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X-Alps-Querung: Über die Alpen - fertig - los!

Männer, die in ihren Waden mehr Muskeln haben, als andere am ganzen Körper, starten von Salzburg aus zur härtesten Alpenüberquerung der Welt: Der X-Alps. Per Gleitschirm und zu Fuß versuchen sie, mit oder ohne Taktik, so schnell wie menschenmöglich in Monaco zu landen.

Von Marina Kramper, Salzburg

In Salzburg bricht sie auf, die Männerhorde in Funktionsklamotten, um per Gleitschirm oder zu Fuß quer durch die Alpen bis nach Monaco zu schweben. Bei Eis und Schnee, hungrig und fast ohne Schlaf: Diese Männer wollen es nicht anders und das 24 Stunden am Tag. Ein bisschen nervös sind sie schon, kurz vor dem Start am Mozartplatz. Ein letzter Blick auf die Navigationsgeräte, die Rücksäcke mit den Schirmen werden geschultert. Man wünscht sich gegenseitig Glück. Ab sofort wird jeder der 30 Athleten in den nächsten Tagen auf sich gestellt sein, muss die richtigen Entscheidungen für Wind- und Wetterbedingungen treffen.

818-Kilometer-Luftlinie von Salzburg bis Monaco

Seit 2003, zum vierten Mal, organisiert das Team von Red Bull, dem österreichischen Wundergebräu zwischen Kaugummi und Koffein, die X-Alps. 30 ausgewählte und internationale Teilnehmer, darunter als Spitzmarke drei Schweizer, versuchen in kürzester Zeit die 818-Kilometer-Luftlinie von Salzburg bis Monaco an der Cote d'Azur zu bewältigen. Wer nicht mit dem Gleitschirm fliegen kann - Wind und Wetter sind launisch - der läuft. Und zwar meistens bergauf. Bergstiefel und Wanderstöcke sind neben GPS-Gerät und einem Handy die einzigen erlaubten Rucksackaccessoires. Geschlafen wird nur im Notfall und dann selbstverständlich nicht in einem Bett sondern eingewickelt in den Gleitschirm auf einem kalten Gipfel oder regennass am Wegesrande.

Die Athleten haben einen Assistenten, der sie mit Nahrung, Getränken und den richtigen Flugrouten und Daten versorgt. Der ihnen Pflaster an die Füße klebt und die Waden massiert. Und der, wenn das Wetter es zulässt und der Athlet nicht gerade auf einem unzugänglichen Berg herumkraxelt, den Helden der Luft drei, vier Stunden Schlaf schenken kann. Die X-Alp gilt weltweit als das härteste Rennen dieser Kategorie, die Männer sind allesamt bis in die letzte Muskelfaser durchtrainiert. Dazu kommen Risikobereitschaft und der Wille sich zu schinden, über psychische und körperliche Grenzen zu gehen. Und die Fähigkeit, auch bei massivem Schlafmangel noch so topfit zu sein, dass die Koordination aller Fähigkeiten beim Gleitschirmfliegen auf den Punkt funktioniert. Das Einteilen der Kräfte ist das Zauberwort: Wie kann man seine Energien so einteilen, dass sie zwischen Schlafen, Essen, Fliegen und Gehen optimal nutzbar und auf den Punkt abrufbar sind?

Doch richtig modern wird die X-Alps durch die medienwirksame Durchdringung. Täglich müssen Bilder, Videos, Texte und Voice Messages per Handy via MMS für ein persönliches Internet Tagebuch übermittelt werden. Und: Keep smiling, denn eine zehnminütige Videoaufzeichnung vom Kampf mit den Elementen gehört ebenfalls zu den Teilnamebedingungen. Bleiben die weg, kriegen die Athleten zwölf Strafstunden draufgebrummt.

Die Strecke führt über alle namhaften und postkartentauglichen Berge der Alpen. Als Wendemarken müssen sie überquert werden, sonst droht die Disqualifizierung. Wendepunkt eins direkt nach dem Start: der Gaisberg.

Passanten bleiben stehen und geben spontanen Applaus

Quer durch die Stadt "walken" die Gruppen dem Salzburger Hausberg entgegen, die Passanten bleiben stehen und geben spontanen Applaus. Der rumänische Teilnehmer Toma Coconea galoppiert bergauf der Meute davon. Bei der letzten X-Alps ist er von 818 Kilometer mehr als 600 Kilometer zu Fuß gelaufen. Seine Taktik gilt auch bei seinen Fans als kurios. Der Südafrikaner Pierre Carter ist am Sonntag der Erste, der den Abflugplatz am Gaisberg erreicht. Eine Medaille des ortsansässigen Fliegerclubs ist ihm schon sicher. Ob er überhaupt bis nach Monaco kommt, bleibt ungewiss. Kurz vor dem Start auf seine Taktik angesprochen, gesteht der drahtige 43-Jährige: "Ich habe noch nie vorher in den Alpen trainiert, ich kenne weder Berge noch die Strecke. Meine Entscheidungen werden sehr spontan gefällt werden". Pierre Carter braucht sich gewiss nicht unter Druck zu setzten. Niemand wird von ihm erwarten, als erster in Monaco anzukommen.

Die Favoriten sind die "Locals", die Einheimischen. Männer, die die Berge und Winde der Alpen kennen wie ihre Westentasche: Die drei Schweizer, die beiden Österreicher und vielleicht auch der sympathische deutsche Starter Michael Gebert. Oben am Gaisberg ist er jedenfalls als Dritter angekommen und schnell wieder davon geflogen. Aber er hat noch zwei sehr lange Wochen vor sich!

Vom Watzmann, den man vom Gaisberg aus gut sehen kann, geht die Reise über den Großglockner Richtung Süden zur Dolomiten-Königin, der Marmolata. Damit niemand auf die Idee kommt, mit seinem Schirm einfach die Poebene zu durchqueren, muss dem Schweizer Matterhorn der Gruß entrichtet werden. Vom Alpenkaiser Mont Blanc mit seinen stolzen 4792 Metern geht es dann geradeaus nach Süden. Der Mont Gros, ein nur noch 723 Meter hoher Gipfel der Alpes Maritimes, der wildromantischen Meeralpen, liegt kurz vor dem ersehnten Ziel: Monaco.

Für die 30 Teilnehmer ist nicht der Weg das Ziel, sondern das prosaische Ankommen. Kurz vor Monaco gescheitert zu sein oder der Schnelligkeit der Mitstreiter zum Opfer gefallen zu sein, schildern viele in ihren Tagebüchern als schmerzhafteste Erfahrung ihrer Gleitschirmkarriere. Das Reglement ist streng: Der erste, der mit seinem Gleitschirm auf einem Landungsfloß im Hafen von Monaco landet, öffnet das Zeitfenster: 48 Stunden später ist Schicht im Schacht, wer bis dahin nicht angekommen ist, fällt aus der direkten Wertung und bekommt die fehlenden Kilometer drauf gepackt.

Fast alle leben in Bergregionen

Fast alle der 30 topfitten Teilnehmer leben in Bergregionen, kennen die Schluchten der Anden oder die Gipfel der japanischen Alpen und, wie alle Extremsportler, können sie sich ein Leben ohne ihren Sport, das Gleitschirmfliegen nicht mehr vorstellen. Angefixt von der Weite des Himmels, der Ruhe, dem Blick, dem Gefühl, mitten in den Elementen zu schweben ist das Gleiten für sie ein Teil ihres Lebens.

Von Beruf sind sie Fluglehrer wie der deutsche Michael Gebert und der Slovake Peter Vrabec, Testpiloten wie der Österreicher Christian Amon und der Schweizer Christian Maurer, Sporttrainer wie der Pole Filip Jagla, oder Sportjournalisten wie der Japaner Masayuki Matsubara.

Doch nicht alle Athleten kommen hauptberuflich aus der Rambo-Ecke. Der Schweizer Teilnehmer Martin Müller ist ein Genfer Uhrmacher, nicht gerade schweizuntypisch aber für einen Extremsportler doch ungewöhnlich. Ein dritter Platz in 2007 macht den Genfer auch in diesem Jahr zu einem ernst zu nehmenden Gegner. Der Franzose Vincent Sprüngli aus Annecy in Savoien arbeitet noch feinfühliger für seine Brötchen, er verdient sein Geld als Klavierlehrer. Die Herausforderung des X-Alps bezeichnet er lapidar als "extremes Picknick".

Ein nasser Duschvorhang am Hintern

Die Wetterbedingungen werden stündlich schlechter auf dem Gaisberg. Wird der Regen zu stark, kleben die Waben des Gleitschirmes aneinander, wie ein nasser Duschvorhang am Hintern.

Nach und nach kommen alle Heroen den Hang hinauf gekraxelt. Der Watzmann liegt Luftlinie etwa 20 Kilometer entfernt, die gefühlte Distanz ist riesig. Schon kurz nach dem Abflug gibt es kaum noch Thermik. Hinter einem Waldstück ist die Flugreise erstmal zu Ende. Jetzt heißt es für heute Schirm eingepackt und die Schuhe geschnürt!

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