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Gewichtheber Matthias Steiner: "Es war ein Sieg für Susann"

Was für ein Moment, was für ein Wettkampf: Gewichtheber Matthias Steiner holt Gold und wird zum Helden von Peking. Hinter dem stärksten Mann der Welt steckt eine bewegende Geschichte: Erst Anfang 2008 wird er Deutscher, und im vergangenen Jahr erlebt er den schrecklichsten Moment seines Lebens.

Von Jens Fischer, Peking

Nach seinem letzten entscheidenden Versuch gibt es für Steiner kein Halten mehr. Gerade hat er mit unglaublicher Kraft ein Gewicht von sage und schreibe 258 Kilogramm in die Höhe gestemmt und das Unglaubliche noch möglich gemacht. Er ist der stärkste Mann der Welt und hat die zu Mensch gewordenen Ungetüme Evgeny Chigishev (Russland) und Viktors Scerabathis (Lettland) auf die weiteren Medaillenränge verwiesen. Die Hantel ist quasi noch in der Luft, da springt Steiner schon wie Rumpelstilzchen über das Podium, auf dem er in den letzten eineinhalb Stunden die größte sportlich Leistung seines Lebens vollbracht hat. Er ballt die Fäuste, alles fällt ab, Steiner ist Olympiasieger.

"Das ist Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn", brüllt er in die Mikrofone der vielen Journalisten. Die meisten von ihnen waren das erste Mal zu Gast beim Gewichtheben und das, obwohl Fabian Hambüchen parallel am Reck um Gold kämpfte. Ihr Besuch hat sich gelohnt. Steiners Triumph ist viel mehr als nur der Sieg in einem olympischen Wettkampf, viel mehr als nur Gold, es ist in erster Linie der Sieg über den eigenen Schmerz.

Das Schicksal kannte keine Gnade

Rückblick: Im Jahr 2004 bekommt Steiner eine E-Mail von einer ihm damals noch unbekannten jungen Frau. Sie wolle ihn kennen lernen, liest er. Wenig später nimmt diese Frau von Chemnitz den Zug nach Obersulz, wo Steiner wohnt. Sie treffen sich und lassen von da an einander nicht mehr los. Steiner zieht nach Chemnitz zu seiner Susann, im Dezember 2005 heiraten sie. Eineinhalb Jahre später kennt das Schicksal keine Gnade. Steiners Frau verunglückt mit dem Auto und stirbt wenig später im Krankenhaus. Seitdem ist die verstorbene Susann immer bei ihm, bei jedem Training, jedem Wettkampf, einfach immer.

Es ist geschafft. Gold, Gold, Gold. Nach schwachem Start in den Wettkampf steigert sich Steiner kontinuierlich und schafft das, was die voll besetzte Halle nicht mehr für möglich hält. Sieg im letzten Versuch, ein Traum wird wahr. Der Deutsche reißt sich das Trikot vom Leib, zeigt stolz auf den deutschen Bundesadler, weint, kann es nicht fassen, was gerade passiert ist. Und dann zeigt er mit dem Finger in die Höhe, dahin, wo er seine verstorbene Frau vermutet. Auch diesmal war sie wieder bei ihm. Er weiß das und ist glücklich, sie nicht enttäuscht zu haben.

"Sie ist immer an meiner Seite"

"Sie begleitet mich und ist an meiner Seite. Vor, während und nach dem Wettkampf. Ich wünsche mir nichts mehr, als das sie das heute hier gesehen hat", erzählt er tief gerührt nach seinem Sieg. "Ich bin zwar kein Typ, der an Überirdisches glaubt, aber meine Frau sieht mich. Da bin ich mir sicher." Und ergänzt: "Es war ein Sieg für meine Susann."

Hinter Steiners Gold-Triumph steckt aber noch eine zweite Geschichte. Der 26-Jährige gelernte Installateur ist eigentlich Österreicher. Aber die Gewichtheber-Nation weiß nicht so recht, was sie mit Steiner anfangen soll. Bei den letzten olympischen Spielen in Athen wird er mäßiger Siebter mit einer Last von insgesamt 405 Kilogramm. Am Dienstagabend schafft er 461 Kilogramm - ein Unterschied wie eine Welt. Die Leistungsexplosion hat Gründe.

Nach heftigem Streit mit dem österreichischen Gewichtheber-Verband wegen nicht erfüllter Forderungen verlässt Steiner im Ärger den Verband und lernt in Chemnitz, wo er mit seiner Frau Susann wohnt, seinen jetzigen Trainer Frank Mantek kennen. Die beiden ergänzen sich auf Anhieb und werden zu Freunden. Mantek versteht Steiner und seinen Schmerz nach dem Tod der Frau, er geht auf ihn ein und schafft gegenseitiges Vertrauen. Steiner will die deutsche Staatsbürgerschaft, im Januar 2008 erhält sie nach drei Jahren Wartezeit. In diesen drei Jahren bestreitet er keinen internationalen Wettkampf, die Europameisterschaft im April dieses Jahres war sein erster. Steiner wird Vize-Europameister und weiß in diesem Moment: Ich kann auch in Peking ganz vorne landen.

Mit dem Bild seiner verstorbenen Frau aufs Podest

Jetzt steht er mit verweinten Augen ganz oben auf dem Sieger-Podest mit der Goldmedaille um den Hals, singt voller Stolz die deutsche Nationalhymne und hält ein Bild seiner verstorbenen Susann in die Höhe. Etwas abseits kann Steiners Trainer Mantek nicht begreifen, was gerade passiert ist. Zuvor waren sich Mantek und das Team noch jubelnd in den Armen gelegen - jetzt sind alle nur noch tief gerührt.

"Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit dafür, was ich in Deutschland alles erlebt habe und fühle mich sauwohl", sagt Steiner auf seinem Gang in die Pressekonferenz. Und vergisst dabei seinen Trainer nicht: "Ihm habe ich alles zu verdanken. Er hat mich so gut gemacht."

Dann muss er weiter - es wollen noch so viele etwas von ihm wissen.

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