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Boxen: Rockys Renten-Comeback

Geschlagen, aber doch gewonnen: Graziano Rocchigiani hat sich vor 6000 Besuchern in der Stuttgarter Schleyer- Halle und 6,96 Millionen TV-Zuschauern im ZDF erhobenen Hauptes aus dem Ring verabschiedet.

Geschlagen, aber doch gewonnen: Graziano Rocchigiani hat sich vor 6000 Besuchern in der Stuttgarter Schleyer- Halle und 6,96 Millionen TV-Zuschauern im ZDF erhobenen Hauptes aus dem Ring verabschiedet. Deutschlands schillerndster Profi-Boxer der vergangenen zwei Jahrzehnte verlor zwar den letzten Kampf seiner Karriere am Samstagabend gegen den Berliner Lokalrivalen Thomas Ulrich einstimmig nach Punkten. Doch verdiente sich der von Skandalen begleitete "Rocky" für einen starken Abgang ungeteilten Respekt und dazu eine "Altersrente" von 1,2 Millionen Euro.

Ulrich mit gebrochener Hand

Der Eindruck wurde auch dadurch nicht gemindert, dass sich sein 12 Jahre jüngerer Gegner bereits in der zweiten von 12 Runden "wahrscheinlich die linke Hand gebrochen hat", wie Arzt Peter Benkendorff am Sonntag nach einer ersten Diagnose mitteilte. "Natürlich wäre ich lieber mit einem Sieg abgetreten. Aber Thomas war heute der Bessere. Ich wünsche ihm für die Zukunft alles Gute", sagte der 39-jährige frühere Welt- und Europameister nach dem letzten Schlagabtausch und schien dabei erleichtert zu sein.

Rocky unerwartet gut drauf

Nach gut zweijähriger Kampfpause, zwangsverlängert wegen eines 279-tägigen Gefängnis-Aufenthaltes, hatte Rocchigiani seinem Kontrahenten Paroli geboten, wie ihm das kaum jemand zugetraut hatte. "Das hätte ich nicht erwartet. Hut ab", sagte WBO-Weltmeister Dariusz Michalczewski, sein Rivale vergangener Jahre. "Ich hätte nicht geglaubt, dass er die zwölf Runden so gut durchstehen würde", bestätigte Universum-Chef Klaus-Peter Kohl. Christine Rocchigiani, die Managerin, sprach ihrem Noch-Ehemann sogar ihre "absolute Hochachtung" aus: "Ich hoffe, dass wir sobald wie möglich wieder einen so charismatischen Boxer bekommen, wie es Graciano war."

"Ich habe wirklich gern für Euch geboxt. Schönen Dank"

Weil die Jugend dem Alter die Grenzen aufgewiesen hatte, gab es an dem Ausgang des Kampfes, der beim ZDF sogar einen Spitzenwert von 7,51 Millionen Zuschauern (Marktanteil 36,0 Prozent) erzielte, nichts zu deuteln. So war Rocchigiani nach der sechsten Niederlage in seinem 48. Profi-Kampf auch eher stolz. "Immerhin habe ich einige schöne Titel gewonnen. Wenn auch viel Scheiße dabei war durch Verbände, Punktrichter und so weiter. Ich habe wirklich gern für Euch geboxt. Schönen Dank", lautete sein Schlusswort im Ring.

Urlaub vor der Urlaubsplanung

Rocchigiani hat sich nunmehr 14 Tage Urlaub mit seiner neuen Lebensgefährtin verordnet, ehe er an seine weiteren Zukunftsplanungen gehen will. "Das muss ganz genau überlegt sein, denn mit Boxen kann ich kein Geld mehr verdienen", weiß er. Die Börse aus seinem Abschiedskampf ist ihm sicher. Die ihm zugesprochenen 30,6 Millionen Dollar aus der Schadensersatzklage gegen den inzwischen in Konkurs gegangenen Weltverband WBC sind hingegen weit weg. "Da ist im Moment Stillstand. Ich werde sehen, wie es weiterläuft", meinte "Rocky" eher skeptisch.

"Das war heute was ganz Großes für mich"

Allen Grund zum Optimismus hat hingegen Gegner Thomas Ulrich. "Das war heute was ganz Großes für mich", bekannte der 27-jährige Berliner nach dem Sieg über das Vorbild seiner Jugend. Der Ex-Europameister darf sich nun WBC-Intercontinental Champion im Halbschwergewicht nennen. Der Titel zählt aber nicht wirklich. "Thomas hat heute gezeigt, dass er auch einstecken kann. Er ist wirklich reif für eine WM", sagte Kohl nach Ulrichs 24. Erfolg im 25. Profi-Kampf sichtlich zufrieden. Und da wusste noch niemand, dass der konditionsstarke Berliner ab der zweiten Runde durch die Handverletzung gehandicapt war.

Ulrichs WM-Termin wusste der Chef von Deutschlands größtem Boxstall allerdings ebenso wenig zu nennen wie den Zeitpunkt für den avisierten Prestigekampf um die beste deutsche Boxerin. "Das werden wir sehen. Es gibt da eben auch das Problem der unterschiedlichen Gewichtsklassen zu lösen", meinte Kohl ausweichend. Zuvor hatte sich Daisy Lang (Düsseldorf) mit einem äußerst knappen Punktsieg über Silke Weickenmeier (Speyer) den vakanten GBU-WM-Titel im Super- Bantamgewicht und damit ihren dritten WM-Gürtel erkämpft. Die 30- Jährige müsste im "Finale" der Anfang des Jahres ins Leben gerufenen Suche nach der deutschen Super-Boxerin nun auf Regina Halmich (Karlsruhe) treffen. Kohls Problem: Stallgefährten boxen nur gegeneinander, wenn es gar nicht anders geht.

DPA

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