25. Sylter Surfweltcup Bussis, Stößchen und 5-Meter-Loops


Fliegende Männer in schwarzen Neoprenanzügen und Wikinger, die die Welt des Sports und ihren Gabelbaum fest im Griff haben. Sylt feiert in diesem Jahr seinen 25. Weltcup für Windsurfer. Cooler geht's nimmer.
Von Marina Kramper

Die Geschichte des Sylter Windsurf-Cups begann mit einer runtergelassenen Hose. Vor 25 Jahren trafen sich die Sylter Windsurflegende Jürgen Höhnscheid mit seinen Freunden Uwe und Brigitte Arnd, Thomas Herz und dem eingemeindeten Bayern Alois Mühlegger wie jeden Abend nach dem Wellengang im "Haus am Watt" in Keitum, weit weg von den Schickimickis, die sich in Westerland die Scampis zwischen die Kiemen schoben. Heute war man in wichtiger Mission zusammen gekommen, ein Windsurf Weltcup sollte zukünftig auf der Insel starten.

In der Kneipe quatschten die Insulaner über so wichtige Dinge wie die Organisation, den Wind und das Wetter. Hier blieb man "unter sich" und konnte bei der Klärung wichtiger Fragen ein Nickerchen machen und der Bequemlichkeit halber den Gürtel öffnen. Als die Organisationsmitglieder zur fortgeschrittenen Stunde anfingen, ihre Körpergrößen im Verhältnis zur Windstärke zu diskutieren, sprang Thomas Herz auf, um wahre Größe zu demonstrieren. So begann der Sylter Weltcup mit einem Mann in Unterhose.

Nordisch by nature waren sie, die Jungs von der Insel. Groß, meistens blond, vom Wind geschliffen und vom Wetter gegerbt. Und ziemlich attraktiv, denn der Wind, das Salzwasser und die Wellen sind Beautyfarm pur. Von Beruf Surfer, Windsurfer, Segler, Bademeister, Surflehrer, Surfmagazinredakteur, Shopbesitzer, eben alles rund ums Wasser und den Sport. Und nun, da waren sich die Seemänner einig, sollte es auf der sturmumtosten Insel einen Weltcup geben! Den Hawaianern wollte man zeigen, was ne steife Brise und ein berüchtigter Sylter Shorebreak sein kann! Man hatte geübt, sechs Jahre zuvor hatte Jürgen seinen Freund Robby Naish samt Familie nach Sylt eingeladen. Damals kam die Surf-Ikone noch mit Eltern und Geschwistern, auch Weltmeister waren mal Kinder. Der "Meet Robby Naish Cup" konnte dann auch eindrucksvoll von Robby gewonnen werden, gefolgt von seinem Vater Rick und Jürgen, dem Organisator.

Frühes Sylter Multitasking

Alois, der Bayer, wusste als Surf-Redakteur, wie man eine Veranstaltung organisiert und wurde zum Häuptling erklärt. Damit man auch richtig mit dem Brett heizen kann und nicht nur so ein bisschen hin und her cruisen, wurde der Ellenbogen, die nördlichste Spitze Sylts, als Austragungsort gewählt. Alois Mühlegger erinnert sich: "Zugelassen waren alle Boards der Konstruktionsklasse, also alles war erlaubt. Gestartet wurde ab vier Beaufort, der Sieger kriegt ein Speedboard mit Rigg, der zweite ein neues Brett." Vier Beaufort heißt für Landratten: mäßige Brise, leicht bewegte See, länger werdende Wellen und Schaumköpfe. Doch was nützt dem Surfer der Wind, wenn er keine Handbreit Wasser unterm Brett hat. Beim ersten Sylter Weltcup setzte die Ebbe die Sportler aufs Trockene, Finnen brachen ab, die Bretter mussten um die Leetonnen herumgetragen werden. Schlickwandern war angesagt!

Auch Jürgen Höhnscheid, der all die Erlebnisse um seine Windsurfkarriere und den Sylter Weltcup in dem Bildband "Mein Arbeitsgeber ist der Wind" verarbeitet hat, kann sein Lied aus der Anfangszeit singen: "Wir mussten den Regattaleiter spielen, Bojen setzen und sind dann als Teilnehmer an den Start gegangen. In Rantum brannte über Nacht die Hütte von Herbert Seckler ab, die wir für unser Wettbewerbs Hauptquartier nutzen wollten."

Frühes Sylter Multitasking. Aus der damaligen Hütte von Herbert Seckler ist heute das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Sansibar geworden. Die ersten vier hausgemachten Sylter Weltcups gewann Robby Naish. Den Rekord hält der 39 jährige Holländer Björn Dunckerbeck, der sich nicht nur mehrmals mit Robby Naish um die Krone stritt, sondern in diesem Jahr seinen 10. Slalom Sieg auf Sylt anpeilt.

Zeitsprung ins Jahr 2008. 25 Jahre Erfahrung haben den Sylter Weltcup erwachsen werden lassen. Seit 1990 organisiert Matthias Neumann mit seiner Hamburger Eventagentur das Sportspektakel. Inzwischen gehört der Weltcup zu den Veranstaltungen mit den meisten Zuschauern im Surfsport. In diesem Jahr wird die 200.000ender Zuschauermarke angepeilt. Der Cup hat den Status eines "Super Grand Slam". Als letzter Wettbewerb der World Tour wird am Sonntag von Robby Naish der diesjährige Weltmeister gekürt.

Surfer und Fans, Schöne und Reiche

Gestartet wird in drei Disziplinen, Jungs und Deerns getrennt: Slalom, Wellensurfen und Freistil. Viele Aktive gehen in allen drei Disziplinen am Start. Slalom, das heißt Speed pur und eine schnelle Halse. Beim Wellenreiten zeigen die Fahrer spektakuläre Sprünge, die so genannten Loops, die vorwärts und rückwärts gesprungen werden. Freistil entspricht ungefähr den Figuren beim Skateboarden. Die Surfer springen und drehen sich in halben und ganzen Turns auf den Brettern. Auch deutsche Wassermänner und Seejungfrauen surfen an der Spitze mit. Steffi Wahl, Klaas Voget, Bernd Flessner, der leider beim Slalom zu früh ausscheiden musste, Freestyler Andre Paskowski und der erst Vierzehnjährige Jon-Hendrik Frey.

Zur Eröffnungsfeier, für Preisverleihungen und Siegerehrungen quetschen sich Sportler und Verantwortliche in die Westerländer Kurmuschel. Am "Brandenburger Strand", wo sonst befrackte Musiker die Geigen singen lassen, schwenken einmal im Jahr die Athleten ihre Länderfahnen. Auf der Kurpromenade von Sylts Hauptstadt mischen sich Surfer und Fans mit den Schönen und Reichen. Hier schiebt man sich dicht an dicht durch die Edelfressmeilen, gibt sich Bussi, Bussi, macht Stößchen mit Prosecco und Weißwein und verspeist das Sylter Nationalgericht: Scampis. Der Weltcup wird nicht nur von Sportlern besucht, im Terminkalender der Syltversessenen ist er eine feste Größe. Dann staunen und raunen Urlauber und Einheimische über die exotischen Männer und Frauen aus Hawaii und dem Rest der Welt, die ihre ungeheuren Muskelpakete in schwarze Neoprenanzüge quetschen und an der Kurpromenade ihre fünf Meter Loops springen. Ohne die Surfer und den Weltcup wäre Sylt um eine Spezialität ärmer.


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