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Fußball: Kicken bei Ruuudi

Während die Eltern fachsimpeln oder faulenzen, werden die Kinder von ehemaligen Stars gedrillt. In seiner Fußballschule auf Mallorca bietet Rudi Völler professionelle Trainingsbedingungen für den Nachwuchs. Ein Ferienprogramm für Ehrgeizige und Ballvernarrte.

Morgens von zehn bis zwölf Uhr Training auf dem Rasen. Mittags am Büfett Pommes, Pizza und Salat. Dann runter zum Hartgummiplatz, bolzen mit dem Trainer bis um vier. Zwei Cola, ein Stück Kuchen, weiterspielen bis halb sieben. "Das ist unser Urlaub", sagt Silvia La Porter, Frau von Gino La Porter und Mutter von Marc, 8. Sie schaut beim Training zu, liegt am Pool, liest. Isst, wenn der Sohn mittags vom Training kommt. Trinkt Kaffee, wenn Vater und Sohn nachmittags vom Kicken kommen. "Unser Urlaub", sagt sie noch mal. "Aber was anderes hab ich auch nicht erwartet. Und Marc sagt, dafür baut er mir ein Schwimmbad, wenn er Profi ist."

Bis dahin hat Mittelstürmer Marc noch einen langen Weg vor sich. Mit beschwerlichen Teilstrecken - so viel wird klar an diesem Morgen in Rudi Völlers Fußballschule in Cala Millor, Mallorca. "Runter mit den Hintern", donnert Marcs Trainer, der Ex-Profi Uli Borowka, über den Rasenplatz. Er hat heute die Sechs- bis Achtjährigen, und die versuchen in der Morgensonne bei zehn Liegestützen nicht aufzufallen.

Fast 40 Kinder

und Jugendliche haben sich für diese Woche angemeldet, alle fußballverrückt, alle voll Respekt vor den Trainern, alle glücklich und auch ein bisschen stolz: Unter solchen Profi-Bedingungen trainieren sie zu Hause nicht. Es gibt einen Physiotherapeuten, Horst I, einen Zeugwart, Horst II, drei Trainer, einen Coach für die Torhüter und einen Platz, der kurz gemäht ist und weich wie ein Teppich.

Nach den Liegestützen wird gedehnt mit Ball, der nun einem nach dem anderen unter den Händen wegrutscht. "Das zieht total", stöhnt ein Junge nicht leise genug. "Das soll es auch", ruft Borowka zurück. Beim Kopfballtraining kommen zwei Siebenjährige nicht miteinander klar. "Wirf doch mal besser", mault der eine. "Wenn du so blöd köpfst", meckert der andere. "Die hatten gestern schon Probleme", sagt eine Mutter, die mit Digitalkamera an der Außenlinie steht. "Der Trainer muss die trennen", empfiehlt ein Vater neben ihr. "Ihr sollt euch den Ball weich zuwerfen, Mensch", sagt Borowka. "Freunde müsst ihr nicht werden, aber macht das ordentlich!"

Ärgerlich schaut er die beiden streitenden Jungs an, die blicken zu Boden. Dann dreht sich Borowka um, die Hände auf dem Rücken, geht ein paar Schritte weiter, dreht sich wieder um. Jetzt klappt die Übung. "Der ist gut, weil er so streng ist", sagt Marc La Porter später beim Mittagessen. Bei ihm haben zum Glück alle Übungen halbwegs hingehauen.

Die Kinder tragen blaue Trikots und Hosen und einen Kreppstreifen mit ihrem Namen auf der Brust. Einige trainieren in größeren Vereinen, sie kennen die meisten Übungen. Andere werden zu Hause von Vätern angeleitet und sind nicht allzu talentiert. Aber alle sind erfasst von der Disziplin und den festen Abläufen. Und von der Tatsache, dass hier Profis jeden Tag mit ihnen trainieren. Sie wollen besser werden. Und manche Eltern wollen noch mehr.

Es gibt eine sonnige Steintribüne, aber einige Väter pirschen, den Sohn im Visier, schon am ersten Tag die Außenlinie auf und ab. Rufen beim Volley-Torschusstraining über den ganzen Platz: "Ramon, stell dich zügiger hinten an!" Schreien "schneller", wenn der Nachwuchs beim Zweikampf zu langsam auf den Mann geht. Geben in der Trinkpause Einzelkritik. Und machen feste Doppelknoten, wenn auf dem neuen, goldenen Fußballschuh sich die Schleife löst.

Ein Kind, das heute zwölf ist, hat Rudi Völler nicht mehr spielen sehen. Es kennt nicht den Namen des Ex-Bremers Michael Kutzop, der die Fußballschule leitet und 22 Ferienwochen pro Jahr auf Mallorca trainiert. Es hat auch nie Uli Borowka grätschen sehen. Ein Zwölfjähriger kennt dafür Michael Ballack - ohne zu ahnen, dass der früher Werder-Fan war und Uli Borowka einen seiner Helden nennt.

Dafür wissen die Eltern Bescheid. Am Morgen des zweiten Trainingstages zeigt Michael Kutzop im Fernsehraum Rudis schönste Tore. Auf dem Video spricht Völler zu den Fußballschülern. "Üben, üben, üben", sagt er. Dann ballert Rudi los. Schöne Tore, wichtige Tore, die Spuckszene mit Frank Rijkard 1990 gegen Holland. Das WM-Endspiel, der Sieg, der Pokal. Schließlich das Bundesligafinale 1996, Völler mit Leverkusen fast abgestiegen, dann doch noch gerettet. Und dann, mit pathetischen Klängen unterlegt und in Zeitlupe, Rudi, wie er nach seinem Abschiedsspiel Fans abklatscht und mit schweißnassen Locken eine Oma umarmt. Rudi, glücklich und erfüllt. Rudi, der sympathischste Mensch der Welt. Die Kinder blicken andächtig. Die Väter schwelgen in Erinnerungen.

Drei- bis viermal im Jahr schaut der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft selbst vorbei in seiner Fußballschule. Die Idee mit dem Camp kam ihm zum Ende seiner Karriere. Die Weltauswahl, die Völler damals zu seinem Abschied einfliegen ließ, wurde von Neckermann gesponsert, so kamen Rudi und der Reiseveranstalter zusammen. Sie eröffneten die Fußballschule an Mallorcas Ostküste. Fast 10 000 Kinder haben hier in neun Jahren trainiert. Vier Tage trainieren sie je zwei Stunden, am Freitag spielen sie noch ein Abschlussturnier. Jeder Teilnehmer erhält ein Trikot, einen Rucksack, ein Gruppenfoto. Die meisten Familien buchen über Neckermann das Hotel gleich neben dem Trainingsgelände.

In dieser Woche sind auch zwei Mädchen dabei, Friederike, 13, und Eva-Tamara, 14. Sie halten gut mit in ihrer Gruppe, vor allem Friederike, die zu Hause in Oldenburg in der Mädchenmannschaft der TSG Hatten-Sandkrug spielt. Ihre Mitspieler hier sind in dem Alter, in dem Jungen beginnen, Mädchen gefallen zu wollen. Aber auf dem Rasen haben sie genug mit sich selbst zu tun. Es geht um kurze, präzise Pässe und erst später am Pool um die weibliche Aufmerksamkeit. "Mit den Jungs hier ist das Niveau auf dem Platz deutlich höher", sagt Friederike, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Schweiß auf der Stirn. Es ist kurz nach zwölf, Frühling und etwa 25 Grad.

Schulleiter Michael Kutzop hat einen Stamm von 50 ehemaligen Kollegen und Trainern, die er als Lehrer nach Mallorca holt. Ihre wichtigste Aufgabe: Sie müssen den richtigen Ton finden, für Sechs- wie für 16-Jährige. "Da geht's nicht nur um Fachwissen", sagt Kutzop, 50, selbst Vater eines sechs Jahre alten Sohns. "Wir machen hier ja kein Stützpunkttraining." Einmal war Ralf Rangnick da, "ein ganz netter Kerl", mit Schalke ist er gerade dabei, in die Champions League einzuziehen. Rangnick kam mit einigen dicken Ordnern und brauchte für seine Übungen 26 der 30 vorhandenen Hütchen. Das sei für die Kleinen dann doch etwas kompliziert gewesen, sagt Kutzop. "Bei uns soll jeder etwas lernen, klar. Aber vor allem soll er mit noch mehr Fußballlust zurückfliegen."

Vor der Abreise, am letzten Tag, schauen sich die Schüler noch einmal den Ernstfall an, unsicher, zu wem sie halten sollen: Die Väter treten gegen die Trainer an. In neun Jahren Fußballschule hat es schon böse Verletzungen gegeben bei diesem Klassiker. Einmal musste abgebrochen werden, es war zu gefährlich.

Die Väter haben eine Woche zugeschaut - jetzt brennen sie und führen bald 2:0 gegen Kutzop, Borowka, Horst I, Horst II. und den dritten Trainer, den Ex-Nationalspieler Heinz Gründel. Das Spiel wogt hin und her, am Ende steht es 7:6 für die Trainer. Die Väter sind zufrieden, "einige von uns hatten ja nur Turnschuhe", sagt einer. "Als es eng wurde, hab ich abgepfiffen", sagt Michael Kutzop und lächelt. Natürlich haben die alten Helden das Spiel in jeder Minute kontrolliert.

Bis zum Profi

hat es bislang noch kein Absolvent von Rudi Völlers Schule auf Mallorca geschafft. Der achtjährige Marc La Porter hat trotzdem schon konkrete Pläne. Erstmal wird er beim SV Böblingen bleiben, dann zu 1860 München wechseln und von dort zu den Bayern.

Vorher aber geht's im Sommer nach Oberstaufen. Dort unterhält der frühere Nationalspieler Karlheinz Riedle eine Fußballschule. Wieder Ferien voller Trainingseinheiten, "eigentlich könnte ich da streiken", sagt Silvia La Porter. Wird sie aber nicht, weil sie einen Mann geheiratet hat, der von diesem Spiel nicht lassen kann. Und weil ihr Sohn noch auf Mallorca die besten Argumente für den nächsten Campbesuch liefert. Seine Mannschaft gewinnt das Abschlussturnier - dank Marc, der vier Tore schießt.

Wigbert Löer / print

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