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OLYMPIA: Olympia-Pingpong: Ist Peking Favorit oder nicht?

Kaum eine Olympia-Bewerbung spaltete die öffentliche Meinung so wie die der chinesischen Hauptstadt Peking. Trotz Umweltproblemen ist Peking Favorit. Oder nicht?

Innenminister Otto Schily ist dafür und auch Australiens Leichtathletik-Star Cathy Freeman, das amerikanische Tennis-Ass Michael Chang und die Regierung Taiwans. Dagegen sind das Europa-Parlament, diverse Menschenrechtsorganisationen, ein Ausschuss des US-Kongresses und das englische IOC-Mitglied Prinzessin Anne. Kaum eine Olympia-Bewerbung spaltete die öffentliche Meinung so wie die der chinesischen Hauptstadt Peking. Dennoch wird die 112. Vollversammlung am Freitag in Moskau die Spiele 2008 wohl an Peking vergeben. Ein führendes IOC-Mitglied hält sogar für möglich, dass Chinas Staatsbewerbung bereits in der ersten Wahlrunde die absolute Mehrheit der rund 105 Stimmen bekommt.

Umweltprobleme

Wie den Mitkonkurrenten Paris und Toronto wurde Chinas Hauptstadt durch die IOC-Prüfungskommission die Note »exzellent« ausgestellt. Diese Beurteilung erscheint vielen rätselhaft, denn Pekings Realität sieht anders aus. Die Luft ist teilweise so dreckig, dass viele Chinesen ihre weiße Wäsche nach dem Trocknen gleich wieder waschen müssen. Auch von der »Gartenstadt Peking«, die in der Bewerbung vollmundig versprochen wurde, fehlt bislang jede Spur.

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Um dem Olympischen Komitee wenigstens etwas Grün präsentieren zu können, wurden vor dem Besuch der Olympia-Entscheider flugs einige Parks mit grüner Farbe auf frisch und gesund getrimmt. Zudem garantieren die gefürchteten schwülheißen Sommer den Athleten höchst problematische Bedingungen. Doch all dies wird nicht ausschlaggebend sein. Die Wahl am Freitag ist eine politische Wahl, wie IOC- Vizepräsident Thomas Bach aus Tauberbischofsheim sagt: »Von ihr geht ein politisches Signal aus. Sie hat hohe politische Bedeutung.«

Politik gibt den Ton an

Die politischen Konsequenzen hinter der Entscheidung sind vielfältig: Sollen die Olympier Peking die Spiele wegen der andauernden Verletzungen von Menschenrechten erneut verweigern, oder sollte das Begehren des kommunistischen China erfüllt werden in der Erwartung, das Milliarden-Reich werde sich mehr öffnen müssen und Demokratisierungsbestrebungen würden gestärkt? Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die den Machthabern in Peking allein seit April 1781 Todesurteile vorrechnen, haben für den Freitag vor dem Kongresszentrum im Moskauer World Trade Center eine Demonstration beantragt. Exil-Tibeter haben zu einer Pressekonferenz geladen, am Freitag wollen sie dem IOC zehntausende gesammelter Protest-Unterschriften überreichen.

Vor acht Jahren, als Peking in Monte Carlo mit zwei Stimmen gegen Sydney im Duell um die Spiele 2000 unterlag, war ein stellvertretender Ministerpräsident Chinas einen Tag vor der Wahl mit besitzergreifendem Anspruch auf Taiwan aufgetreten. Dieser Fehler kostete Peking die entscheidenden Stimmen. Diesmal bleibt politische Prominenz zu Hause. Pekings Bewerbungskomitee wird am Freitag bei der 45-minütigen Präsentation vor der Vollversammlung von Bürgermeister Liu Qi angeführt, und dessen Sekretär Wang Wei will glauben machen, »das IOC hat über Sport zu entscheiden und nicht über Politik«. Das behaupten auch Franzosen und Kanadier - und schicken mit Lionel Jospin und Jean Chrestin ihre Premierminister für Paris und Toronto ins Rennen.

»Einzigartiges Vermächtnis«

Auch der Wink aus der IOC-Zentrale in Lausanne, Peking möge von seinem ursprünglichen Plan Abstand nehmen, Beach-Volleyball auf dem Platz des Himmlischen Friedens veranstalten zu wollen, gehörte zum Doppelpassspiel zwischen China und der IOC-Spitze. Dort war 1989 der Studentenaufstand blutig niedergeschlagen worden. Im Schlusszeugnis der IOC-Prüfungskommission steht, wie vom scheidenden Präsidenten Juan Antonio Samaranch selbst hineingeschrieben, der Satz: »Olympische Spiele in Peking würden China und dem Sport ein einzigartiges Vermächtnis hinterlassen.«

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