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Medaillen-Zielvorgaben: Bestimmt nur ein Missverständnis

Wäre es nach den Vorstellungen der Olympia-Funktionäre gegangen, hätte das deutsche Team 86 Medaillen geholt. Der DOSB bedauert nun, den Eindruck einer "Medaillen-Planwirtschaft" erweckt zu haben.

DOSB-Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper haben die umstrittenen Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden verteidigt. Die beiden Spitzenfunktionäre räumten aber Kommunikationsdefizite ein. Man müsse eingestehen, "dass wir uns mit dem Namen Zielvereinbarung vergriffen haben", sagte Bach am Samstag. "Das sollten in Zukunft besser Fördervereinbarungen sein, um deutlich zu machen, um was es hier geht - nämlich um vier Jahre vor Olympischen Spielen ein abstraktes Potenzial zu identifizieren."

Vesper, Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft, bemühte sich noch einmal klarzustellen: "Die Zielvereinbarungen waren nie als Prognose zu verstehen oder gar als Medaillen-Planwirtschaft." Es seien keine einseitigen Vorgaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewesen, sondern mit jedem einzelnen Sportverband gemeinsam entwickelte Einschätzungen der Potenziale. Dieses System der Leistungssteuerung "erfreue sich weiter großer Zustimmung in den Fachverbänden".

Olympia-Team sollte 86 Medaillen holen

Das Bundesinnenministerium hatte am Freitag die internen Zielvereinbarungen erstmals veröffentlicht. Darin strebte das deutsche Olympia-Team in London 86 Medaillen an, davon 28 aus Gold. Kaum ein Verband erreichte die vereinbarten Ziele.

Vor den letzten beiden Wettkampftagen hatte die deutsche Mannschaft mit 43 Mal Edelmetall die Medaillenzahl von 2008 (41) übertroffen. "Dass sie im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen als in Peking hat, hätte ich nicht erwartet", sagte Bach.

Ein ehemaliger Turner verteidigt die Vorgaben

Eberhard Gienger, ehemaliger Turner, der die Vereinbarungen vor vier Jahren selbst mit auf den Weg brachte, verteidigt dagegen die Vereinbarungen und bedauert deren Veröffentlichung. "Die internen Vorgaben waren keine Luftschlösser, sie beruhten auf konkreten Ergebnissen der einzelnen Verbände bei vergangenen Höhepunkten", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete, der 2008 in seiner Verantwortung als DOSB-Vizepräsident Leistungssport die Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden für den Olympia-Zyklus selbst mit ausgearbeitet hatte, der DPA. Personelle Konsequenzen lehnte er fürs Erste ab.

"Sicher waren die Ansätze sehr hoch. Doch es ist nötig, sich immer höhere Ziele zu setzen, als sie dann am Ende erreicht werden können", erklärte Gienger. Am Freitag wurde klar, dass die Deutschen in London ihre Medaillenziele deutlich verfehlen werden. Schon vor dem Abschlusstag stand fest, dass die in der internen Zielvereinbarung angestrebte Anzahl von 86 Medaillen, davon 28 aus Gold, an der Realität vorbeiging.

Große Verlierer waren Schwimmer, Fechter und Schützen

"Ich halte es für keine gute Entscheidung, diese Ziele jetzt öffentlich zu machen. Denn das Prinzip Hoffnung, das man jedem Verband zugestehen muss, wird dabei ignoriert", so Gienger bedauernd. Er selbst habe das als Athlet ähnlich gehalten: "Manchmal wusste ich, dass ich von der Papierform her keine Chance hatte, trotzdem habe ich mir das Ziel gestellt, meinen Wettkampf zu gewinnen."

Als große Verlierer kehren vor allem Schwimmer, Fechter und Schützen nach Hause zurück. Gienger sieht aber derzeit keine Gründe für personelle Konsequenzen wegen verfehlter Ziele. "Erst einmal muss es zu gründlichen Analysen kommen, warum bestimmte Verbände ihre Ziele nicht erfüllt haben. Diese können ganz unterschiedlich sein. Erst wenn das aufgearbeitet ist, sind Konsequenzen fällig", forderte Gienger.

DPA / DPA

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