Gestolperter ARD-Sportkoordinator "Ist eigenes Blut spritzen etwa Doping?"


Stasi-Vorwürfe und Zweifel an seiner Unabhängigkeit brachten Hagen Boßdorf ins Gerede. Er stolperte schließlich über Schleichwerbung für Margarine. Jetzt räumt der Sportjournalist erstmals selber Fehler ein - und überrascht mit abenteuerlichen Aussagen.

Der scheidende ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf hat im Zusammenhang mit der nicht erfolgten Verlängerung seines Vertrags erstmals Fehler eingeräumt. "Klar habe ich Fehler gemacht", sagte Boßdorf der Zeit, "aber niemand hat mich gewarnt. Keiner sagte: Hagen, das mit dem Buch ist keine gute Idee." Boßdorf hatte die Autobiografie des Radrennfahrers Jan Ullrich verfasst, über den er in der ARD auch berichtete.

Unter anderem hatte das Buch Bedenken über Boßdorfs Unabhängigkeit aufgeworfen. Nach einem weiteren kritisierten Vorfall hatten die ARD-Intendanten eine Vertragsverlängerung für den Sportjournalisten abgelehnt. Ganz konkret ging es dabei um einen offensichtlichen Fall von Schleichwerbung. Der Programmbeobachtungsstelle war aufgefallen, dass im September im ARD-Vorabendprogramm in Kurzbeiträgen über eine Nordic-Walking-Veranstaltung der Sponsor, die Margarinemarke Becel, thematisch eingebunden wurde. Präsentiert wurde der "Becel Deutschland Walk" von der Ski-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier und ihrem Ehemann Christian Neureuther.

Eine Lappalie

Das von einer Agentur entwickelte redaktionelle Konzept sah die Integration von "markenrelevanten Themen im Umfeld des Produkts Becel wie Gesundheit, Ernährung, Cholesterin und Herz-Kreislauf" vor. Dies werteten die ARD-Juristen als unzulässigen Fall von "Themenplacement". Die Intendanten stellten fest, dass Boßdorf, über den das Konzept in die ARD eingebracht worden sei, zwar nicht die redaktionelle Verantwortung habe - sie liegt beim Bayerischen Rundfunk -, aber "die in seiner Position notwendige journalistische Professionalität" habe vermissen lassen. Er hätte nach Ansicht der Senderchefs "schon im Vorfeld einen Konflikt mit den ARD-Werberichtlinien (...) erkennen müssen".

Eine Lappalie, sagt Boßdorf über die Margarine-Geschichte der Zeit. Die wollten ihn loswerden. Im Interview mit der Wochenzeitung spricht der gestürzte ARD-Mann stattdessen viel lieber über seinen alten Weggefährten Jan Ullrich. Den unter Blutdoping-Verdacht stehenden Ullrich nimmt Boßdorf indirekt in Schutz: "Was ist schon Doping? Wenn man sich das eigene Blut spritzt? Nee, Pillen und Spritzen, das ist Doping." Boßdorf begleitete die Rennkarriere von Ullrich über viele Jahre. Trotz ungezählter Dopingskandale ist seine Begeisterung für Radrennfahrer ungebrochen: "Das sind Typen, die sich quälen können, die nicht viel nachdenken und die sich sehr konzentrieren auf den Erfolg."

Rückkehr zum RBB?

Wie es mit Boßdorf weitergeht, ist derzeit noch unklar. Der ARD-Sportkoordinator könnte sich aber auf sein Rückkehrrecht zum Rundfunk Berlin-Brandenburg als Nachfolger des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg berufen, wo er von November 2000 an Chefredakteur war, bevor er am 1. April 2002 zur ARD nach München ging. Sollte er dieses Rückkehrrecht wahrnehmen, "so wird sich der RBB damit beschäftigten", sagte ein Sprecher des Senders. Weitere Aussagen wollte man beim RBB "aus arbeitsrechtlichen Gründen" nicht machen.

Klaus Bellstedt mit DPA


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