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Montag, 23. Juni, abends: Der Chef am Ruder

Knapp die Hälfte unseres Wegs zum "Point Alpha" sind geschafft - rund 500 Meilen liegen noch vor uns. Der Weg ist mühsam. Der Wind wechselt häufig, und entsprechend oft ist Garderobenwechsel angesagt

Knapp die Hälfte unseres Wegs zum "Point Alpha" sind geschafft - rund 500 Meilen liegen noch vor uns. Der Weg ist mühsam. Der Wind wechselt häufig, und entsprechend oft ist Umziehen der Garderobe angesagt: 30 Segelwechsel in 48 Stunden. Für die Crew heißt das abwechselnd im Tagebau schuften - Anschlagen und Hochziehen der neuen Segel an Deck - und im dann im Bergwerk - Einpacken der Spinnaker unter Deck.

Bei allen Manövern mit dem Großsegel ist Äußerste Vorsicht verordnet. Wir haben dann doch kein Reservesegel mitgenommen. "Wenn man alle Risiken ausschließen will", hat Tim Kröger gesagt, "kann man gleich im Hafen bleiben". Das saß.

Aufholjagd

Bisher hat alles gut gehalten - anders als auf der "Nordbank", die schon wieder zurück auf dem Weg nach Newport ist. Der Spinnakerbaum hat das Laminat ihres Mastes so beschädigt, dass der Skipper aufgeben musste. Auch die "Zephyrus" scheint Probleme gehabt zu haben, jedenfalls hat sie ihren Vorsprung verloren und war heute morgen wieder in Sichtweite.

Der Geruch von feuchten Socken

Inzwischen sind wir im Golfstrom und haben karibische Gefühle bei lauer Luft und 23 Grad Wassertemperatur. Unter Deck allerdings haben die freundlichen Temperaturen die Folge, dass Schweißausbrüche und der Geruch von feuchten Socken um sich greifen. Heute steuert bei uns der Chef persönlich. Aber sehr vorsichtig. Die "UCA" und ihre Steueranlage sind auf viel Wind ausgelegt und bedürfen einer ebenso straffen wie sensiblen Hand.

"Der Chef"

Alle sagen "der Chef", wenn sie von ihm sprechen. Klaus Murmann, 71 Jahre alt, Herr der "UCA", Boss an Bord ohne Herrschergehabe. Steuert, packt mit an, isst und trinkt klaglos, was alle essen und trinken. Er war nach dem Krieg einer der ersten Fulbright-Stipendiaten, kam mit 19 zum ersten Mal in die USA. "Das hat mich geprägt." So erzählt er es jedem. Aber an Bord erfährt man von ihm dann noch ein Paar Details, die in den Festreden auf ihn nicht auftauchen.

"How to play Poker"

In seiner ersten Zeit in New York jobbte er abends in einer Cafeteria, kam spät in sein Lodging-House und fand dort regelmäßig eine Runde von Pokerspielern vor. Nach ein paar Tagen Kiebitzen kaufte er sich ein Buch "How to play Poker". Nach ein paar Wochen gab er seinen Job auf. Mit den Karten verdiente er mehr. Auf die Frage, ob ihm das dabei Gelernte bei seiner späteren Karriere von Nutzen war, macht er ein klassisches Pokerface.

Rekordsammler

Er war Arbeitgeberpräsident und ist immer noch Unternehmer. Segler ist er, seit der Vater ihn auf die erste "UCA" mitnahm, eine stolze Ketsch aus Holz. Sie trug den Namen der Präzisionskamera, die im Flensburger Werk von Vater Murmann gebaut wurde und der Leica Konkurrenz machen sollte. Die Serie der fotografierenden UCAs wurde nicht zur Legende, aber die der segelnden. Der Sohn setzte die Segeltradition fort, unterbrochen nur von einer kurzen Phase, in der seine fünf Kinder zur Welt kamen. Mit einer 61 Fuß langen Aluminium-Uca segelte er viele Regatten im Mittelmeer, mit einer 67-Fuß-Baltic-"UCA" stellte er einen neuen Rund-Fehmarn-Rekord auf.

Er segelt mit Leidenschaft und am liebsten außerhalb von Landsicht. Für die ständig wiederkehrende Frage "Warum machen Sie das" hat er ein paar vernünftig klingende Antworten parat. Von Teamgeist spricht er dann, davon, dass das schwächste Mitglied des Teams dessen Belastbarkeit bestimmt wie das schwächste Glied die Stärke einer Kette und davon, dass 24 Stunden mit einem Menschen auf See ihn besser kennen lernen lassen als 24 Tage an Land.

Aber eigentlich ist es das alles nicht. Eigentlich ist es simpler. "Auf See werden und Horizont und Gemüt weit, auf See ist es einfach besser". Dabei kann er auf bewegtem Untergrund schlecht schlafen. Und die "UCA" ist ein ziemlich bewegter Untergrund. Dennoch spricht er Über die jüngste der UCA-Familie, seine vierte, mit geradezu väterlichem Stolz: "Ich habe das Gefühl, bisher auf einem Esel geritten zu sein und nun zum ersten Mal ein Reitpferd unter mir zu haben."

Dieses Reitpferd jagt jetzt mit 16 Knoten durch die sternenlose Nacht und zieht an seinen Flanken ein breiten fluoreszierenden Schaumstreifen durch den Atlantik. Ein faszinierendes Bild.

Peter Sandmeyer
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