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Pokerprofi Jan Heitmann: "Becker macht viele Fehler"

Viele Pokerfans träumen davon, mit den richtigen Karten die Traumvilla zu erspielen. Die Meisten scheitern, Jan Heitmann hat es geschafft. Der 32-Jährige hat allein in diesem Jahr über 100.000 Euro durch Pokern verdient. stern.de verrät der Profi, woran er schwache Spieler erkennt und wie er Promis wie Boris Becker fit für den Tisch macht.

Hunderttausende Deutsche träumen davon, mit Pokerspielen reich zu werden, nur wenige schaffen es. Warum? Das ist wie bei allen anderen Hochleistungssportarten auch: Es ist einfach sehr schwierig, ganz oben mit dabei zu sein. Ein Pokerspieler braucht eine Menge Disziplin, er muss lernwillig und kritikfähig sein und darf sich nicht überschätzen. Ein Mathematikgenie braucht er nicht zu sein, aber je mehr er von Mathematik versteht, desto besser. Am Tisch reicht die Wahrscheinlichkeitsrechnung aus der zehnten Klasse. Abseits des Tischs kann die Mathematik aber höher werden, da muss man sich jemanden suchen, der einem das erklärt.

Sollten Hobbyspieler, die nur zwei oder drei Stunden in der Woche zocken, überhaupt um Geld spielen? Wenn es nicht um Geld geht, spielen die Meisten nicht mehr strategisch und bleiben auch bei schlechten Karten bis zum Ende dabei. Frei nach dem Motto "Kostet ja nix". Es liegt im Wesen des Pokers, dass es irgendeinen Anreiz geben muss - selbst wenn er niedrig ist. Wenn ich mit Freunden in der Küche Poker spiele, sind zwanzig Euro Gewinn oder Verlust am Abend schon viel. Aber ganz ohne Anreiz geht es nicht, sonst weichen zu viele Leute von der optimalen Pokerstrategie ab.

Gibt es so eine Strategie überhaupt? Ja! Man muss hier zwei Merkmale unterscheiden. Manche spielen "tight" und steigen deshalb nur bei wirklich guten Karten ein, andere gehen häufiger mit. Außerdem gibt es aktive und passive Spieler: Die Aggressiven erhöhen häufig, die Passiven ziehen lediglich immer mit. Wenn man sich die erfolgreichsten Spieler der Welt anschaut, ist es eindeutig, dass die Spielertypen gewinnen, die selten ins Spiel einsteigen, dann aber das Maximum rausholen.

Und wer nicht so vorgeht ist ein schwacher Spieler? Jein, es gibt noch ein zweites, fast noch wichtigeres Prinzip: Ein schwacher Spieler bleibt immer bei seiner Strategie und entwickelt vorhersehbare Tendenzen, die ich ausnutzen kann. Ein starker Gegner spielt zwar grundsätzlich tight-aggressiv, mischt seine Strategie aber auch immer wieder durch, so dass er nicht berechenbar ist.

Woran erkennen Sie sonst noch einen schwachen Spieler?

Den identifizieren sie schnell an den groben Fehlern, die er macht. Das muss nicht heißen, dass er einen großen Pot verliert; es kann auch sein, dass er einen zu kleinen Pot gewinnt. Außerdem sind schwache Spieler leichter zu durchschauen als andere. Und wenn ich erstmal die Taktik des anderen voraussagen kann, brauche ich den Sack nur noch zuzumachen.

Haben Sie einen Tipp für alle, die zu häufig verlieren?

Spielt weniger Hände, die aber aggressiv. Achtet auf eure Position. Eine Pokerrunde verläuft im Uhrzeigersinn. Wenn Ihr möglichst oft derjenige seid, der sich erst nach seinem Gegner entscheiden muss, habt Ihr einen riesigen Vorteil.

Vor den "TV-Total-Turnieren" trainieren Sie die Promis von Stefan Raab. Wie viel Zeit haben Sie dafür?

Da richte ich mich nach den Promis: Die meisten haben nur drei bis vier Stunden Zeit und kennen die Regeln nicht. Die kann ich ihnen in der Zeit erklären und ihnen Grundsätzliches zur Bedeutung der Positionen und der richtigen Strategie vermitteln.

Wer war der talentierteste Promi, den Sie bisher trainiert haben? Simone Thomalla hat mir sehr gut gefallen. Sie hatte ein sehr gutes Auffassungsvermögen und setzte die Konzepte ordentlich um. Gut war auch Moritz Bleibtreu, der sehr gute Nachfragen gestellt hat.

Und der Schlechteste?

(lacht) Darf ich nicht verraten.

Sie haben auch Boris Becker trainiert, den wohl bekanntesten deutschen Poker-Promi. Wie lief's?

Es hat Spaß gemacht, und er kann inzwischen auch ganz gut spielen. Es fehlt ihm zwar an Erfahrung, aber er hat viel Talent.

Mit der Einschätzung stehen Sie ziemlich alleine da, die meisten Profi-Zocker halten Becker für grottenschlecht.

Sagen wir es so: Als Profi gilt, wer seit mindestens fünf Jahren vom Pokerspielen gut leben kann. Becker spielt noch kein Jahr und hat nicht viel Zeit zum Trainieren. Unter diesen Bedingungen spielt er gut, auch wenn er noch viele Fehler macht.

Interview: Christoph Schäfer
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