Tour de France Amphetamine am Berg des Todes


Am 13. Juli 2007 jährt sich zum 40. Mal der Tod des britischen Weltmeisters Tom Simpson am Mont Ventoux, dem kahlen Riesen der Provence. An diesem mystischen Berg verloren der Radsport und die Tour de France endgültig ihre Unschuld.
Von Nico Stankewitz

Es ist eine eigenartige Hitze im Juli in der Provence. Wenn es windstill ist, bewegt man sich wie in einem Backofen, wenn der Mistral weht, ist es ein heißer Wüstenwind, der direkt aus der Sahara zu kommen scheint und keinerlei Erfrischung bringt. Mitten in diesem idyllischen Landstrich steht ein riesiger Berg aus Vulkangestein: Der Mont Ventoux, der "windige Berg", der erstmals 1336 von dem Dichter Petrarca bestiegen wurde.

"Kahler Riese" wird der Gigant auch genannt, oberhalb der Baumgrenze besteht er nur noch aus Stein, Staub und Geröll, hier gibt es kein Leben, keine Tiere, kein Gras, keine Sträucher, nichts. Eine schrecklich trostlose Mondlandschaft. In unregelmäßigen Abständen schickt die Tour das Fahrerfeld über diesen Berg und mutet den Fahrern eine harte Prüfung zu.

Flucht bei 45° im Schatten

So auch an diesem Nachmittag am 13. Juli 1967. Tom Simpson ist Brite, ehemaliger Weltmeister, und gehört zum engeren Favoritenkreis dieser Tour. Gemeinsam mit dem Spanier Julio Jimenez und dem legendären Franzosen Raymond "Poupou" Poulidor hat Simpson sich vom Feld abgesetzt, es ist eine ernsthafte Attacke bei diesem Anstieg zum 1912 Meter hohen Gipfel. Aber es sind auch 45° im Schatten und die drei fahren hinauf in eine lebensfeindliche Umgebung. Und: Zumindest einer der drei hat kräftig nachgeholfen und sich mit unerlaubten Mitteln für diese Flucht gestärkt.

Kurz vor dem Gipfel bricht Simpson zusammen und stürzt vom Rad, alles was folgt ist durch Legenden längst vernebelt. Die Zahl der angeblichen Augenzeugen ist ebenso groß, wie die Zahl der Versionen des Dramas. Fest steht, dass Zuschauer helfen, den 29-Jährigen wieder aufs Rad zu setzen, er nur wenige Meter zurücklegt und erneut stürzt. Der eilig herbeigerufene Tourarzt Dr. Pierre Dumas kämpft noch 90 Minuten lang einen aussichtslosen Kampf um das Leben des Fahrers, vergeblich.

Amphetamine und Cognac?

Am gleichen Tag beginnt die Legendenbildung von beiden Seiten. Während aus Radsportkreisen von einem "normalen" Herzinfarkt die Rede ist, behaupten andere, Simpson habe Aufputschmittel mit Cognac herunter gespült - auch nach dem damaligen Stand des sportmedizinischen Wissens keine ungefährliche Kombination. Fest steht, dass bei dem toten Fahrer eine Dose mit Amphetaminen gefunden wurde und bei der Autopsie neben der extrem hohen Dosis jener Substanz auch Alkohol nachgewiesen wurde - woher auch immer.

Mit dem Tod Simpsons war der Radsport schlagartig in einem neuen Zeitalter angekommen. Es war schon einige Male vorgekommen, dass ein Profi bei einem Rennen zusammenbrach und auch Todesfälle hatte es gegeben, aber kein so prominenter Fahrer bei einem so großen Rennen, kein Weltmeister bei der Tour de France. Insbesondere in England und Frankreich nahmen sich die Medien des Todesfalls an und erstmals sickerte es ins öffentliche Bewusstsein ein, dass die Radprofis durch "Doping" (damals noch ein selten gebrauchter Begriff) ganz unmittelbar ihr Leben aufs Spiel setzten.

Sauberste Tour aller Zeiten

Der tragische Tod von Tom Simpson wurde zum Signal für eine Ära im Radsport, die erst in der jüngeren Vergangenheit beendet worden ist. Die Fahrer und Teams bemühten sich um "verborgenes" Doping, und wurden von vielen Verbänden und Veranstaltern stillschweigend darin unterstützt. Schon in den siebziger und achtziger Jahren gab es reichlich nachgewiesene Dopingfälle, viele prominente und erfolgreiche Fahrer jener Zeit waren davon betroffen, aber das System sorgte dafür, dass die Vorfälle nur leicht bestraft oder ganz unter den Teppich gekehrt wurden.

Die Netze zogen sich zwar langsam dichter zu, aber erst, als auch Veranstalter und Teams begannen, den Kampf gegen Doping zu unterstützen, wirkte sich das auch spürbar aus. Das deutlichste positive Signal kam dabei von der Organisation der Tour de France, als im vergangenen Jahr der vermeintliche Toursieger Floyd Landis im Nachhinein überfuhrt wurde, ein Vorgang, der in der Vergangenheit mit aller Macht vertuscht worden wäre. So wurde der Moment, den viele als "schwärzeste Stunde der Tour seit 1967" empfanden, zum Zeichen für einen hoffnungsvollen Neuanfang und zur Grundlage für die vermutlich sauberste Tour aller Zeiten: 2007.


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