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Basejump-Mekka Lauterbrunnen Am Abgrund

Fabien Clerc 
bei einem Sprung 
im Juni in 
Lauterbrunnen, der stern begleitete 
den Basejumper
Fabien Clerc 
bei einem Sprung 
im Juni in 
Lauterbrunnen, der stern begleitete 
den Basejumper
© Roland Tännler
In Lauterbrunnen, dem Mekka der Basejumper, springt der Tod 
immer mit. Kürzlich verunglückten in dem Schweizer 
Dorf erneut zwei Extremsportler. Die anderen machen weiter. Einblicke in eine sehr spezielle Szene.

Von hier oben sieht alles so winzig aus. Wie ein Miniaturwunderland. Die Häuser, die Eisenbahn, die Autos, die Bäume, die Menschen. Man möchte nach den Dingen greifen und sie in einen Setzkasten stellen. Eine Schweizer Landschaft wie aus einem Heimatfilm in die Wirklichkeit kopiert. Flüsse wie aus Kristall, Wiesen, die dem Wort "grün" eine andere Dimension verleihen. Glockengebimmel, Wasserrauschen, Seelenfrieden. Nur wer genau hinhört, bemerkt es, das leise Surren.

Es ist der Sound, der entsteht, wenn 
ein Mensch etwas wagen will, das wider 
die Natur ist, wider den Verstand. So wie Fabien Clerc. Er steht auf diesem Fels­vorsprung in einer Steilwand, 800 Meter unter ihm erstreckt sich die Setzkastenlandschaft. Er trägt eine Sportbrille, einen Helm mit einer Kamera und einen Spezialanzug mit einem Rucksack. Clerc weiß, dass er gleich sterben kann, er weiß auch: Dies ist nicht der richtige Moment, um ans Sterben zu denken. Er atmet ein, reißt die Arme in die Luft, löst sich von dem Felsvorsprung und rast mit einer Geschwindigkeit von bis zu 180 Stundenkilometern in die Tiefe. Sein Sprung erzeugt ein Surren. Er macht ihn glücklicher als alles, was ihn je glücklich gemacht hat. Nach etwa acht Sekunden ein Knall, Clercs Fallschirm öffnet sich, er segelt in die prächtige Landschaft.

Die Bauern und 
die Basejumper: 
Auf dem Platz mit dem Windsack 
darf gelandet 
werden – gegen 
Gebühr
Die Bauern und 
die Basejumper: 
Auf dem Platz mit dem Windsack 
darf gelandet 
werden – gegen 
Gebühr
© Roland Tännler

Das schweizerische Dorf Lauterbrunnen war einst bekannt fürs Wandern, für 
Paragliding und die gute Anbindung ans Jungfraujoch.In den letzten Jahren ist es 
ein Mekka für Basejumper geworden, für 
Leute, die sich im freien Fall von den Steilwänden stürzen, entweder im Tracksuit oder im Wingsuit. In Ersterem fällt der Mensch mehr, in Letzterem kann er gleiten wie ein Vogel. Denn Wingsuiter haben Stoff zwischen Armen und Beinen, der, von Luft umströmt, wie ein Flügel wirkt. In der Schweiz ist der Extremsport anders als in Deutschland erlaubt, und es gibt Skilifte, die einen schnell von unten nach oben transportieren. Lauterbrunnen mit seinen besonders steilen Felswänden zählte 
vor fünf Jahren 15 000 Sprünge pro Jahr. Bald darauf 20 000. Mittlerweile sind es bis zu 30 000.

Ordnung muss sein in Lauterbrunnen

Fabian Clerc sitzt jetzt unten im Gras und faltet seinen Schirm zusammen. Er ist auf dem Feld von Bauer Adolf von Allmen gelandet. Die Landwirte stellen heute Windsäcke dort auf, wo gelandet werden darf. Das ist der Deal. Früher musste Clerc schnell sein, sonst jagte ihn ein Bauer 
mit der Mistgabel davon. Heute hat man dem Extremsport in Lauterbrunnen eine 
Ordnung übergestülpt. Wer hier springt, braucht eine Landing Card für 25 Franken pro Jahr, herausgegeben von der Swiss Base Association. Und er muss sich an die Regeln halten.

Clerc möchte heute noch mal springen. Diesmal von der Stelle "High Ultimate". Auf dem Weg dorthin trifft er Maria Steinmayr, Spitzname McFly, eine lange, schlanke Frau, die gelangweilt an der Kasse des Intersport herumsteht. Viel lieber würde sie ihren Wingsuit holen und mit Fabien Clerc mitkommen, aber es sind noch vier Stunden bis Feierabend, und jetzt fragt auch noch ein Chinese nach Wanderschuhen.

Basejump-Mekka Lauterbrunnen: Am Abgrund

Wie Clerc ist Maria wegen der Steilwände nach Lauterbrunnen gezogen, denn der Sog des Abenteurer-Eldorados ist groß. Aber wo das Abenteuer zu Hause ist, da wohnt auch das Unglück. "Death Valley" tauften einige Schweizer Zeitungen die Gegend, das Todestal. Im Internet kursiert eine "Fatality List", darauf sind die Todesfälle der letzten Jahre weltweit verzeichnet, es sind rund 300. In Lauterbrunnen 
allein starben fast 50 Basejumper, die letzten zwei in der vergangenen Woche. Einer von ihnen, Uli Emanuele, war in der Szene eine Legende. 

Die Lauterbrunner waren bereit, sich das Dorf mit den verrückten Fremden aus aller Welt zu teilen, auch wenn es nicht immer leichtfiel. Manche verschreckten die Kühe, zertrampelten ihr Gras. In einem anderen Dorf sprangen Schafe 
panisch in den Abgrund, weil ein Wingsuiter zu nah über ihnen entlangraste. Manche Springer krachten wie Kometen in die Felder der Bauern und regten sich nicht mehr. War es das wert?

Der Basejumper Fabien Clerc
Der Basejumper Fabien Clerc betreibt das 
"Basepoint"-Café im Ort. Er kannte Wioletta Roslan und Uli Emanuele, die beide in Lauterbrunnen tödlich verunglückten.
© Roland Tännler

Clerc ist einer dieser verrückten Fremden, und er lebt von dem Geschäft mit den Springern. Er unterrichtet den Extremsport, vermietet Zimmer und betreibt das "Basepoint"- Cafè mitten im Dorf. Auf ­seiner Terrasse stehen Red-Bull-Sonnenschirme, darunter sitzen junge Männer, trinken Bier und diskutieren. Drinnen 
an den Wänden hängen Karten mit den 
16 Absprungstellen von Lauterbrunnen und ihren Schwierigkeitsgraden, blau, rot, schwarz, wie bei Skipisten. Nur die Stelle direkt am Staubbach ist gesperrt worden. Der Landeplatz lag zu nah am Friedhof, 
es kam also vor, dass ein Extremsportler vor Ekstase schrie, während unten die Trauernden weinten. Das war selbst den Leuten in Lauterbrunnen zu viel. Auf einer Leinwand im "Basepoint" laufen Videos von Absprüngen auf der ganzen Welt. In einem Nebenraum hängen bunte Wingsuits von der Decke. Statt "Have a good day!" sagen die Leute in Clercs Café: "Have a good jump!"

Die gefährlichste Sportart der Welt

Als Clercs Mutter erfuhr, dass ihr Sohn von Brücken und Bergen springt, schrie sie ihn an und nannte ihn einen Selbstmörder. Sie, die ihn unter Schmerzen zur Welt ­gebracht hatte, konnte nicht verstehen, ­warum ihr Sohn so leichtfertig mit seinem ­Leben umgeht. Clerc hatte es seiner ­Mutter nie leicht gemacht. Schon als Kind war er hyperaktiv, ein Arzt empfahl ihm, viel Sport zu treiben. Als er in die Pubertät kam, fing er an, Stress zu machen. Er war, so erzählt er es, ein Gottloser, ein Rebell, ein Troublemaker. Aus dieser Zeit stammen auch noch die Tätowierungen auf seinen Unterarmen, "Protect me from my friends – I'll take care of my enemies". Bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich schon fertig. Ein Zitat von Voltaire. Es stammt aus Clercs ganz wilder Zeit. Er trank und feierte die Nächte durch. Er überschritt gern Grenzen, schon immer. Er fing an, Fallschirm zu springen, später stieg er aufs Basejumpen um und auch auf die schwierigste Form des Basejumpens: das Wingsuiten. Es gilt als die gefährlichste Sportart der Welt. Dafür war der Mensch dem Traum vom Fliegen noch nie so nah. Ein Körper, ein Stück Stoff, ein Fallschirm, mehr braucht es nicht. 

Basejumpen kam in den Achtzigern erstmals auf. Man sprang von Brücken, Antennen, Felsen und Hochhäusern. Der Gründervater der Sportart, Carl Boenish, verunglückte, bevor in Lauterbrunnen der Boom einsetzte. Am Anfang, erzählt Clerc, waren sie dort am Ort eine kleine, verschworene Gruppe, Bullifahrer, Weltreise-Anarchos, Pioniere, vielleicht Punks. Auf jeden Fall Typen, die das ­normale 
Leben nicht ertragen konnten oder wollten, weil es ihnen öde und ­angepasst 
erschien. Heute kommen Abiturienten, Akademiker, reiche Russen, Leute aus New York, Hipster aus Berlin. Etwa 3000 Basejumper und Wingsuiter gibt es weltweit. Sie bezeichnen sich als eine große Familie. Die meisten reisen von Felswand zu Felswand, jobben nebenbei in Cafés oder studieren.

Im "Horner Pub" hängen 23 Fotos von in Lauterbrunnen 
verunglückten Basejumpern
Im "Horner Pub" hängen 23 Fotos von in Lauterbrunnen 
verunglückten Basejumpern. Gestorben sind hier noch sehr viel mehr.
© Roland Tännler

Wenn man sie nach dem Tod fragt, sagen sie: "Yolo" – "You only live once!". Du lebst nur einmal, also stirb doch lieber, während du lebst, als überhaupt nie gelebt zu ­haben. Willst du etwa in irgendeinem Büro verrotten? Reihenhaus, Einbauküche, Schweinebraten? Auch Clerc sagt: "Was mir viel mehr Angst macht als der Tod ist die ­Langeweile." Ein Springer namens Greg sagt, nur in der Luft sei er ganz frei. Keine ­Erwartungen, keine Verpflichtungen, 
kein Druck. In diesen paar Sekunden sei er genau der Mensch, der er ist.

"RIP. Uli!"

Männer und Frauen, die Extremes tun, werden von jeher extrem beurteilt. Für manche sind es Spinner, für andere Helden. Der gerade in Lauterbrunnen verunglückte Basejumper Uli Emanuele wurde berühmt, weil er im Tal mit einem Wingsuit durch einen zwei Meter breiten Felsspalt raste, drei Jahre hatte er dafür trainiert. 
Das Video wurde auf Youtube über sechs Millionen Mal geklickt. Im Dezember saß er im ZDF-Jahresrückblick und schwärmte von seinen Flügen, seiner Freiheit. 

Emanuele war vergangene Woche in der Schweiz, um für das amerikanische Actionkamera-Unternehmen Gopro ein Video zu drehen. Warum der erfahrene Emanuele mit seinem Wingsuit in eine Rechtslage geriet und gegen eine Felswand knallte: ungeklärt. Auf seiner Facebookseite schrieben sie: "Jetzt bist du 
auf alle Fälle dort, wo du dich zu Hause ­gefühlt hast! RIP Uli!" 

Der Bürgermeister der Gemeinde, Martin Stäger, ein langsamer Mann Anfang 60, Mitglied der konservativen SVP, sitzt in seinem Haus und schaut durch sein Wohnzimmerfenster auf das Tal. Stäger will hier im Dorf sterben, allerdings nicht beim ­Basejumpen. Eigentlich würde er eh lieber über etwas anderes reden. Er hat das ­Problem von seinem Vorgänger geerbt. Jetzt sind die Springer da. Man müsse 
sie nicht verstehen, sagt Stäger, aber mit ihnen leben. Im Großen und Ganzen seien das ja nette Leute. Bisschen zu partywütig vielleicht. Aber das Dorf sei jünger ge­worden, internationaler.

Im "Horner Pub", dem einzigen Pub im Ort, hängen hinten an der Wand 23 eingerahmte Bilder von jungen Männern und Frauen, sie alle waren Gäste der Kneipe. Sie alle ließen ihr Leben in Lauterbrunnen. Wer sich an den Holztresen setzt und im goldigen Licht ein Bier bestellt, der braucht nicht lange zu warten, bis er von den 
Geschichten der Gesichter an der Wand 
erfährt. Am liebsten erzählen sie im Dorf die Geschichte von Wioletta Roslan, weil es die traurigste von allen ist. Wioletta, eine Schwedin, lebte zwei Jahre in Lauterbrunnen und jobbte im Pub. Wenn sie nicht arbeitete, dann kletterte sie Berge hinauf und flog hinunter.

Als ihr klar wurde, dass es vorbei war, öffnete sie die Arme und raste auf die Erde zu

Wie so viele in der Szene war Wioletta mit einem Basejumper zusammen. Und sie war im vierten Monat schwanger, als sie gemeinsam mit ihrem Freund Aleksander vor vier Jahren von der Absprungstelle "Via Ferrata" startete. Sie sprang vor, Aleksander nach. Wiolettas Fallschirm klemmte. Als ihr klar wurde, dass es vorbei war, öffnete sie die Arme und raste auf die Erde zu. Es wurde Wiolettas letzter Sprung. 

Im Dorf erzählt man sich, dass der Milchbauer Mathias Feuz Wioletta fand, was besonders schlimm für ihn war, weil er die junge Frau kannte. Der Notarzt des Tales, Bruno Durrer, konnte nur noch ihren Tod feststellen. Wioletta wurde verbrannt, ihre Urne klemmt noch heute zwischen ein paar Steinen nahe der Stelle, wo sie starb. Noch drei anderen Basejumpern wurde hier ein Altar errichtet. Drumherum liegen Blumen, Grablampen, Engelsfiguren.

Auch Clerc kannte Wioletta, Aleksander war ein guter Freund von ihm, manchmal tranken sie zusammen abends noch ein Bier und besprachen ihre Sprünge. Clerc sagt, Aleksander sei bis heute nicht über den Verlust hinweggekommen.

Nach der Sache mit Wioletta sprach der Milchbauer Feuz mit der Presse und beschwerte sich darüber, dass das Springen in Lauterbrunnen erlaubt sei. Er warf der Gemeinde vor, Profit aus den Basejumpern zu schlagen, und forderte ein Verbot.

Gedenkstätte für verstorbene Basejumper in Lauterbrunnen
Nahe der Seilbahn am Stechelberg erinnert eine Art Altar an Wioletta Roslan und andere Tote
© Roland Tännler

Heute will Feuz nicht mehr mit der Presse reden. Er sagt am Telefon, er habe genug Ärger gehabt, dann legt er auf. Wie alle anderen Bauern, die Land besitzen, auf dem gelandet werden darf, bekommt er Geld dafür, dass er seine Weiden zur Verfügung stellt. Manche Anwohner im Dorf nennen das Geld "Schweigegeld." Aber offiziell möchte sich niemand mehr äußern. Zu groß ist die Angst, dem Ruf des Dorfes zu schaden. 

Die Bauern bestellen wie ihre Väter und Großväter die Felder und finden es schon weit bis nach Interlaken. Die Basejumper bereisen die ganze Welt und träumen davon, dass sie von Netflix, Gopro oder am besten von Red Bull gesponsert werden. Globalisierung trifft auf Landidyll. Wenn man die Bauern fragt, ob sie auch mal 
gern springen würden, sagen sie: "Und wer versorgt dann unsere Tiere?"

Fast jeder fünfte Basejumper-Unfall endet tödlich

Bruno Durrer hält nichts von einem Verbot – trotz der Toten. Sein Credo: "Sie können ja auch keine Berge schließen, weil Bergsteiger verunglücken." Laut seiner eigenen Statistik endeten seit 2001 
18 Prozent der Lauterbrunner Basejumper-Unfälle tödlich. Nicht viel geringer sei 
der Anteil der Toten bei den Bergsteigern: 14 Prozent. Fabien Clerc verletzte sich vor zwei Jahren bei der Landung so schwer, dass er eine Zeit lang seine Beine nicht 
bewegen konnte. Es hielt ihn nicht davon ab, wieder zu springen, sobald das Gefühl in den Beinen zurückkam. Clerc sagt, man dürfe trotz allem nicht vergessen, dass die meisten Sprünge gut enden. 

Eine Bäuerin sagt, sie kenne Clerc, er sei anders, aber nett. Ihrem Sohn hätte sie allerdings den Arsch versohlt, wenn er Basejumper statt Bauer geworden wäre. Wenn man sie fragt, ob sie das Wort "Yolo" kenne, sagt sie: "Ich kenn Joghurt. Kann man aus unserer Kuhmilch machen." Über ihrem Kopf fliegen zwei Menschen in Wingsuits durch die Luft, sie sehen aus wie Kraniche.

Fabien Clerc steht abends in seinem 
Laden und verteilt Schnäpse an Springer aus Kalifornien. Natürlich fragt er sich manchmal, ob nicht ein anderes Leben für ihn möglich gewesen wäre. Mit Kindern, Familie, Haus. Auch Clercs bester Freund starb beim Basejumpen, neulich ist sein erster Schüler tödlich gegen eine Felswand gekracht und jetzt auch noch die Sache mit Uli. Wenn die Zweifel sehr groß werden, dann fährt Clerc mit der Seilbahn den Berg hoch, zieht sich seinen Anzug an, setzt die Brille auf und atmet einmal tief durch.

Von hier oben sieht alles so winzig aus.

Diese Reportage ist übernommen aus dem aktuellen stern


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