Tour-Ausstieg ARD/ZDF Akt der Hilflosigkeit

Zehn Tage lang lief das Doping-TV bei ARD und ZDF, begleitet von einer Massenflucht der Zuschauer und wütenden Protesten. Jetzt gibt es den ersten Dopingfall - und schon bleibt die Mattscheibe dunkel. Eine bedenkliche Entscheidung.
Ein Kommentar von Nico Stankewitz

Er war angedroht worden von ARD und ZDF, der Ausstieg aus der Live-Berichterstattung. Nach dem Dopingfall Sinkewitz wird er jetzt auch umgesetzt. ZDF-Chefredakteur Brender und ARD-Programmdirektor Struwe zeigen dem Radsport zwar nur die "Gelbe Karte", faktisch ist es aber ein Ausstieg, denn selbst wenn sich die Unschuld von Sinkewitz über die B-Probe noch heraus stellen sollte, die Tour dürfte bis dahin längst vorbei sein.

Ausstieg weder konsequent noch sinnvoll

Damit endet also das umstrittene Doping-TV just zu dem Zeitpunkt, wo der erste Dopingfall im weiteren Rahmen dieser Frankreich-Rundfahrt aufgetreten ist. Auch wenn damit nicht nachgewiesen ist, dass auch bei der Tour gedopt wurde und der betroffene Fahrer nicht mehr zum Fahrerfeld gehört.

Der Ausstieg ist weder konsequent noch sinnvoll, auch wenn die Verantwortlichen es nun so verkaufen. Wenn ARD/ZDF nicht mehr über Sportarten berichten wollen, die ein Doping-Problem haben, wird das Sportangebot im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zukünftig recht beschränkt sein. Leichtathletik, Schwimmen oder Skilanglauf dürften in Zukunft keine Rolle mehr spielen, ebenso wenig wie etliche andere olympische Sportarten. Das wäre ein konsequenter Standpunkt, die journalistische Aufgabe der Thematik.

Katastrophe für deutschen Radsport droht

Inhaltlich sinnvoll ist der Ausstieg ebenso wenig, denn dieser Schritt bewirkt exakt das Gegenteil davon, was dabei erreicht werden soll. Abgesehen von weiteren Zuschauerwanderungen in Richtung Eurosport, werden damit im Radsport genau diese Teams, Veranstalter und Sponsoren geschwächt, die energisch gegen Doping vorgehen und gegen die Wucherungen im Radsport kämpfen. Für die Sponsoren entsteht ein unmittelbarer wirtschaftlicher Schaden durch den Tour-Ausstieg von ARD und ZDF, denn wenn entgegen der gültigen Verträge nicht übertragen wird, geht Bildschirmpräsenz verloren und Sponsoren könnten deshalb aus dem Radsport aussteigen. Nun sind aber ausgerechnet die beiden Hauptsponsoren der deutschen Mannschaften, Gerolsteiner und T-Mobile, wichtige Vorkämpfer im Kampf gegen Doping, und ein Ausstieg dieser Unternehmen wäre eine Katastrophe nicht nur für den deutschen Radsport.

Der Profiradsport würde systematisch Sponsoren überlassen, die die Doping-Bekämpfung nicht ganz oben auf ihrer Agenda stehen haben, sondern die in erster Linie Siege sehen wollen. Der kasachischen Astana-Mannschaft und ihren Protagonisten Klöden und Vinokourov ist die TV-Präsenz in Deutschland herzlich egal, sie wären aber einer der ersten Profiteure eines Rückzugs der deutschen Sponsoren. Nächste Konsequenz: Junge deutsche Fahrer müssten nach dem Ausstieg der deutschen Mannschaften im Ausland anheuern, wo es möglicherweise mit Doping nicht so genau genommen wird und in der Konsequenz ebenfalls zu unerlaubten Mitteln greifen. Ein unrealistisches Szenario? Hoffentlich.

Besonders perfide ist dieses Szenario, weil insbesondere die ARD sich lange nahezu kritiklos in der Doping-Welt bewegte. Zu den Hochzeiten des Epo-Konsums war das "Erste" als Co-Sponsor des Team Telekom aktiv und stolz auf die "Eins" auf dem Trikot der Helden. Kritischer journalistischer Umgang MIT Doping fand damals in Deutschland kaum statt. Der Gedanke, dass nicht nur Festina systematisches Doping betrieb, fand kaum Eingang in die Berichterstattung. Erstaunlich wie das vermeintlich "saubere" Team Telekom trotzdem gegen gedopte Festina-Fahrer gewinnen konnte - heute wissen wir mehr, damals aber für den Medienpartner des Teams ein offenbar unzulässiger Gedanke.

Auch Medien tragen Verantwortung

Doping ist ein offenbar nicht ausrottbarer Teil des Profiradsports. Möglicherweise wird, wie Dopingexperte Wilhelm Schänzer spekuliert, mit "nicht nachweisbaren Dopingmitteln" gedopt, was aber einfach nur sinnlose Spekulationen sind. Der Sport gibt sich Regeln, und die müssen eingehalten und durchgesetzt werden. Für "sauberen" Sport tragen alle Mitverantwortung, Sportler, Trainer, Mediziner, Veranstalter, Mannschaften, Sponsoren und Medien.

Der aktuelle Tour-Ausstieg der öffentlich-rechtlichen TV-Stationen wirkt wie ein Akt der Rat- und Hilflosigkeit, aber nicht wie eine verantwortungsvolle Maßnahme im Sinne des Sports. Im Gegensatz zu privaten Medien hat der Zuschauer keinen Einfluss auf derartige Entscheidungen - die Konsequenzen einer ungenügenden Aufklärung muss er allerdings tragen.

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