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Michael Chang: Adieu Paris! Bitter-süße Tränen zum Abschied

Abschied auf Raten - Michael Chang, König der eigentlich verpönten "Mondbälle", kehrt dem Tennis-Court langsam den Rücken. Sein letztes Spiel bei den French Open verlor er in drei Sätzen gegen den Franzosen Fabrice Santoro.

Michael Chang rannen bitter-süße Tränen über das Gesicht. Am Tag, als er den French Open adieu sagte, sorgten 16.000 Franzosen auf dem Center Court noch einmal für große Gefühle. Wie vor 14 Jahren, als der Amerikaner taiwanesischer Abstammung mit 17 Jahren und drei Monaten als jüngster Grand-Slam-Sieger der Tennis-Geschichte gefeiert wurde. «Ich habe nur zwei Mal geweint in meiner Karriere, beide Male in Paris», verriet der 31-Jährige nach seinem letzten Match in Roland Garros.

Er verlor in drei Sätzen gegen den Franzosen Fabrice Santoro, der 1989 den Junioren-Wettbewerb in Paris gewonnen hatte. Eine Wildcard hatte Chang diesen letzten großen Auftritt ermöglicht. Eine Verbeugung vor dem Tennis-Champion, der 1989 durch seinen Pariser Grand-Slam-Sieg im Finale gegen Stefan Edberg, aber mehr noch durch sein legendäres Match im Achtelfinale berühmt geworden ist.

Die lange Reise mit Ivan

Es war eins der ergreifendsten Spiele in der Tennis-Geschichte. 5. Juni 1989: Krämpfe plagten ihn. Michael Chang konnte sich im Match gegen Ivan Lendl in den Pausen nicht mehr hinsetzen, weil er nicht wieder auf die wackeligen Beine gekommen wäre. Mit weit aufgerissenem Mund schnappte er nach Luft wie ein an Land geworfener Fisch. Er verschlang ein Dutzend Bananen, schluckte Liter von Mineralwasser. Mit «Mondbällen» hielt Chang den Ball lange oben. Mit einem so genannten Hausfrauen-Aufschlag an der T-Linie von unten verblüffte er den verwirrten Lendl, der den Matchball mit einem Doppelfehler setzte.

Im Augenblick des Sieges fiel Chang um - steif wie ein Brett. Der Weltranglisten-Erste Lendl stützte sich wie erstarrt auf seinen Tennisschläger. 4:6, 4:6, 6:3, 6:3, 6:3 lautete das Resultat des 4:43 Stunden dauernden historischen Matches. «Es war eine lange Reise mit Ivan, aber Gott und Jesus Christus waren mit mir», stammelte Chang, nachdem er mit Sauerstoff wieder ins Leben zurückgeholt worden war. Lendl, der sonst kaum menschliche Züge zeigte und dem das Spiel eines Roboters nachgesagt worden war, scheiterte an seinem eigenen Mitleid. «Ich sah die Mücke da drüben, konnte sie aber nicht totmachen», war der Kommentar eines mental völlig erschöpften Champions.

Faszination zwischen Mondball und Killerschlag

Das Faszinierende an Changs Durchhaltewillen war, dass er zwischen den im Herren-Tennis besonders verpönten «Mondbällen» immer wieder mit seiner Rückhand wahre Killerschläge produzierte. Mit dem ständigen Wechsel von Spielrhythmus und Gefühlslagen kam Lendl einfach nicht zurecht. Das Publikum schwenkte auf die Seite Changs. Mit Erschütterung sahen viele, wie Changs Mutter von der Tribüne aus ihrem Sohn mit Gesten und weit aufgerissenem Mund deutlich machte, dass er mehr trinken und mehr atmen müsste, um das Drama auf dem pulvrigen Sand überstehen zu können. Dann kam der Doppelfehler Lendls, und - Michael Chang fiel um.

Insgesamt 34 Turniere hat der mit Pete Sampras und Andre Agassi groß gewordene Chang im Laufe seiner Karriere gewonnen und damit rund 19 Millionen Dollar verdient. Am Ende des vergangenen Jahres rutschte er erstmals seit dem Beginn seiner Profi-Karriere aus den Top 100. Chang fühlte das Ende seiner Laufbahn nahen. Es wird ein Abschied auf Raten. Nach den US Open ist endgültig Schluss.

Ines Reichelt und Hans-Rüdiger Bein

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