollegen des alten Deutschland-Achters und ich fühlen uns natürlich schon in unserer Meinung bestätigt, dass der Deutsche Ruderverband die falsche Entscheidung getroffen hat: Man kann kein komplettes Team von Heute auf Morgen austauschen und dann acht Wochen später olympisches Gold gewinnen. Unsere Leistungen der letzten zwei Jahre wurden seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft komplett unterbewertet."

Warum wurde ihr Team vor Olympia ausgebootet?

"Wir forderten beim Verband ein Ausscheidungsrennen gegen das neue Perspektiv-Achter-Team. Unser Argument war: Wenn die neue Mannschaft gewinnt, dann sind sie nicht angreifbar, sondern konkurrenzfähig. Sie haben dann einen Maßstab, weil sie den Weltmeister von 2006 geschlagen haben. Diesen Vorschlag lehnte Sportdirektor Michael Müller ab. Seine Begründung: Der Zeitpunkt, so kurz vor Olympia, wäre zu kurzfristig. Ich sage: Man kann nicht acht individuell starke Sportler in ein Boot setzen und fertig ist ein Sieger-Team. Eine Mannschaft muss man aufbauen."

Erste Reaktionen des gescheiterten Deutschland-Achter nach dem Rennen schossen auch gegen ihr Team. Sie hätten demnach durch Äußerungen im Vorfeld der Wettkämpfe absichtlich für Unruhe gesorgt.

"Im Moment des Ausscheidens ist man natürlich sauer und äußert sich oft emotional. Dafür habe ich Verständnis. Wir haben uns damals direkt nach der Entscheidung des Verbandes erklärt, später aber nicht gestänkert."

Sie und ihre früheren Kollegen haben sich nun entschieden, ihre Karriere zu beenden.

"Für uns war schon vor Olympia klar, dass wir nach Peking aufhören werden. Die Teilnahme an den Spielen war für die Entscheidung nicht ausschlaggebend. Den Rücktritt haben wir deshalb erst jetzt bekannt gegeben, weil wir nicht unnötig Unruhe stiften wollten."

Nur einer ihrer Kollegen hat sich ihrer Entscheidung nicht angeschlossen, warum?

"Meine Mitstreiter und ich sind in ein Alter gekommen, in dem man mit dem Rudern aufhören kann, vor allem nach all den Erfolgen die wir hatten. Jan Tebrügge hat noch den Großteil der Karriere vor sich. Dafür wünschen wir ihm alles Gute. Es war kein Thema für uns, dass er mit aufhören muss."

Haben Sie Pläne für die Zukunft?

"Im September schließe ich mein Studium der Wirtschaftsgeschichte ab. Dann suche ich mir einen Job. Natürlich werde ich auch meinem Heimatverein dem "Dresdner Ruder Club" verbunden bleiben und ihm meine Hilfe anbieten."

Die Mehrzahl der Beteiligten fordert einen Neuaufbau des Teams und der Strukturen im Verband. Was muss ihrer Meinung nach passieren, damit man an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen kann?

"Der Posten des Sportdirektors Michael Müller muss als Konsequenz des schlechten sportlichen Abschneidens bei den Spielen neu besetzt werden. Auch die Verbandsspitze um Präsident Siegfried Kaidel muss zurücktreten. Des Weiteren sollte der Bundestrainer mehr Entscheidungsgewalt erhalten. Zurzeit reden ihm zu viele Menschen in seinen Job, mit denen er sich deshalb immer wieder gut stellen muss. Das alles wäre aber nur der Anfang einer langen Liste der Erneuerung."

Ist mit dem Ausscheiden des Flagschiffs Olympia für die deutschen Ruderer gelaufen oder haben die restlichen Boote noch Chancen, einen versöhnlichen Abschluss einzufahren?

"Ganz klar: Der Deutschland-Achter ist das Führungs-Boot. Aber deshalb wird nicht die ganze Flotte versagen. Zumal beispielsweise im Doppel-Vierer der Männer und der Frauen die Vorraussetzung einfach besser sind. Die Ruderer dort, haben Erfahrung."

Interview: Sebastian Pittelkow
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