HOME

Rad-Wahnsinn: L'Alpe d'Huez stößt an seine Grenzen

Wann immer die Karawane der Tour de France einzieht, verwandelt sich der idyllisch gelegene, aber schmucklose Gebirgsort in die größte Freilichtbühne der Welt. Das Spektakel hat aber auch seine Schattenseiten.

Unaufhörlich kreisen die Helikopter bereits am frühen Morgen über den Dächern. Binnen Minuten ist es mit der ohnehin kurzen Nachtruhe in L'Alpe d'Huez vorbei. Wann immer die Karawane der Tour de France einzieht, verwandelt sich der idyllisch gelegene, aber schmucklose Gebirgsort in die größte Freilichtbühne der Welt. Die unglaubliche Atmosphäre auf dem 13,8 Kilometer langen Anstieg durch 21 Kehren fasziniert selbst Walter Godefroot nach über 35 Jahren im Radsport immer wieder aufs Neue: "Wahnsinn - das ist ein Volksfest für alle Sportbegeisterten, eine Riesenparty ohne Hooligans", schwärmt der Manager im Team von T-Mobile.

Chaotische Logistik

Doch die Geduld aller Beteiligten wird zunehmend auf eine harte Probe gestellt. Weil immer mehr Fans beim Showdown ihrer Idole am bekanntesten Anstieg des Radsports dabei sein wollen, kämpfen die Organisatoren mitunter vergeblich gegen das Chaos an. Für viele der geschätzten 500 000 Besucher endete die Anreise in das am Fuße des Berges gelegene Bourg-d’Oisans am Mittwoch im nächtlichen Stau auf der Route national von Grenoble. Zudem sorgten horrende Appartementpreise und die verzweifelte Suche nach einem Restaurant- Platz für zusätzliche Verstimmung.

Zwischen Euphorie und Raserei

Ob das die Radsport-Fans in Zukunft abschrecken wird, darf jedoch bezweifelt werden. Zu groß ist die Vorfreude auf das Spektakel, das in der Sportwelt seinesgleichen sucht. Die Zelte und Wohnmobile auf dem schmalen Randstreifen entlang des Anstieges sind ungezählt. Vor allem in der berüchtigten "Holländer-Kurve", die seit den Siegen ihrer Landsleute Henie Kuiper, Joop Zoetemelk, Steven Rooks und Gert- Jan Theunisse von Niederländern belagert wird, grenzt die Euphorie oft an Raserei. Bis tief in die Nacht herrschte auch in diesem Jahr südländische Begeisterung.

Prominente fahren Mythos hinterher

Wenige Stunden später eiferten die ersten Freizeitradler im Morgengrauen ihren Idolen nach. Einer von denen war der ehemalige Eishockey-Bundestrainer Hans Zach. Vorbei an Danilo Hondo (Team Gerolsteiner) als Pappfigur, auf dem Asphalt schlafenden Fans, einem Werbeplakat für Weihnachtsbäume und Schriftzügen wie "US Postal EPO" ebnete er sich einen Weg durch die Massen. Ein Vergleich mit der Rekordzeit von Marco Pantani (37:35 Minuten) steigert den Respekt der Hobbysportler vor der Leistung der Profis. Selbst Popsängerin Sheryl Crow, Lebensgefährtin des fünfmaligen Tour-Gewinners Lance Armstrong, setzte sich Ende Juni der Strapaze aus: Nach rund 100 Minuten hatte die Quälerei für sie ein Ende.

Das lange Warten der Fans an der Strecke hatte um 14.00 Uhr ein Ende. Der Franzose Sebastian Joly, Letzter im Gesamtklassement, stürzte sich als Erster ins Chaos. Er kam bei hohen Temperaturen nach 47:07 Minuten ohne Zwischenfall ins Ziel. Der massive Einsatz von Sicherheitskräften und Motorrädern, die jedem Fahrer den Weg durch die Massen bahnten, machte sich bezahlt.

Wissenscommunity