SPORT Cowboy als Wahlfach


Mehr als nur ein Sport: Wenn das Rodeo-Team der Santa Fe High School aufs Pferd steigt, geht es zu wie einst im Wilden Westen.

Gebräunte Haut, grosse Hände und unter dem breiten Hut kurze silbergraue Haare: Frank Jaramillo ist ein kerniger Cowboy. Aufgewachsen ist er auf einer Ranch im Norden von New Mexico, und noch heute hält seine Familie dort eine Herde mit 85 Rindern. Auch seine 15-jährige Tochter Miranda sei ein »geborenes Cowgirl«, sagt er stolz. Dann verabschiedet er sich aus dem großen, mit Lassos, Sätteln und Pferdedecken voll gestopften Wohnwagen. Er will eines der vier Pferde von seinem 31 Morgen großen Gelände südlich von Santa Fe holen. Ein Rudel von fünf Hirtenhunden folgt ihm.

»Als ich zwei Wochen alt war, hat mein Dad mich auf ein Pferd gesetzt«, erzählt Miranda, »seither bin ich immer geritten.« Jeden Abend galoppiert Miranda mit ihrem Pferd Wendy für ein paar Stunden durch das ausgetrocknete Flussbett in den Ortiz-Bergen. Die Sommerferien verbringt sie auf der Familienranch in Chama, einem Flecken nahe der Grenze zu Colorado. Dort flickt sie Zäune, reitet junge Pferde zu, treibt Rinder zusammen und verpasst ihnen Brandzeichen. Und natürlich ist Miranda auch Mitglied im Rodeo-Team der Santa Fe High School.

»Rodeo ist mehr als ein Sport«, sagt Al Trujillo, »es ist ein Lebensstil.« Der Handwerkslehrer ist Gründer und Coach des Rodeo-Teams der Santa Fe High School. Neben Miranda gehören noch Ross Romero und Anthony Montano dazu. Ihre Fähigkeiten testen sie bei acht bis neun Rodeos pro Jahr. Ziel ist, sich für den nationalen Wettkampf zu qualifizieren, den jeden Juni eine andere Stadt im Westen ausrichtet.

Wie die rund 200 High-School-Rodeoreiter in ganz New Mexico träumen auch in anderen ländlichen Teilen der USA Tausende von Schülern davon, eines Tages an ein College mit einem guten Rodeo-Programm zu kommen. Statt Eminem oder Michael Jordan bewundern sie einen Bull-Rider wie Ty Murray oder beneiden Jessica Brayfield, die Rodeo-Königin der New

Mexico High School: Sie erkämpfte sich ein 18000-Dollar-Reit-Stipendium für die University of Missouri in Kansas City.

Rodeo ist so alt wie der amerikanische Westen: Um 1800 organisierten Rancher in Colorado, Texas, Arizona und New Mexico erstmals Treffen, bei denen Cowboys Rinder zusammentrieben, mit Brandzeichen versahen und dann zum Bahnhof nach Kansas City brachten. Unterwegs stießen andere Cowboys dazu; man maß sich im Lassowerfen, Rinderbrandmarken, Mustangszureiten und Kälberringen. Später kam noch ein Barbecue dazu und etwas Country-Dancing - schon war das Ganze ein Rodeo.

High-School-Teenager, die sich für Rodeo entscheiden, können heute zwischen verschiedenen Disziplinen wählen. Für Jungen gibt es Lassowerfen, Bull-Riding, das Ringen mit jungen Ochsen sowie Saddle-Bronc oder Bareback-Bronc - das Reiten auf halbwilden Pferden mit oder ohne Sattel -, für Mädchen ebenfalls Lassowerfen, Barrel-Racing, eine Art Slalom mit Pferd, Polebending, Ziegen-Fesseln.

Ein richtiges Rodeo dauert ein Wochenende; die Teilnahmegebühr beträgt 25 bis 45 Dollar. Dazu können pro Veranstaltung noch Hunderte von Dollars kommen für Ausrüstung, Anreise und Unterkunft, weiß Trujillo. Die Preisrichter vergeben Punkte für Schnelligkeit, Können, Stil, bewerten, wie sehr ein Tier ausschlägt und wie viel Sporen der Reiter gibt. Am Ende des Tages werden Preise verliehen: eine silberne, gravierte und Edelstein-besetzte Gürtelschnalle oder bis zu 400 Dollar Bargeld. Anschließend gibt es Party und Tanz zu Country & Western.

Wer an einem Rodeo teilnimmt, braucht Mundschutz, Handschuhe, lange Ärmel, Beinschützer und ein gepolstertes Wams, denn Rodeo ist ein gefährlicher Spaß. Häufige Verletzungen sind überdehnte Knie und Ellbogen sowie - wenn ein Pferd oder Bulle auf dem Reiter landet - Quetschungen. »Das Wichtigste ist das Training«, sagt Trujillo. »Man muss ler

nen, wieder aufzustehen, aus dem Weg zu springen und wie man richtig fällt.»

Der 18-jährige Ross hat sich während seiner siebenjährigen Bull-Riding-Karriere nur einmal das Handgelenk gebrochen. Trotzdem hat er viel Respekt vor den Tieren: »Ich habe mal gesehen, wie ein Rind einem Reiter auf den Mund trat«, erzählt er, »da waren alle Zähne weg.« Auf seinen ersten Bullen stieg Ross, als er zwölf war. Weil es kein Tier für Anfänger gab, musste er gleich auf eines für Profis. »Ich weiß noch, wie ich seinen Atem fühlte. Er schnaubte und stampfte mit den Hufen. Ich blieb nicht mal zwei Sekunden oben.«

In Mirandas Zimmer stapeln sich derweil Zeitungsausschnitte über ehemalige Rodeo-Prinzessinnen, Rodeo-Gedichte und Pferdefotos. In diesem Jahr will sie unbedingt Rodeo-Prinzessin werden, ein Titel, den Mädchen zwischen zwölf und 18 gewinnen können. Dafür müssen sie sich erst offiziell bewerben, später eine Rede halten, sich dabei in einem schicken Cowgirl-Outfit zeigen - und natürlich Spitzenleistungen auf und mit dem Pferd demonstrieren.

Sollte sie den Titel gewinnen, hofft Miranda mit den Besten Amerikas beim National Finals Rodeo antreten zu dürfen. Nach der High School möchte Miranda ans College und Tierärztin werden. Aber im Moment ist Rodeo das Wichtigste. Die Zeit sei knapp, und Wendy müsse in Form gebracht werden, sagt Miranda. Sie gibt der kastanienbraunen Stute die Sporen und reitet über einen staubigen Hügel davon, während die Nachmittagssonne die trägen Wüstenwolken erleuchtet.

Michelle Pentz, 35, und ehemalige Oskar's-Redakteurin, hatte mal ein Pferd. Heute schreibt sie lieber, weil Computer niemanden abwerfen


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