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Tour de France: Im Netz der Angst

Nach dem Dopingfall Ricco und dem Panik-Rückzug seines Teams Saunier Duval ist klar: Die Dopingjäger haben mehr als einen Etappensieg errungen. Mit den neuen Epo-Präparaten fühlten sich die Betrüger sicher. Jetzt zittern einige, andere hingegen jubeln.

Von Nico Stankewitz

Vermeintliche Doping-Experten hatten im Vorfeld der Tour geunkt, die Dopingfahnder würden den betrügerischen Profis "zwei Jahre" hinterherhinken – die Realität sieht offenbar vollkommen anders aus. So ist der Fall Ricardo Ricco, dem in der A-Probe die Einnahme eines Epo-Präparates der neuesten Generation Micera (auch "CERA“ genannt) nachgewiesen wurde, und auch der seines offenbar ebenfalls gedopten Teamkollegen Leonardo Piepoli, gleichzeitig ein Fanal für die unverbesserlichen Betrüger im Fahrerfeld.

Der Kampf gegen Doping hat einen großen Erfolg errungen, im Moment scheinen die Fahnder vorne zu liegen und im Start- und Zielbereich sieht man einige Fahrer (viele von ihnen aus spanischen Mannschaften) nur noch mit verkniffenen Gesichtern an den Medienvertretern vorbei schleichen.

Jubel über Dopingfall

Eine gute und überraschende Reaktion kommt ebenfalls aus dem Kreis der Radprofis. Als Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer den positiven Epo-Test von Ricco seinem Team mitteilte, war man nicht etwa betroffen, sondern es brach lauter Jubel im Kreis der Fahrer los. Der Dopingfall wurde von einem großen Teil des Feldes mit Begeisterung aufgenommen, den Tenor machte der ehemalige Weltmeister und reuige Doping-Sünder David Millar deutlich: "Ricco war zu gut um wahr zu sein." Etliche Fahrer und Teamleiter hatten schon zuvor ihr Misstrauen gegenüber den Auftritten von Ricco und Saunier Duval deutlich gemacht, sie alle fühlen sich nun bestätigt.

Offenbar hatte Ricco nicht an die Nachweisbarkeit von CERA geglaubt, einem brandneuen Produkt aus der dritten Generation der Epo-Stoffe, das erst in diesem Jahr auf den Markt gekommen ist. Vielfach war angenommen worden, CERA werde durch die Nieren soweit neutralisiert, dass es nicht mehr auffindbar sei. Durch die längere Wirkungsdauer von bis zu 130 Stunden könne man daneben auch das Problem der Blutwerte im UCI-Blutpass umgehen, auch das hat sich mit dem funktionierenden Nachweis erledigt – gute Nachrichten für einen sauberer werdenden Radsport.

Abschreckung durch Gefängnisstrafen

Die Staatsanwaltschaft hat gegen Ricco bereits eine Anklage vorbereitet, im Falle einer Verurteilung drohen dem italienischen Bergfahrer zwei Jahre Gefängnis. Bei Moises Dueñas Nevado, dem vorherigen Dopingfall aus der englischen Mannschaft Barloworld, drohen ebenfalls zwei Jahre und zusätzlich drei weitere Jahre wegen Schmuggels von illegalen Präparaten nach Frankreich – im Klartext wegen Drogenschmuggels. Durch die juristische Situation in Frankreich hängt jetzt ein Damoklesschwert über den Fahrern, ein Gefängnisaufenthalt ist wirklich eine drastische Strafe für ein Dopingvergehen. Unterstützt durch die französische Justiz macht die Tour ernst, die Zeiten für Betrüger sind um ein vielfaches unangenehmer geworden.

Der Selbstreinigungsprozess im Radsport zeigt Wirkung, er ist weiterhin schmerzhaft, aber er bringt eine Generation von glaubwürdigen Fahrern aus glaubwürdigen Teams an die Spitze, die Politik der Tour´-Organisation ASO beginnt sich auszuzahlen. Doping ist ein untrennbarer Teil des Leistungssports (nicht nur des Radsports), aber mit besseren Kontrollen und härteren Strafen greift erstmals eine effektive Abschreckung – ein Ricco in französischer Haft dürfte diesen Effekt noch verstärken.

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