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Alpines Training: Wir sind Helden

Da muss man sich wie ein Rockstar fühlen: Das Skirenntraining im Robinson Club läuft wie bei Profis - mit abgesperrtem Hang und Skilegenden als Drillmeistern. Und ziemlich wilden Partys.

Nils sieht wirklich nicht gut aus heute. Wie er jetzt aus der Sauna rauskommt, ein Handtuch um die Hüften gebunden und mit von der Hitze errötetem Kopf, da schimmern seine Arme kontrastierend in Grün und Blau, und im Prinzip von der Schulter runter bis zu den Handgelenken. Es schaut ein wenig nach Folgen häuslicher Gewalt aus. Oder einer derben Wirtshauskeilerei. Und die soll's hier oben in den Bergen gar nicht mal so selten geben.

Blaue Flecken bedeuten für Skifahrer in etwa das Gleiche wie der Schmiss auf der Stirn für die Deppen von der schlagenden Verbindung; ein Zeichen für Mut und Verwegenheit und vor allem: Zugehörigkeit zu einem elitären Zirkel.

Wir sind beim Renntraining auf der Schlanitzen Alm, einem Robinson Club, der rein architektonisch an eine Trutzburg erinnert, so mitten im Skigebiet von Nassfeld in Kärnten, Austria. Hier fahren sie morgens, mittags, abends ein sagenhaftes Büfett in den Ausmaßen einer kleinstädtischen Turnhalle auf, und man schlägt sich den Ranzen voll, als begänne morgen der Krieg, und in Wahrheit sollen wir Stangerlfahren üben wie der Maier Hermann persönlich. Jedenfalls wollen wir uns so fühlen.

Unterhalb der Treßdorfer Höhe haben sie einen Hang für uns abgesperrt, eine ganze Woche lang. Unserer. Morgens vier Stunden Riesentorlauf-Training, nachmittags zwei Stunden Slalom, und wer immer schön volle Lotte in die Stangen reinknallt, der fährt die mutmaßlich kürzeste Linie - und hat später die besten blauen Flecken am Arm. Was Bewunderung, vielleicht auch Mitleid bei den Mädels angeht, da funktioniert diese Masche übrigens vom Allerfeinsten. Das lernen wir, als Nils am letzten Morgen nicht am Start steht. Schon klar, warum.

Ein abgesperrter Hang, so was macht man sonst für Nationalmannschaften, na gut: für ambitionierte Skiklubs auch, auf jeden Fall fühlt es sich ziemlich chefig an. Kann man endlich richtig die Sau rauslassen, keine Rücksicht und nie die Sorge, dass ein Holländer im Weg steht. Gleichzeitig schützt einen so eine Absperrung vor dem frustrierenden Moment, in dem du dir total klasse vorkommst, bis irgendein Tiroler Bauernlümmel an dir vorbeigleitet und dabei den Puppen zulächelt.

Wir wollen ja nichts dem Zufall überlassen, deshalb betreuen uns auch echte Skihelden als Trainer. Michaela Gerg hat vier Weltcup-Rennen gewonnen und bei der WM in Vail die Bronzemedaille. Und Stefan Krauß war ein beständiger Top-Ten-Kandidat in der Abfahrt, das ist für deutsche Verhältnisse äußerst beachtlich. Inzwischen ist er sogar Diplomsportlehrer - also, wenn du es bei denen nicht lernst, verkauf deine Bretter.

Es ist unser erster Tag, gemütliches Einfahren nennen sie das; dabei donnern wir jede Piste runter, ohne je nur an eine Pause zu denken, dazwischen ein paar Übungen, die uns auf den Ernst der nächsten Tage vorbereiten. Es ist eine absurde Situation. 20 Leute, außer Nils keiner unter 30 - im Sinne einer Weltcup-Karriere kommt das hier ein bisserl spät. Ist es da ein Erfolg, wenn man als aktiver Raucher und Biertrinker nicht gleich vor Erschöpfung im Schlepplift umfällt?

Die eigentliche Belastungsprobe ist die Kombination aus Sport und so genanntem Clubleben; also tagsüber Ski fahren, abends baggern. So jedenfalls hat Alex das ausgedrückt. Alex ist schon zum vierten Mal dabei, was sich nicht nur skitechnisch bemerkbar macht. Alex ist der Cheftheoretiker des Clublebens, und wenn man ihm im Lift zuhört, ist es erstaunlich, wie alles mit allem zusammenhängt und immer auf das eine hinausläuft - das Leben als Dating-Endlosschleife und der Robinson als veritables Heartbreak-Hotel.

Feldstudie an der Bar. Alex macht uns mit den drei Mädels aus Norddeutschland bekannt, von denen es heißt, sie ließen ihre Ehemänner und Kinder daheim, in heißen Nächten aber garantiert nichts anbrennen. Und wir lernen Jimmy kennen, Zahnarzt aus Düsseldorf, Porschefahrer und männlicher Counterpart der drei Damen. Nach ein paar Caipis erzählt Jimmy Geschichten aus seiner, nun ja: Praxis, und welche Alternativmodelle zum Gesundheitssystem sich Frauen manchmal einfallen lassen, wenn sie ihre Keramikfüllungen nicht bezahlen können. Da findet Alex, er habe wohl den falschen Job.

Neben der Bar

eine Tanzfläche in schwarzweißem Karomuster; Schachbrett, sagen Insider, gibt's in jedem Robinson. Schachbrett? "Weil hier die entscheidenden Züge gemacht werden", sagt Alex und fährt mit dem Blick scannerartig die gigantische Theke ab. Nach einer Weile gelangt er zu der besorgniserregenden Einsicht, dass es schwer wird mit der praktischen Anwendung seiner Theoreme.

Der nächste Morgen ist schön sonnig, aber auch ziemlich kalt, und der Stefan ist mit einem gewaltigen Bohrer auf der Schulter unterwegs, um die Stangen in die eisige Piste zu drehen. Bei einigen unserer Leute erinnert das tatsächlich sehr an Skirennen, und man selbst fühlt sich bald ganz großartig. Als wir am Nachmittag in die Bar einlaufen, hat das solide Rockstarattitüde. Helme auf die Theke legen, für die besonders begriffsstutzigen Girls die Slalomprotektoren dazu, dann eine Runde Bier. Das großartige Gefühl hält bis zur Videoanalyse vor dem Abendessen, und die ist zuweilen eine erschütternde Begegnung mit der Realität - als hätte Stefan aus Versehen die Zeitlupe eingeschaltet.

Nach ein paar Tagen

wird die Müdigkeit in den Beinen nur noch von Adrenalin und vorpathologischem Ehrgeiz kompensiert. In unserer Gruppe gibt's ja einige sehr erfolgreiche Geschäftsleute, und irgendwie scheinen die auch in ihrer Freizeit auf Wettkampfkick zu stehen. Einer präpariert sogar jeden Nachmittag vier paar Ski für sich und seine Frau. In meinem Fall indes führt der verbissene Kampf gegen die Uhr dazu, dass ich einmal dämlicherweise schon vor der Ziellinie stoppe, um bei Stefan meine Zeit zu erfragen. Der bricht natürlich in schallendes Gelächter aus, und dieses "Volltrottel", das er mir hinterherbrüllt, hört man wahrscheinlich noch drei Täler weiter.

Die Michi und der Stefan haben ihre Rollen gut verteilt: good cop, bad cop. Stefans neunjährige Tochter fährt auch ein paarmal mit; und als selbst die schneller ist als ich, sagt er: "Gib Gas, Junge. Wenn, musst du sie jetzt schlagen." Was mir sagen soll: Nächstes Jahr ist sie schon zehn, dann siehste sowieso keine Sonne mehr.

Ich wäre nach ein paar Tagen dann so weit gewesen: soll nur kommen, die Kleene. Leider musste sie da schon wieder zur Schule. Selbst ihr Papa fängt an, uns gelegentlich für Fortschritte zu loben. Er sagt: "Am Ende der Woche sollt ihr nicht besser sein, sondern deutlich besser." Funktioniert. Die paar hundert Meter vom Ziel bis zum Lift ballern wir in freier Fahrt runter wie die Geisteskranken; nicht nur der Alex stets begleitet von der Hoffnung, die Mädels würden ihn dann in der Bar an der Skijacke erkennen und anquatschen. Groupie-Style.

So ein Robinson Club funktioniert ja wie ein Kreuzfahrtschiff: Es gibt kein Entkommen. Und Alex, den wir längst nur noch den Großen Vorsitzenden nennen, vertritt die These, dass sich die Reise im Laufe der Woche in jeder Hinsicht qualitativ verbessern müsse: skitechnisch und was den Kontakt zur Zielgruppe betrifft. So gesehen, ist Nils absolut king of the mountain - auch wenn er das Abschlussrennen verpennt.

Im nächsten Jahr sehen wir uns alle wieder, und rein gruppendynamisch haben sich die Dinge so weit entwickelt, dass wir in Teamkleidung auflaufen werden. Das macht dann auch für die Rockstarpose noch ein bisschen mehr her.

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