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Sportwelt: Mike Tyson: Kämpfen um jeden Cent

"Iron Mike" will es noch einmal wissen. Getrieben von großen Geldsorgen wird er am Samstag noch einmal in den Ring steigen. Ein Kampf ums Überleben.

Der Überlebenskampf hat Mike Tyson nach 17 Monaten wieder zurück in den Boxring getrieben. Etwa 200 Millionen Dollar boxte der jüngste Weltmeister im Schwergewicht in seiner chaotischen Karriere bislang zusammen. So viel wie kein zweiter Faustkämpfer weltweit. Trotz seiner gigantischen Einkünfte steht der 38-jährige Amerikaner heute mit leeren Händen da. Schlimmer noch: Sein ausschweifendes Leben hat ihn in den Ruin getrieben.

Nach seinem Offenbarungseid im August 2003 hat "Iron Mike" einen Schuldenberg von über 38 Millionen Dollar abzuzahlen, um nicht in der Gosse zu landen. In der Nacht zum Samstag will er damit in der "Freedom Hall" von Louisville im US- Bundesstaat Kentucky beginnen. Der frühere britische Europameister Danny Williams ist dafür als Opfer auserkoren worden.

"Der böseste Mensch des Planeten"

Alles andere als ein kurzrundiger Erfolg dürfte für den sich einst selbst als "bösesten Menschen des Planeten" bezeichneten Bad Boy kein Thema sein. Seinem Trainer Freddie Roach wäre es allerdings lieber, wenn das auf zehn Runden angesetzte Duell über die erste Kampfhälfte hinausgeht. Ein schneller K.o., etwa wie im letzten Vergleich am 22. Februar vergangenen Jahres gegen Landsmann Clifford Etienne, der nach 49 Sekunden im Ringstaub lag, bringe Mike nicht weiter, behauptet Roach. "Er braucht Wettkampferfahrung, nur so kann er wieder ganz nach oben kommen." Auf jeden Fall muss ein überzeugender Sieg her, um die Gelddruckmaschine Tyson wieder richtig zum Rotieren zu bringen.

Wie viel Tyson mit seinem 57. Profikampf (50 Siege/4 Niederlagen/2 ohne Wertung) verdient, will Manager Shelly Finkel nicht preisgeben. Fakt ist, dass von jedem Honorar 50 Prozent an die Gläubiger gehen, mindestens zwei Millionen darf Tyson aber auch behalten. Sieben Kämpfe soll er binnen zwei Jahren bestreiten, wobei ein Titelfight gegen WBC-Champion Vitali Klitschko das "ultimative Ziel" ist, um wieder aller Finanzsorgen ledig zu sein. 14 Millionen Dollar sind ihm bereits sicher. Die muss ihm Don King nach einer außergerichtlichen Einigung überweisen. Tyson hatte seinen Ex-Promotor ursprünglich auf 100 Millionen Dollar unterschlagener Börsen verklagt.

Die Pressekonferenz wirkte wie eine Bibelstunde

Die Peinlichkeit seiner Bankrotterklärung hat die "tickende Zeitbombe" offenbar ruhig gestellt. Der Mann mit dem martialischen Maori-Tattoo, dass sich von der Stirn über die linke Schläfe bis zur Wange windet, scheint geläutert zu sein. So brav, verständnisvoll und freundlich, wie sich Tyson jetzt im Umgang mit jedermann gibt, mutet er schon unheimlich an. Keine abartigen Äußerungen, keine bösen, provozierenden Worte mehr. Die Abschlusspressekonferenz am Mittwoch vor über 150 Journalisten erweckte den Endruck einer Bibelstunde.

Er spricht leise und überlegt, setzt sich intensiv mit seinem Leben auseinander, wobei er zu der Einsicht kommt: "Ich bin nicht mehr an all dem kostbaren Spielzeug interessiert. Ich brauche keine Brillanten, keine teuren Autos oder Pelzmäntel mehr. Das macht keinen Mann aus. Ich bin nur noch interessiert, wie meine Kinder aufwachsen, und möchte ihnen dafür die best möglichen Voraussetzungen bieten." Er kämpfe aber auch für "seinen Respekt, seine Selbstwertschätzung, und ich möchte partout nicht, dass irgendeiner jemals sagt, ich wäre unehrlich gewesen und hätte meine Rechnungen nicht bezahlt."

"Jetzt bin ich an der Reihe, glaubt mir."

Sein Alter mache die Wandlung aus, glaubt der Manager. "Mike hat erkannt, dass das Ende des Regenbogens nicht mehr fern für ihn ist." Mike sei zwar ein gebrochener Mann, sagt sein Trainer, doch dafür jetzt eine viel bessere Person als je zuvor. Statt in Prunkvillen mit maßlosem Luxus in den Tag hinein zu leben, wohnt Tyson nunmehr bescheiden in der Wüstenstadt Phoenix mit seinem zwei Jahre alten Sohn Miguel und dessen Mutter in einem kleinen Haus mit drei Zimmern. Seine exzentrische Entourage, die ihn mit zum Wahnsinn trieb, besteht nicht mehr aus über zwei Dutzend, sondern nur noch aus einer Hand voll Begleitern. Das werde alles so bleiben, verspricht Tyson, selbst wenn er eines Tages wieder mehr Geld besitzen sollte.

Dazu will es Williams (31 Siege/3 Niederlagen) natürlich nicht kommen lassen. Der gebürtige Londoner, der seinen Titel voriges Jahr an den Türken Sinan Samil Sam verloren hatte, gibt sich cool: "Noch nie habe ich vor einem Kampf so wenig Druck gespürt. Jeder erwartet, dass Tyson mich in der ersten oder zweiten Runde ausknockt. Doch seine Zeit ist vorbei. Jetzt bin ich an der Reihe, glaubt mir."

Gunnar Meinhardt / DPA / DPA

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