VG-Wort Pixel

Handball Champions League Achtelfinale - Berlin trifft auf Hamburg


Der HSV Handball verfügt über die größere Anzahl an Stars, hat den höheren Etat und ist international mit großer Erfahrung bedacht. Warum sich die Füchse Berlin vor dem Achtelfinal-Duell in der Handball Champions League trotzdem auf den Gegner freuen, erklären wir mit Hilfe von Bob Hanning, der beide Teams aus dem Effeff kennt.

Während der THW Kiel ein Glückslos im Achtelfinale der Champions League erwischt hat, kommt es anderweitig zu einem deutschen Duell. Der HSV Handball trifft auf die Füchse Berlin. Noch vor ein paar Jahren hätten auch die Norddeutschen sich bei Fortuna bedankt, doch mittlerweile gelten die Hauptstädter fast als Favorit.

Die Konkurrenz war gerade von der letzten Saison der Berliner (Platz 3) beeindruckt, doch war man sich sicher, dass die Füchse ob des vollen Kalenders auch den Kräfteverschleiß nun deutlicher spüren würden. Nach 24 gespielten Matches in der Liga sieht es jedoch anders aus. Berlin liegt – noch vor dem HSV – auf Rang zwei.

"Da muss ich mich bei den Konkurrenten entschuldigen, dass wir die Erwartungshaltung nicht erfüllen konnten“, freute sich Berlins Geschäftsführer Bob Hanning im Gespräch mit sportal.de. Dass der THW Kiel eine Nummer zu groß ist, kann man ohne Umschweife gelten lassen. Der Vorsprung auf die Hamburger ist hingegen schon überraschend. Dabei sind die Gründe vielfältig.

Etat – Füchse nur auf Rang fünf

Die Etats beider Teams unterscheiden sich gewaltig. Der HSV plant mit geschätzten neun Millionen Euro für die aktuelle Spielzeit, die Füchse Berlin haben gut 4,7 Millionen Euro in die Waagschale zu werfen. Für diese Diskrepanz ist auch Bob Hanning verantwortlich, der zwischen Dezember 2002 und Mai 2005 als Trainer beim HSV angestellt war.

"Ich habe den Verein vor der Insolvenz - bei vier Millionen Euro Schulden - zu einem europäischen Produkt gemacht“, so Hanning im Gespräch mit sportal.de. Spätestens, nachdem man 2005 in Geldnot geriet und den Unternehmer Andreas Rudolph als Präsidenten ins Boot holte, ging es stetig bergauf. "Das ist nach wie vor mein Kind und ich bin sehr stolz darauf, was wir erreicht haben“, blickt Hanning zurück.

Hanning ging im Juli 2005 nach Berlin, wo er als Manager und ehrenamtlicher Jugendtrainer aktiv ist. Das Konzept der Füchse ist nicht mit dem des norddeutschen Konkurrenten zu vergleichen, da in Berlin der Fokus auf der Nachhaltigkeit liegt. "Wir sind Realisten genug und wissen, dass wir mit 40 bis 45 Prozent des Etats der Großen spielen. (…) Aber wir genießen das und es zeigt, dass man auch mit weniger Geld eine gute Mannschaft zusammenstellen kann“, so Hanning.

Trainer – mehr Kontinuität an der Spree

Auch in der Trainerfrage sind die Unterschiede zwischen beiden Clubs eklatant. Gerade der HSV befindet sich momentan in einer turbulenten Phase. Auf Hanning folgte damals Martin Schwalb, der mit dem HSV große Erfolge feierte. Als der Erfolgstrainer jedoch nach der Meisterschaft 2011 in die Geschäftsführung wechselte, brach der Laden nahezu zusammen. Denn beim HSV wollte man die große Lösung, und die funktionierte nicht.

Per Carlen wurde geholt, doch nach nur sechs Monaten musste er seinen Hut nehmen. Jens Häusler durfte sich versuchen, war mit dem Starensemble jedoch überfordert. Häusler rief öffentlich um Hilfe und nun ist es wieder Schwalb, der den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Der Meistertrainer kehrt bis zum Saisonende auf die Bank des HSV zurück und soll der Mannschaft zusammen mit Häusler wieder neues Leben einhauchen.

"Ich bin kein Heilsbringer. Wichtig ist es jetzt, eine Gemeinsamkeit in die Truppe zu bekommen", sagte Schwalb gegenüber dpa. Mit ungewöhnlichen Aktionen wie Paintball, bei denen die Profis aufeinander mit Farbkugeln schießen, versuchte er Stimmung in die Bude zu bekommen.  

Der HSV wirkt in diesen Tagen konzeptlos und wie schnell es Schwalb schaffen wird, dem Team wieder Selbstvertrauen und eine Linie zu geben, muss abgewartet werden. "Wir stehen vor einer großen Aufgabe. Durch die vielen Verletzungen haben wir Probleme beim Defensivverhalten", räumte Schwalb ein.

Bei den Füchsen gab es nur den Wechsel von Aufstiegstrainer Jörn-Uwe Lommel zum heutigen Coach Dagur Sigurdsson. Die Gründe für den Wechsel sind spekulativ, der Isländer sollte wohl mehr internationales Flair an die Spree bringen und möglicherweise auch den Transfer einiger Isländer erleichtern. Unter dem neuen Coach, der eine ähnliche Auffassung vom Handball wie auch Hanning hat, geht es derweil weiter nach oben.

Dabei ergänzen sich Sigurdsson und Hanning, beide legen viel Wert auf die Nachwuchsarbeit. Hanning ist ehrenamtlich als Trainer für die A-Jugend angestellt, Sigurdsson holt sie dann in den Profikader. "Ich glaube, wir geben das Vertrauen, in Ruhe arbeiten zu können. Kontinuität ist ein wichtiges Thema“, erklärt Hanning, sagt aber auch: "Korrekturen müssen möglich sein. Man muss auch mal den Trainer wechseln, wenn es nicht passt.“

Deutsches Duell – In Berlin hat man keine Angst

Den HSV als Glückslos zu bezeichnen, wäre ein großer Fehler. Dennoch waren einige Akteure in Berlin froh, keinen stärkeren Gegner erwischt zu haben. Berlins Rückraum Mitte-Akteur Bartlomiej Jaszka erklärte der bz-online: "Es war klar, dass wir einen starken Gegner bekommen. Dennoch sind wir froh, dass es Hamburg ist.“

Aus Hamburg waren andere Töne zu hören. Zwar ist man sich durchaus bewusst, gerade in den K.o.-Spielen mehr Erfahrung zu haben, weiß allerdings auch um die aktuelle Lage. "Ich brauche Hilfe", hatte Häusler der Bild erklärt. "Verlieren wir Sonntag bei den Füchsen mit sieben oder acht Toren, gibt es keinen Strohhalm mehr."

Ausrechenbarkeit – Berlin mit vielen Möglichkeiten

Berlins Rechtsaußen Markus Richwien erklärte der Mopo: "Wir sind nicht ausrechenbar. Das ist schon die ganze Saison so: Es sind immer andere Spieler top. (…) Bei uns sind alle gleich. Da gibt es keine Stars. Wir funktionieren, wenn wir als Team funktionieren.“ Und das macht den Unterschied aus. Beim Blick auf den aktuellen Kader fällt natürlich auf, dass die Berliner wesentlich dünner besetzt sind, wenn es um die Weltstars geht.

Mit Iker Romero wurde sicherlich ein Top-Spieler nach Berlin gelotst, doch ansonsten sind es eher Spieler wie Sven-Sören Christophersen oder jener Richwien, die den Takt angeben. "Hier wissen die Spieler, dass man sich nicht über das Gehalt definieren kann“, ergänzt Hanning. "Iker Romero ist hier, da er von vielen Spielern gehört hat, dass sie sich wohlgefühlt haben. Jeder Spieler, der uns verlässt, soll auch ein Botschafter für uns sein.“

Dem Berliner Zusammenhalt gegenüber stehen die HSV-Stars um die Gille-Brüder, Igor Vori oder Hans Lindberg. Als Einheit sind sie in dieser Spielzeit jedoch zu selten aufgetreten, zudem ist durch die wechselnde Trainerposition kaum ein Konzept zu erkennen. "Uns fehlt auch die Systemtreue“, erklärte Guillaume Gille, dessen Bruder Bertrand ausfallen wird, auf bild.de und Häusler ergänzte: "Jeder versucht die Spiele selbst zu entscheiden. Man muss loslassen können.“

Jugendkonzept – Berlin macht es vor

Der HSV hat es lange verpasst, einen guten Grundstein im Bereich der Jugendarbeit zu legen. Das wird nun versucht nachzuholen. "Großes Lob für den HSV, denn ich habe das Gefühl, sie meinen es mit der Jugendarbeit ernst“, sagte Hanning zu sportal.de. "Sie wären aber weiter, wenn sie damals das von mir bestellte Feld übernommen hätten.“

Doch noch pumpt Andreas Rudolph Unmengen von Geld in den Club. Immer wieder kündigt er allerdings an, dies ändern zu wollen. Was ein Verlust der Stars und das Herunterschrauben der Ansprüche für Sponsoren und Zuschauer zu bedeuten hätte, darüber kann nur spekuliert werden. Die Jugend braucht indes noch Zeit, um eine schnelle Integration zu schaffen.

In Berlin wird großen Wert auf die Jugendarbeit gelegt. Bob Hanning verdeutlicht dies, indem er sagt, dass man zum Wohle der Jugendförderung auch auf die Champions League verzichten würde. “Wir wollen die Jugend ganzheitlich ausbilden, als Handballer und Mensch. (…) Das Thema ist: Wir wollen Charaktere rausbringen.“

Mit Maximilian Kroll, Fabian Wiede, Jonas Thümmler und Kenji Hövels berief Dagur Sigurdsson in dieser Saison bereits vier A-Jugendliche in die erste Mannschaft. Zudem wurden die Berliner mit der B-Jugend im Jahr 2010 deutscher Meister, wiederholten diesen Erfolg ein Jahr später mit der A-Jugend. Gerade dieses Konzept könnte in den kommenden Jahren zu einem Erfolgsgaranten werden. "Der Traum geht weiter“, erklärte Hanning einst. Wie es beim HSV weitergeht, ist dabei schwer zu prognostizieren. Besonders, wenn die Geldhähne irgendwann versiegen.

Fazit

Die aktuelle Situation spricht für die Füchse. Zwar hat man weniger Geld zur Verfügung, doch dieser Faktor darf für das direkte Duell ausgeklammert werden. Für den HSV spricht einzig die Unerfahrenheit der Berliner. Verletzte gibt es auf beiden Seiten, doch haben die Berliner die wesentlich breitere Brust. Man freut sich auf die Hanseaten und hat die Ruhe auf der Vereinsseite. Der Druck ist für die Füchse bei Weitem nicht so hoch und neben der Kontinuität kann auch die bessere Stimmungslage für das Zünglein an der Wage sorgen.

Gunnar Beuth

sportal.de sportal

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker