HOME

Ralf Grabsch: "Ich fürchte mich vor deutschen Autofahrern!"

Tour-Debütant Ralf Grabsch ist gespannt auf die verrückten Zuschauer auf der ersten Alpenetappe. Im stern.de-Interview spricht der 32-Jährige außerdem über sein Verhältnis zu Jan Ullrich und warum er sich vor deutschen Autofahrern fürchtet.

Die erste Alpenetappe steht bevor – und mit ihr gleich eine der berühmtesten Bergankünfte in der Historie der Tour de France: L’Alpe d’Huez. Nach zwei Tourwochen geht die Plackerei also weiter. Ralf Grabsch, der für das neue Team Milram zum ersten Mal am härtesten Radrennen der Welt teilnimmt, freut sich komischerweise auf den geschichtsträchtigen Tagesabschnitt. Im Interview mit stern.de spricht der 32-Jährige über das Abenteuer seiner ersten Tour de France, seinen Bruder Bert, der ebenfalls im Tourtross unterwegs ist und sein Leben im Team von Kapitän Erik Zabel.

Herr Grabsch, sie fahren zum ersten Mal bei der Tour de France mit. Wie geht es Ihnen nach zwei den ersten beiden Wochen?

Mir geht es gut, ich habe die Pyrenäen-Etappen gut verkraftet und freue mich nach dem Ruhetag auf die Alpen, vor allem auf Alpe d’Huez.

Wie bitte? Sie freuen sich auf so eine schwere Etappe, obwohl sie gar kein Bergspezialist sind?

Alle haben schon zwei Wochen Tour in den Beinen, deshalb habe ich keine Angst, dass ich abgehängt werde. Ich freue mich auf die Zuschauer, die am Berg zur Skistation Alpe d’Huez stehen. Es heißt, die wären noch euphorischer und noch verrückter, als die, die wir bislang schon erlebt haben. Es muss ein Wahnsinns-Gefühl sein, dort angefeuert zu werden. Ich bin sehr froh darüber, dass die Etappe nach Alpe d’Huez in meinem ersten Tourjahr mit auf dem Programm steht, denn das gehört einfach dazu.

Haben Sie keine Angst, dass die Fans zu nahe kommen und sie vom Rad stürzen?

Nein, es fährt immer ein Polizei-Motorrad vorweg. Ich freu mich auch, weil zum ersten Mal Bekannte an der Strecke stehen. Mein Vater hat mir und meinem Bruder Bert versprochen, dass er uns besucht, wenn wir beide gemeinsam an der Tour de France teilnehmen. Jetzt ist es so weit. Bert fährt im Phonak-Team mit, aber der ist schon ein alter Hase: Er ist schon zum dritten Mal dabei. Zusammen mit unserem Fanclub kommt mein Vater mit dem Bus aus unserer Heimat Wittenberg.

Bekommen Sie Tipps von ihrem jüngeren Bruder?

Trotzdem wir beide am gleichen Rennen teilnehmen, sehen wir uns selten. In der vergangenen Woche waren wir einmal im gleichen Hotel, da haben wir uns nach dem Abendessen zusammengesetzt und gequatscht. Gute Ratschläge hat mir Bert aber schon vor der Tour gegeben: Als wir neun Tage lang zusammen in der Schweiz trainiert haben.

Wie ist die Stimmung im Team? Ihr Kapitän Erik Zabel hatte vorher angekündigt, dass er um das Grüne Trikot kämpfen will. Doch das scheint nun in weite Ferne gerückt zu sein.

Die Stimmung ist super. Wir sind eine junge Mannschaft und helfen uns gegenseitig über die Tiefpunkte - die man bei so einer langen Rundfahrt zwangsläufig hat - hinweg. Erik Zabel sagt uns "Rookies", wie wir die Etappen angehen sollen und welche Strategie wir fahren. Man merkt, dass er an die Sache ganz anders rangeht, als beim Team Telekom.

Damals war Zabel immer ziemlich sauer, wenn er nicht gewonnen hat...

Er ist viel gelassener geworden. Wir konzentrieren uns jetzt auf einen Etappensieg. Nach den Alpenetappen haben wir noch zwei Chancen: Am Freitag und am Sonntag.

Spürt man bei der Tour de France noch die Folgen des Doping-Skandals?

Nein, an den Straßen stehen noch immer unzählige Menschen. Aber es sind auch keine Franzosen suspendiert worden. Das ist vielleicht ein Grund. Der Zuspruch der Fans ist kein Vergleich zum Giro d’Italia oder der Spanien-Rundfahrt, wo man lange Durststrecken hat. Hier wird einem nie langweilig. Am Nationalfeiertag und an den Wochenenden waren sogar noch mehr da.

Wie haben Sie persönlich die Suspendierung von Jan Ullrich aufgenommen?

Ich habe ein ganz gutes Verhältnis zu Jan. Wir sind im Juni beide bei der Tour de Suisse gefahren und waren ständig zusammen. Als ich davon gehört habe, war das ein großer Schlag für mich, denn ich wusste ja, wie gut er drauf war. Ich habe das Ganze nur schwer verdaut. Aber im Tourstress muss man das zur Seite schieben. Für den deutschen Radsport ist so was natürlich nicht förderlich. Wir sind alle mit betroffen. Wenn man zu Hause trainiert, muss man ein schlechtes Gewissen haben - außerdem weiß man nie, was die Autofahrer so machen, wenn sie erkennen, dass ein Radprofi unterwegs ist.

Sind Sie denn auf dem Laufenden, wie es im Fall Ullrich so steht?

Nein, wir leben hier in unserer eigenen Welt, da bekommt man nur wenig mit. Ich habe einmal im Videotext gelesen, dass Rudy Pevenage aus dem Team geworfen wurde. Der Fernseher ist unsere einzige Informationsquelle. Wir haben nicht mal mitbekommen, dass Matthias Kessler und die anderen beiden gestürzt sind, dass haben wir erst nach der Etappe im Bus gesehen, als im Fernseher von der Tour berichtet wurde.

Aber den Sieg von Jens Voigt haben sie schon mitbekommen?

(lacht) Na klar. Es freut mich ganz besonders für ihn. Er hat mal wieder bewiesen, dass harte Arbeit irgendwann belohnt wird. Und dass man es mit einem großen Motor schaffen kann. Das macht mir Mut, denn ich bin auch so ein Fahrer. Ich hatte gehofft, dass ich ebenfalls eine Chance bekomme, aber ich musste in den ersten Tagen zu viel für Erik Zabel arbeiten, so dass ich keine Kraft habe, in einer Ausreißergruppe zu fahren. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Das ist ein guter Grund, im nächsten Jahr zur Tour de France zurückzukehren.

Interview: Annette Jacobs

Wissenscommunity