HOME

Stern Logo Olympia 2012

Olympia 2012 in London: Big Ben läutet die Spiele ein

Es ist soweit: Am Abend beginnen in London die Olympischen Spiele. Die Athleten sind längst da, und auch die Stadt ist bereit. Am Morgen läuteten im ganzen Land die Glocken.

Von Cornelia Fuchs, London.

"Oh, mein Gott", kreischt das kleine Mädchen mit dem weiß-goldenen "London2012"-T-Shirt. Sie steht an der Treppe der U-Bahn und hält in der Hand eine Replika der goldenen Olympia-Fackel, ohne Flamme versteht sich. "Du bist jetzt in den Geschichtsbüchern", sagt eine ältere Frau neben ihr und das Kind kreischt noch ein bisschen mehr und versteckt ihr Gesicht hinter ihren Händen. Die Mädchen neben ihr lachen.

Die Kleine hat im Nordlondoner Stadtteil Camden die Olympia-Fackel tragen dürfen für einige hundert Meter. In aller Herrgottsfrühe um halb sieben haben hunderte Schaulustige hier an der Straße gestanden, sonst machen Geschäfte hier selten vor elf Uhr auf und Musiker spielen bis spät Nachts in kleinen Pubs. Die Menschen haben sich aus den Betten gequält, um die Fackel zu begrüßen, die von hier ihren Weg quer über den Bahnhof King's Cross nahm, mit einem der Narrow Boats über die Kanäle schipperte, durch die Viertel in Kensington geschleust wurde und schließlich in Westminster ankam. Stets war kaum ein Durchkommen durch die Zuschauermenge.

Freundliche Helfer in lila-farbenen Anzügen

Die olympischen Spiele sind in London gelandet und es ist, als ob die Stadt endlich aufgewacht ist. Die Londoner haben – fast erstaunt – bemerkt, dass die Welt ihnen dabei zuschaut, wie sie diese Sache über die Bühne bringen. Die endlosen Beschwerde-Tiraden wirken jetzt fast peinlich. Und es scheint, als wollten alle den etwas wackeligen Stark mit umso mehr Enthusiasmus und Freundlichkeit vergessen machen.

In Stratford, dem Olympia-Bahnhof, liegt das Zentrum des olympischen Universums. Noch hat kein Wettbewerb angefangen, aber in den Bahnen quetschen sich die Menschen schon wie Sardinen. Doch die Stimmung ist gut. Empfangen werden alle von freundlichen Helfern in lila-farbenen Anzügen, die mit riesengroßen pink-farbenen Händen den Weg zum Olympia-Park weisen. Pink ist die olympische Farbe in London, überall weisen knallbunt leuchtende Hinweis-Schilder den Weg zu den Sportstätten. Und alle Wege scheinen nur noch in den Olympia-Park zu führen oder zu den Horse Guards in der Mitte der Stadt, wo Sand aufgeschüttet wurde für das Beachvolley-Ball-Turnier.

Olympia, mitten vor der Nase

In Stratford wird die Menschenmasse Richtung Olympia-Park durch ein riesiges Einkaufszentrum geschleust. Und plötzlich ist Olympia da, mitten vor der Nase: Ein kubanischer Riese steht, lässig angelehnt, an einem Fahrradständer. Vor ihm läuft eine zierliche Frau aus Sri Lanka in Teamfarben und mit Adiletten vorbei. Und das Team mit den Batik-Hemden aus West-Afrika tauscht mit einem Australier Anstecker in Landesfarben. Zwischen den Sportlern der Welt schlendern Polizisten mit den bekannten Bobby-Helmen. Und Soldaten in Camouflage-Anzügen. Doch es wirkt nicht bedrohlich, dieser Auflauf der Staatsgewalt. Vor allem englische Besucher suchen die Nähe zu den Uniformierten. Kinder lassen sich mit den Soldaten fotografieren.

Hin und wieder hört man ein "Thank you, mate" aus der Menge. Der Notfall-Einsatz der Truppen nach dem Reinfall mit der privaten Sicherheitsfirma G4S ist ein PR-Glücksfall für das Verteidigungsministerium. Die Privat-Firma G4S hatte kaum zwei Wochen vor Beginn der Spiele vermelden müssen, dass sie nicht die volle vertraglich vereinbarte Zahl von Sicherheitsleuten bereit stellen kann. Über 5000 Soldaten wurden daraufhin aus dem Urlaub und aus Deutschland abkommandiert, einige waren gerade erst aus Afghanistan zurückgekehrt. Sie wurden sogleich zu den Helden der Spiele erkoren.

Big Ben läutet die Spiele ein

Jetzt stehen sie an den Eingängen zu den Sportstätten und kontrollieren – nicht nur die Besucher, sondern auch die oft schlecht ausgebildeten Privat-Wachmänner, neben denen sie arbeiten. "Hört nicht auf die", sagt einer der Soldaten in die Schlange: "Die haben keine Ahnung. Es ist, als ob man mit bloody Kindern arbeiten müsste." Alle lachen. Es ist auch so etwas wie Erleichterung dabei.

Heute Morgen um Punkt 8.12 Uhr hat Big Ben drei Minuten lang geläutet, zusammen mit allen Glocken im Land. Es war das erste Mal seit dem Tod von König George VI. im Jahr 1952, dass das Wahrzeichen außer der Reihe erklang. Es gab sogar eine App für zu Hause, mit der man sein Telefon in eine olympische Glocke verwandeln konnte. Es war ein höllisches Spektakel, ein Einläuten der Spiele und Ausläuten der schlechten Laune. Es kommt jetzt sogar vor, dass Londoner in der U-Bahn sich zulächeln, ganz vorsichtig, wenn schon wieder die Ansage des Bürgermeisters Boris Johnson durch die Waggons schallt: "Hi folks, hier ist der Bürgermeister. Dies ist das größte Ding für London seit 50 Jahren, es wird ganz schön voll werden." Die Stadt ist bereit.

Cornelia Fuchs
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity