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Boxen: Das Finale des Super Six - Andre Ward vs. Carl Froch

Andre Ward trifft im Super Six Finale auf Carl Froch. Es geht um zwei Weltmeistertitel und die Frage, ob ein Schmutzfink, oder eine Schlange gewinnt. Wir haben eine Analyse gemacht und die Prognose gewagt, wer wird der beste Supermittelgewichtler des Super Six.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag findet das Super Six Finale im Supermittelgewicht in Atlantic City statt. WBA-Weltmeister Andre Ward und WBC-Titelträger Carl Froch treffen aufeinander, um nach zwei Jahren den Turniersieger auszuboxen.

Sportlich gesehen ist dieser Boxkampf einer der interessantesten Kämpfe des nun schon fast abgelaufenen Jahres. Zwei ebenbürtige Boxer einer Gewichtsklasse treffen aufeinander. Der Ausgang ist ungewiss. Wir versuchen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, und wagen eine Prognose.

Zwei Boxer von verschiedenen Sternen

Andre Ward und Carl Froch stehen zu Recht im Finale und sind zwei Boxer auf Augenhöhe, doch sie sind stilistisch völlig verschieden. Ein schmutziger Techniker trifft auf einen disziplinierten Fighter. Ob das Ganze ein ansehnlicher Kampf wird, ist fraglich, denn so stark Ward technisch ist, so unsauber boxt er auch.

Unter dem Gesichtspunkt des Spektakels bevorzugen viele einen Kampf mit offenem Visier zwischen zwei offensiven Boxern oder Knock-Outern (so gesehen im vielleicht besten Super Six Kampf zwischen Kessler und Froch). Für Fans des technischen und taktischen Boxens wird das Duell in der Boardwalk Hall wohl dennoch ein Festschmaus. Wer die Tafel als zweifacher Weltmeister verlassen darf?

Die Analyse und Prognose

Technik

Andre Ward ist der bessere Techniker. Der Olympiasieger von 2004 ist exzellent ausgebildet. Typisch für US-amerikanische Boxer ist die enorme Beweglichkeit im Oberkörper. Er hat die geringere Reichweite, wird den Infight suchen, um dort seine Haken am Mann zu schlagen. Durch seine Schnelligkeit und das extrem gute Auge ist er auch ein sehr guter Konterboxer. Meist springt er in den Mann und bringt seine Schläge an, danach klammert er, um die Reaktion des Gegners abzuwürgen.

Carl Froch ist kein so schlechter Boxer, wie uns Ulli Wegner vor und nach dem Abraham-Kampf weismachen wollte. Seine Handspeed ist zwar nicht beeindruckend, aber er verfügt über einen guten Jab (man erinnere den Abraham-Kampf) sowie eine starke Rechte, er kann durch harte Kombinationen beeindrucken (siehe den Kessler und den Johnson-Kampf), und sein Aufwärtshaken ist eine Bedrohung.

Fazit: Durch die Geschwindigkeit, das Auge und die grundsätzlich bessere Ausbildung geht diese Runde an Ward - 10:9 für Andre Ward

Schlaghärte

Beide Boxer sind keine klassischen Knock-Outer, wie sie im Buche stehen, Andre Ward schon mal gar nicht. Seine KO-Quote liegt bei 65,17 Prozent (boxrec.com). Etwas schwieriger ist Carl Froch zu beurteilen. Er ist durchaus ein Puncher, hat aber nicht unbedingt eine herausragende One-Punch-Power sondern besticht eher durch hart geschlagene Kombinationen. Seine Knock-Out-Quote (68,97 Prozent) ist gut. Allerdings kam diese hauptsächlich gegen schwache Gegner zustande. Im Rahmen des Super Six konnte er noch keinen Gegner zu Boden, geschweige denn KO schlagen.

Fazit: In Puncto Schlaghärte ist Froch sicherlich klar vorne - 10:9 für Froch

Taktik und Disziplin

Die Taktik wird, wie schon eingangs erwähnt, eine große Rolle spielen. Beide Boxer sind absoulte Taktik-Füchse. Froch ein Taktiker? Der geht doch keiner offenen Schlägerei aus dem Wege, höre ich da einige sagen. Genau das dachte Ulli Wegner auch und wurde überrascht, wie diszipliniert Carl Froch gegen Arthur Abrahm den direkten Schlagabtausch vermied. Er setzte seinen Jab geschickt ein, hielt die Distanz und ließ den zugegebener Maßen sehr schwachen Abraham überhaupt nicht in die richtige Distanz kommen. Wenn es sein muss, dann kann Froch die Brechstange durch harte Kombinationen herausholen. Der Brite ist ein cleverer Boxer.

In den USA ist Andre Ward kein Publikumsliebling. Der Grund? Er ist weder ein Puncher, noch ein offensiver Boxer. Wards gute Technik kommt einher mit einer Art Erstickungstaktik. Er schafft es, den Stil des Gegners im Keim zu ersticken. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Egal ob übermäßiges Halten (wie im Green-Kampf), schmutzige Kopfstöße (im Kessler-Kampf) oder das Hereingehen mit dem Ellbogen (im Bika-Kampf). Ward verhindert es geschickt, getroffen zu werden. Er frustriert den Gegner und entnervt ihn. Er wird vermutlich wieder in den Mann springen und versuchen, im Infight seine Haken anzubringen und danach zu klammern. Wir hoffen auf einen fairen Ringrichter, der unsaubere Aktionen unterbindet und mit Ermahnungen bzw. Punktabzügen bestraft.

Fazit: Froch war bisher äußerst gut vorbereitet und boxte wenn es sein muss sehr diszipliniert, Ward hat hier aber seine größte Stärke, er hat auch alle Mittel um seine Taktik umzusetzen und ist sehr unangenehm zu boxen – 10:9 für Ward.

Schnelligkeit

Andre Ward ist sowohl, was die Beinarbeit angeht, als auch, was die schnellen Hände angeht, im Vorteil. Er ist nicht so schnell wie Andre Dirrell, der gezeigt hatte, das Froch bei schnellen Boxern gerne mal das ein oder andere kraftzehrende Luftloch schlägt. Dennoch dürfte die Schnelligkeit Wards ein Problem für Froch werden.

Fazit: Klare Entscheidung – 10:9 für Ward

Nehmerqualitäten

Beide mussten in ihrer Karriere einmal auf die Bretter. Ward in seinem siebten Profikampf gegen den Nobody Darnell Boone in der vierten Runde, Froch gegen Jermain Taylor in Runde drei. Ward ist in dieser Hinsicht schwer einzuschätzen, da seine gute Defensive ihn seither vor harten Treffern bewahrte. Carl Froch musste gegen Mikkel Kessler einige Bomben schlucken, auch gegen den weniger schlagstarken Glen Johnson ging es zur Sache. Froch nahm die Treffer, wie sie kamen.

Fazit: Froch wird von Ward nicht ausgenknockt, andersherum ist es nicht undenkbar – 10:9 für Froch

Kämpferherz

Ein klare Angelegenheit. Carl Froch hätte zu Turnierbeginn niemand zugetraut, dass er im Finale stehen wird. Er hätte seinen Titel kurz vor Turnierbeginn um ein Haar an Jermain Taylor verloren, lag nach Punkten auf zwei der drei Punktrichterzetteln hinten, doch eine beherzte Schlussoffensive in der zwölften Runde rettete ihn. Froch ließ sich vom "Wegläufer“ Dirrell nicht entnerven (gewann allerdings schließlich glücklich).

Er zeigte seinen Mut gegen Mikkel Kessler (wo er sehr knapp verlor) und auch gegen Glen Johnson. Sein Wille und sein Herz haben ihn dahin gebracht wo er steht. "Kein Schicksal gibt's; es gibt nur Mut und Willen“, sagte eine deutscher Dichter einst (Ernst Conrad Friedrich Schulze), man könnte meinen, er habe Carl Froch kämpfen sehen.

Fazit: Klarer Punkt an den Briten – 10:9 für Froch

Gesamtfazit:

Auf unserem Punktzettel steht es am Ende 57:57. Sollte es nach zwölf Runden zu einer knappen Entscheidung nach Punkten kommen, wird der unsägliche aber nicht wegzudiskutierende Heimbonus wohl den Ausschlag pro Ward geben. Wir wollen aber dennoch zu einer sportlichen Beurteilung kommen, wer den Kampf am Samstag gewinnt. Entscheidend könnte das so genannte "Ring Generalship“ sein. Also wer den Kampf bestimmen und seinen Stil durchsetzen kann. So unattraktiv er auch sein mag, der Stil von Andre Ward wird unserer Meinung nach auch gegen Froch zum Erfolg führen. Der "Son of God“ wird die "Cobra“ ersticken.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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