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Turnen: Weltmeisterin am Schwebebalken: Der schwer erkämpfte Aufstieg der Pauline Schäfer

Mit großer Leidensfähigkeit hat es Pauline Schäfer geschafft, Weltmeisterin am Schwebebalken zu werden. Die Sporthilfe zahlt 300 Euro. Ihr Arbeitgeber, die Bundeswehr, lässt sie trainieren. Ein Turnhallenbericht aus Chemnitz.

Weltmeisterin Pauline Schäfer: Der schwere Kampf am Schwebebalken

Eleganz und Härte: Pauline Schäfer, 20, am Olympiastützpunkt in Chemnitz auf dem Gerät ihres größten Erfolgs

Eine junge Frau fliegt zwischen den Stangen des Stufenbarrens. Ein kurzer Impuls ihrer Hüfte genügt, schon katapultiert sie sich selbst durch die Luft. Ein Zustand der Schwerelosigkeit muss das sein, dargeboten auf akrobatischste Weise. "Die Faszination des Turnens ist, das Gleiche zu tun, aber mehr zu erwarten", wird sie später sagen.

Eine junge Frau springt auf den Schwebebalken. Einen Sieg von sporthistorischer Größe hat sie an diesem Gerät errungen, doch nun wirft das widerborstige Ding sie sogleich wieder ab, immer wieder. Beim ersten Mal schluckt sie ihren Zorn hinunter. Beim zweiten Mal kauert sie sich hin, als habe sie die Enttäuschung niedergestreckt. "Das Ganze ist eine Hassliebe, ein ewiger Kreislauf, der nie endet. Man kommt da nicht mehr raus", wird sie später sagen.

Keine vier Minuten liegen zwischen den Übungen an Barren und Balken. Sie zeigen die emotionalen Extreme dieser Sportart; den Gegensatz aus spielerischer Leichtigkeit und völligem Kontrollverlust, dem jede Turnerin ausgesetzt ist. Selbst so gute wie Pauline Schäfer, gerade 20 Jahre alt. Sie war es, die schwerelos flog und sackschwer fiel.

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Pauline Schäfer zählt zu Favoritinnen als "Sportlerin des Jahres"

Seit dem 8. Oktober 2017 ist sie Turn-Weltmeisterin. Die erste Deutsche seit Dörte Thümmler 1987. Thümmlers Staatsoberhaupt hieß damals noch Erich Honecker.

Wenn am 17. Dezember in Baden-Baden die "Sportler des Jahres" gekürt werden, zählt Pauline Schäfer zu den Favoritinnen. Es sagt viel über die Härten ihrer Sportart aus, dass über diesem so bemerkenswerten Sieg dennoch in unsichtbaren Lettern eine Frage prangt:

War es all das wert?

Chemnitz, Stadtteil Bernsdorf, ein regnerischer Dienstag im Spätherbst. Die Flutlichtmasten des Fußballstadions ragen wie riesige Gerippe in den Himmel. Daneben: eine Leichtathletikhalle, zwei Turnhallen, eine Kampfsporthalle, Sportgymnasium sowie Internat. Der Campus verströmt den Charme grauer Funktionalität. Der Eindruck drängt sich auf, die alte Karl-Marx-Stadt, einst Heimat einer Kaderschmiede des DDR-Sports, habe hier nie aufgehört zu existieren.

Hoch- und Weitsprung: Der Schwebebalken ist zehn Zentimeter breit – und verzeiht keinen Fehler

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Schäfer, in Turnschuhen, schwarzen Trainingsleggings und schwarzer Trainingsjacke, kommt um acht Uhr morgens mit einem Milchshake in der Hand in die etwa vier Quadratmeter große Küche der Turnhalle. In einer Stunde beginnt das Training, keine Zeit für Müßiggang, nicht einmal in der Spätphase der Saison.

An der Abendschule holt sie seit dem Sommer ihr Abitur nach. Auf dem Lehrplan: Gleichungen und Terme in Mathematik, dazu Gedichtinterpretationen in Deutsch. Ein sogenanntes Akrostichon hat sie verfasst. "Keine Ahnung, warum man so was macht", sagt sie, lächelt matt und sinkt noch tiefer in ihren Stuhl. Erst um 0.30 Uhr in der Nacht hatte sie das Licht gelöscht.

Ein Werkstattbesuch am Olympiastützpunkt war mit ihr vereinbart. Zwei Tage wollte sie sich zuschauen lassen an dem Ort, der aus Pauline Schäfer, geboren am 4. Januar 1997 in Saarbrücken-Dudweiler, eine Weltklasse-Athletin gemacht hat. Turner und Trainer sprachen in dieser Zeit so offen über die Schönheit und die Nöte ihres Sports, wie es im vom Geld dominierten Spitzenfußball undenkbar wäre.

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"Wenn das Kind leidet, ist Schluss"

Schäfer sieht trotz der kurzen Nacht ausgeschlafener aus als bei der ersten Begegnung am Vortag. Dennoch umgibt sie die Aura tiefer Erschöpfung. Ihr Terminrad dreht sich seit dem Weltmeister-Titel von Montreal schon zu lange zu schnell. Am Mittag steht Physiotherapie an, danach soll sie kurz persönlich Danke sagen für die Wohnung, die ihr für eine reduzierte Miete von einer Baugesellschaft überlassen wurde. So geht das seit Wochen, Tag für Tag, immer weiter.

Sie kann das ja, sich fordern, bis zur totalen Erschöpfung, ein stiller Ehrgeiz lodert in ihr. Im Alter von fünf begann sie zu turnen, wechselte mit sieben an den Stützpunkt in Saarbrücken, wo der Trainer Sergej Slastnych ihr die Grundlagen zeigte. Täglich brachte die Mutter Liane Betz die kleine Pauline während der Grundschulzeit zum Training, bis sie schließlich an das Gymnasium am Rotebühl wechselte, eine der Eliteschulen des Sports. Um sechs Uhr am Morgen stieg sie in den Bus und kehrte erst spät am Abend zurück. "Ich fand das nicht schrecklich, ich wollte das ja", sagt sie heute.

Alles lief gut. Bis zur Pubertät. Da kamen die Ängste davor, sich rückwärts über den Kopf zu drehen. Ihr Trainer reagierte mit Härte, wo sich Pauline nach Einfühlsamkeit sehnte. Immer ruhiger wurde das Kind. Bis die Mutter einschritt. "Es war klar: Wenn das Kind leidet, ist Schluss", sagt sie. Hat sie sich gefragt, ob der Drill ihrer Pauline zu viel abverlangt hat? "Wir haben sie nie gezogen. Meine Maxime war, dass sie sich so entwickeln kann, wie sie will."

Quäl dich: 30 Stunden trainiert Schäfer pro Woche

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Der Umzug nach Chemnitz war der Versuch, doch noch durchzustarten in einer Sportart, mit der Schäfer nicht fertig war. Sie war spät dran, womöglich zu spät, so sahen das auch ihre neuen Trainerinnen.

Ein schüchternes Mädchen von 15 Jahren heuerte am Olympiastützpunkt im Osten an. Befehle empfing es still. Schäfer zog ins Internat, wohnte in einem kargen, zwölf Quadratmeter großen Zimmer mit einer Zimmergenossin, zwischen den Betten gerade ein Meter Platz. Schäfer vermisste den Kokon der Großfamilie, die vier Geschwister. Ein Jahr später folgte ihr die begabte Schwester Helene, damals gerade zwölf.

Helene ist es auch, die Pauline Schäfer um 9.15 Uhr in die Turnhalle folgt. Die Halle erinnert an ein Wimmelbild, wie es sie in Kinderbüchern gibt. Kein Zentimeter, der nicht von Weichbodenmatten, Schwebebalken oder Stufenbarren bedeckt ist. Bei Trainingsbeginn um 9.30 Uhr werden die Matten von einem Dutzend Mädchen und jungen Frauen bevölkert, von zwölf bis 20 Jahre alt.

"Wir sind unglaublich stolz auf Dich"

Die Gruppe der Jüngsten hat bereits ihre Morgeneinheit hinter sich. Start: sieben Uhr. Da kommen Mädchen, kaum größer als Grundschülerinnen, mal eben für 20 Klimmzüge ans Reck. Es wird schnell klar, wie groß Schäfers Wille gewesen sein muss, schon früher. Und warum sie sagt: "Jede, die das macht, hat den größten Respekt verdient. Wer hat denn in der heutigen Zeit den Mut, so weit von zu Hause wegzugehen?"

Schäfer zieht zunächst einen gut 50 Kilogramm schweren Schlitten hinter sich her, zur Kräftigung der Beinmuskulatur. Es folgen: Sit-ups – auf dem Schwebebalken. Basisprogramm. Um 10.40 Uhr steht der Stufenbarren an. Als sie nach wenigen Minuten die komplette Übung fehlerfrei beendet hat, ruft eine sonore Frauenstimme aus dem Hintergrund: "Sehr gut. Das reicht." Es ist die Stimme, der Schäfer vor fünf Jahren gefolgt war. Sie gehört Gabriele Frehse, der Cheftrainerin am Olympiastützpunkt.

Ohne Übertreibung lässt sich "die Gabi", wie Schäfer sie nennt, als die Architektin ihres Aufstiegs bezeichnen. Schäfer sagt: "Ohne sie hätte ich das nicht geschafft, ich bin dankbar, dass sie mich gepusht hat. Ich brauche auch mal einen Arschtritt."

Magnesia und Turnriemen gehören zur Ausstattung für jede Stufenbarren-Übung

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Frehse, 57, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Wir sind unglaublich stolz auf Dich", darunter prangt ein Herz, in dem "Pauline" steht. Ein nicht versiegender Strom an Anweisungen begleitet Frehses Weg über die Matten.

Die Trainingsbedingungen ihrer Schützlinge sind eher schwierig: die Halle zu klein, das Dach nicht mehr sicher. Sobald sich Schnee dort sammelt, herrscht Einsturzgefahr. Es fehlt eine Sprunggrube. Einen Brief hat Frehse deshalb im Namen ihrer besten Athletinnen Schäfer und Sophie Scheder aufgesetzt, direkt an den Bundesinnenminister Thomas de Maizière adressiert. Unsere Olympiavorbereitung ist in Gefahr, wenn sich nichts ändert, schrieben die Frauen sinngemäß. Frehse kümmert sich um weit mehr als nur um das Programm in der Turnhalle. Weltmeister-Titel in Randsportarten sind in Deutschland eben auch 2017 nur mit dem unbedingten Engagement Einzelner möglich.

Welche Rolle spielt Doping?

Schäfer beschreibt Frehse als dominant: "Alles muss nach Plan laufen. Wenn es nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt hat, ist sie in Rage." Man muss sich ihre Trainerin wohl wie eine strenge Herbergsmutter vorstellen, die einerseits Disziplin und Gehorsam fordert, die aber auch eine raue Herzlichkeit verströmt. Es wird auch mal gedrückt. "Sie werden keine finden, die hier wegwill", sagt sie über ihre Schülerinnen. Die Gruppe sei "wie eine zweite Familie für die Mädchen". Für sie gilt das wohl ebenfalls.

Frehse hat ihr Handwerk noch von erfolgreichen DDR-Trainern wie Walter Bernasch oder Steffen Gödicke gelernt, sie habe auch "immer überall gespickt", wie sie lächelnd bekennt. Schäfers WM-Titel dürfte einer der letzten sein, der noch auf dem Fundament der einst so erfolgreichen DDR-Nachwuchsförderung beruht.

Bereits 2015 erlebte Schäfer mit der WM-Bronzemedaille einen ersten Höhepunkt, und doch stellt ihr Weg an die absolute Spitze eine kleine Sensation dar. So trainierten etwa Amerikanerinnen viel intensiver als sie selbst, sagt sie emotionslos. "Das würde niemand von uns aushalten. Die haben ganz andere Möglichkeiten, was Regeneration angeht. Außer Turnen machen die nichts."

Welche Rolle spielt Doping?

Man könne durch entsprechende Präparate schon die Regeneration beschleunigen, antwortet Schäfer allgemein, aber als Unterstellung an die Konkurrenz will sie dies nicht verstanden wissen.

Schäfer im Gespräch mit Trainerin Gabriele Frehse

Schäfer im Gespräch mit Trainerin Gabriele Frehse

Schäfers WM-Kür sei nicht von Schwierigkeitsgraden getragen worden, dafür sei Schäfer eine "überelegante Turnerin", erklärt die Trainerin Frehse. "Die Haltung geht heute eher in die Wertung ein." Es ist auch Schäfers Ausstrahlung, aus Eigenmotivation geboren, die sie über andere Turnerinnen erhoben hat.

10.50 Uhr, der vermaledeite Balken. Neue Übungsteile wollen einstudiert werden. Der Ärger beginnt. Eine ihrer bislang schwersten Verletzungen verdankt Schäfer dem Gerät, sieht man von den diffusen Rückenproblemen ab, die sie seit dem Sommer plagen. "Das ist schon ein bisschen her. Ich habe einen Auerbach-Salto aus dem Sprung gemacht, war zu nahe am Balkenende. Da habe ich mir meinen Oberschenkel aufgerissen, weil auch noch die Balkenkappe abgerissen ist", erzählt sie nach dem Training und zückt ihr Mobiltelefon. Das Bild eines Oberschenkels erscheint auf dem Display, der aussieht, als wäre er von einer Planierraupe überrollt worden. Selbstmitleid ist nie Teil der Turnkultur gewesen.

"Ich hatte lange Probleme, habe das Element nicht mehr gemacht", bekennt Schäfer. Schon 2010 war sie bei einer Rotation am Boden bei der Doppelschraube auf den Kopf gesprungen. Eine Gehirnerschütterung und ein Kreislaufzusammenbruch waren die Folge. "Ich dachte, ich bin am Meer." Sie nennt sich "von Natur aus einen Angsthasen".

"Man muss sammeln, was man kriegen kann"

12.30 Uhr, Schäfer schleicht zur Bank. Es reicht – für den Vormittag. 300 Euro erhält sie derzeit von der Sporthilfe, dazu kommen 150 Euro von einem Sponsor; ein Autohaus stellt einen Kleinwagen. "Man muss sammeln, was man kriegen kann", sagt sie auf dem Weg zum Parkplatz. Am Ende sind es die rund 1200 Euro monatlich, die sie als Mitglied einer Sportfördergruppe der Bundeswehr bekommt, die Schäfer über Wasser halten. Bis Olympia 2020 will sie weitermachen; sie ist dann erst 23 und hat doch ein Athletenleben hinter sich gebracht. Gabriele Frehse findet, es sei dann an der Zeit, "dass Pauline ein bisschen lebt".

Pauline Schäfer sagt zum Abschluss, sie bereue nichts. Nicht die Plackerei, nicht den Umzug. Nicht die verpassten Kinobesuche. "Ich habe das nie als Verzicht empfunden. Turnen, der Wettkampf – all das wollte ich immer machen. Ich habe mehr erreicht, als ich mir hätte erträumen können."

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(