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Wie Kinder unter Armut leiden "Ich liebe meine Mama, aber so wie sie will ich nicht leben" – wie Kinder in Deutschland unter Armut leiden

"Nun kommen schon zur Monatsmitte Anfragen von Familien, bei denen es sehr knapp wird", sagt Adrienn Schmidt, Leiterin der Arche in Leipzig.
"Nun kommen schon zur Monatsmitte Anfragen von Familien, bei denen es sehr knapp wird", sagt Adrienn Schmidt, Leiterin der Arche in Leipzig.
© Die Arche Kinderstiftung
Kein Geld fürs Kino, selten Urlaub, und ab der Monatsmitte wird es leer im Kühlschrank: Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Dem stern erzählen diese Kinder und Jugendlichen, was sie am meisten vermissen.

Der Zeltplatz am "Kulki" war gebucht. Die sechs Kilometer von der Wohnung zum Badesee im Westen Leipzigs würden sie auf ihren Rädern schaffen, mit Isomatten, Zelt und Hund Bella im Gepäck. Das Ersparte sollte für eine Woche reichen, 150 Euro, so hatte es Giannina Feige ausgerechnet. In Chris, ihrem Sohn, kribbelte schon seit Wochen die Vorfreude. "Ich bin jeden Morgen der Erste, der ins Wasser springt", nahm er sich vor, "ich bin die übelste Wasserratte." Es klang nach dem kleinen und doch so großen Ferienglück.

Doch als der Sommer nahte, musste Gian­nina Feige ihrem Sohn sagen, dass es nichts werde mit ihrem Plan. Die Preise für Lebensmittel und die Heizkosten stiegen und stiegen, ein Urlaub am See war da nicht mehr drin. "Chris war todtraurig", sagt Giannina Feige. Es hätte der erste Urlaub von Mutter und Sohn werden sollen "und für mich der erste seit 19 Jahren".

Vorbei der Traum vom Urlaub

Feige, 38, alleinerziehende Mutter aus Leipzig, und ihr elfjähriger Sohn leben von Arbeitslosengeld, Kindergeld, von monatlich 115 Euro Hartz-IV-Aufstockung, dazu kommen Unterhaltszahlungen ihres Ex-Partners für Chris. Machte zusammen 1290 Euro. Nach Abzug der Miete und der Fixkosten blieben Mutter und Sohn 367 Euro – zwölf Euro pro Tag für Essen, Kleidung, Freizeit. Das reichte gerade so, für das Schoko-Karamell-Müsli, das Chris so gern isst, und für ein Geschenk zum Geburtstag und zu Weihnachten.

Im Mai aber kam die neue Gas-Abschlagsrechnung: 151 statt 90 Euro, 60 Prozent mehr. Ende des Urlaubstraums.

Sparen ist Giannina Feige gewohnt; sie hat schon ihre Töchter allein großgezogen, beide sind inzwischen erwachsen und ausgezogen. Der Verzicht auf den Zelturlaub traf sie hart, doch was Feige wirklich umtreibt, ist die rasante allgemeine Teuerung, die gerade um sich greift. "Milch kostet jetzt fast das Doppelte, auch Käse ist viel teurer geworden", sagt sie. Zwar beschloss die Bundesregierung, Hartz-IV-Empfänger und Kleinverdiener mit Sonderzahlungen zu entlasten und das Kindergeld zu erhöhen, doch für Feiges monatlichen Etat reicht es vorn und hinten nicht, selbst wenn der Staat bald einen weiteren Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger zahlt. Chris brauche neue Schuhe, und die Heizrechnung fürs Vorjahr stehe noch aus. Seit Monaten wartete Chris auf sein Taschengeld, fünf Euro, viel weniger als das seiner Klassenkameraden, doch selbst diese kleine Summe brachte Feige im Moment nicht auf. Sie ging aufs Amt und bat um Geld, erfolglos. Da halfen ihre Töchter aus. "Der Gedanke, ich kann mein Kind nicht mehr ernähren, ist grauenvoll. Irre, was das mit der Psyche macht!"

Alex, 15: "Wir sind nicht arm, wir haben nur ­wenig Geld. Dafür muss man sich nicht schämen, aber für Extrawünsche ist da wenig Platz. Aussehen ist nicht alles, aber man will schon auch gefallen. Nervt schon, wenn einen andere mit den Augen so abscannen. Wenn es gut aussieht, geht bei Klamotten auch No Name und dafür 120 Euro billiger."
Alex, 15: "Wir sind nicht arm, wir haben nur ­wenig Geld. Dafür muss man sich nicht schämen, aber für Extrawünsche ist da wenig Platz. Aussehen ist nicht alles, aber man will schon auch gefallen. Nervt schon, wenn einen andere mit den Augen so abscannen. Wenn es gut aussieht, geht bei Klamotten auch No Name und dafür 120 Euro billiger."
© Katrin Streicher

Bei vielen Eltern mit geringem Einkommen geht die Angst um. Mitarbeiter des Kinderhilfswerks Die Arche berichten von Anrufen weinender Mütter, die erzählen, sie hätten seit Tagen nichts mehr im Kühlschrank. Die Arche verteilt Pakete mit Grundnahrungsmitteln. Auch die Tafeln, die kostenlose Mittagessen und gespendete Lebensmittel ausgeben, melden, dass zur Zeit doppelt so viele Bedürftige wie sonst zu ihnen kämen, ein Drittel von ihnen seien Kinder. Weil der Andrang so groß ist und der Einzelhandel weniger spendet, haben viele Tafeln zeitweise einen Aufnahmestopp, etwa in Kaiserslautern, Saarbrücken, Baden-Baden, Hamburg.

Hungernde Kinder – mitten in Deutschland

Ein Aufnahmestopp bedeutet, dass viele Bedürftige nichts mehr abbekommen werden. Wozu das führt? Zu hungernden Kindern, mitten in Deutschland. Bernd Siggelkow, Gründer der Arche, hält solche Szenarien in den kommenden Monaten für möglich. Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation berichten von Eltern, die auf Essen verzichteten, damit die Kinder genug haben. "Nun kommen schon zur Monatsmitte Anfragen von Familien, bei denen es sehr knapp wird", sagt Adrienn Schmidt, Leiterin der Arche in Leipzig. "Wenn nichts passiert, werden in diesem Winter viele Kinder hungern." Denn die Inflation macht jetzt ein jahrzehntelang verdecktes Problem sichtbar: die Kinderarmut.

Anna Lena, 11: "Ich hatte am Anfang der fünften Klasse ein Tastenhandy, da haben mich welche ausgelacht, jetzt habe ich ein Handy, das ich sehr mag. In meiner Klasse haben fast alle eine Nintendo Switch. Die wünsche ich mir sehr, aber die kostet 300 Euro. Manchmal lassen mich die anderen kurz an ihrer Konsole spielen. Es gibt halt Kinder, die mehr haben als ich."
Anna Lena, 11: "Ich hatte am Anfang der fünften Klasse ein Tastenhandy, da haben mich welche ausgelacht, jetzt habe ich ein Handy, das ich sehr mag. In meiner Klasse haben fast alle eine Nintendo Switch. Die wünsche ich mir sehr, aber die kostet 300 Euro. Manchmal lassen mich die anderen kurz an ihrer Konsole spielen. Es gibt halt Kinder, die mehr haben als ich."
© Katrin Streicher

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist davon betroffen: 2,8 Millionen von knapp 13 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Wahrscheinlich sind es inzwischen noch mehr, denn die Zahlen stammen aus der Zeit vor Pandemie und Inflation. Sozialforscher Christoph Butterwegge fürchtet, dass Kinderarmut sich weiter in die Mitte der Gesellschaft ausbreiten werde. "Auch 18 Euro mehr Kindergeld verhindern dieses Vordringen nicht", sagt er.

Doch was heißt eigentlich arm? Absolut verarmt ist nach der Definition der Weltbank ein Mensch, der mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen muss. Absolut arm sind jene, die kein Dach über dem Kopf haben. Betrifft Kinder nicht? Von wegen: Schätzungsweise 37.000 Kinder und Jugendliche sind in Deutschland obdachlos. Annika war eine von ihnen. "Ich war in einer Drogentherapie, bin abgehauen und abgerutscht", erzählt sie. Sieben Monate lang hat sie, damals minderjährig, auf der Straße gelebt. Seit zwei Jahren hat sie nun eine Wohnung, die vom Amt bezahlt wird. Eigentlich heißt sie anders, aber die 18-Jährige hat ein zweijähriges Kind und möchte deshalb ihren richtigen Namen nicht nennen, will keinen Stress mit dem Amt. Wenn sie Geld braucht, geht sie schnorren. "Es ist nicht schlimm, weniger Geld zu haben", sagt sie. "Schlimm ist, von oben angeguckt zu werden."

"Wir sind nicht arm, wir haben nur wenig Geld"

Eine Stufe darüber, etwas schwieriger zu fassen und zu erkennen, ist die relative Armut. Sie wird gemessen am allgemeinen Lebensstandard. Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat, als Single 1148 Euro, als Alleinerziehender mit einem Kind unter 14 Jahren 1492 Euro. Unter diese Definition fallen viele Arbeitslose, Rentner, kinderreiche Familien und Alleinerziehende wie Gian­nina Feige aus Leipzig. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende sind stärker betroffen von relativer Armut als jede andere Altersgruppe der Gesellschaft.

Gina, 9: "Ich wünsche mir einen großen Teddybären zum Geburtstag. Zu Hause sind wir fünf Geschwister, wir kommen aus Syrien. Ich würde gern schwimmen lernen und mehr Sport machen. Ich möchte Zahnärztin werden, aber dafür muss ich besser Deutsch lernen."
Gina, 9: "Ich wünsche mir einen großen Teddybären zum Geburtstag. Zu Hause sind wir fünf Geschwister, wir kommen aus Syrien. Ich würde gern schwimmen lernen und mehr Sport machen. Ich möchte Zahnärztin werden, aber dafür muss ich besser Deutsch lernen."
© Carolin Windel

Der stern besuchte für diese Geschichte die Kinder armer Familien in Berlin, Osnabrück und Leipzig, beim Kinderhilfswerk Die Arche und bei Straßenkinder e. V. Gefragt, wer arm sei, antworteten alle: die anderen. "Wir sind nicht arm, wir haben nur wenig Geld", stellt der 15-jährige Alex aus Berlin-Hellersdorf klar.

"Kinder sagen oft, Armut bedeute, auf der Straße zu leben", erklärt Adrienn Schmidt von der Arche in Leipzig. "Sie haben ja alle ein Zuhause, viele besitzen ein Smartphone, und im Wohnzimmer steht der Flachbildfernseher, auch wenn er über Raten finanziert wird." Doch häufig fehle ein Bett im Kinderzimmer. "Sie schlafen auf dem Sofa oder auf Matratzen auf dem Fußboden."

"Ich hab alles, was ich brauche, ich fühle mich nicht arm", sagt auch Nicole, 12, die in der Arche von Leipzig oftmals Schulaufgaben macht. "Hier habe ich Ruhe." Und sie bekommt umsonst Schreibblöcke und Stifte. Mit ihrer Familie, sie sind zu fünft, lebt Nicole in einer Zweizimmerwohnung, 75 Quadratmeter. Ihre Familie kam vor fast 14 Jahren aus Rumänien; die Mutter ist gerade in Elternzeit und kümmert sich um das Baby, Nicoles Stiefvater arbeitet auf dem Bau. Stolz zeigt sie ihr neues T-Shirt mit der Nummer eines Basketball-Collegeteams, für fünf Euro, "das habe ich mir von meinem Ersparten gekauft". Zehn Euro Taschengeld bekommt sie im Monat, "mit mehr kann ich eh nichts anfangen".

Aaron, 12: "Ich esse am liebsten Nudeln Carbonara."  Jane, 9: "Ich esse gern Nudeln mit Reibekäse, das hatte ich erst gestern. Wir sind eine Patchwork-Familie. Papa hat gesagt, das ist eine Familie, die richtig voll ist."
Aaron, 12: "Ich esse am liebsten Nudeln Carbonara."
Jane, 9: "Ich esse gern Nudeln mit Reibekäse, das hatte ich erst gestern. Wir sind eine Patchwork-Familie. Papa hat gesagt, das ist eine Familie, die richtig voll ist."
© Katrin Streicher

Die meisten Kinder, mit denen der stern gesprochen hat, geben sich bescheiden, spielen ihre Wünsche runter, weichen Fragen aus. Sie schützten damit ihre Eltern und sich selbst, sagt Bernd Siggelkow, der Arche-Gründer. "Die Kinder und Jugendlichen, die zu uns kommen, haben gelernt, ihre Armut zu kaschieren."

In der "Schatzkammer" der Arche bekommen sie Kleidung, auch von angesagten Sportmarken. Den Verdacht, weniger zu besitzen als andere, gilt es zu vermeiden. Statussymbole seien deshalb für diese Jugendlichen sehr wichtig, sagt Sozialpädagogin Jacqueline Edler von der Arche in Leipzig. "Was man hat, zählt so viel, weil man es eigentlich nicht hat."

Armut sei peinlich, und darüber zu sprechen sei schmerzhaft, sagt Nusin, 20, die in ihrer Kindheit, da war sie sechs, erstmals zur Arche in Berlin-Hellersdorf kam. Später wurde sie dort zur Jugendbotschafterin. Das Gefühl, anders zu sein, sagt sie, entstehe erst durch den Vergleich mit anderen. Nusin wuchs im Plattenbau mit zwei Schwestern auf. Der Vater hatte die Familie früh verlassen. Die Mutter zog die drei Mädchen überwiegend allein groß, liebevoll, wie Nusin betont. Nur materiell war es schwierig. "Man merkt erstmals, dass man arm ist, wenn man in die Schule kommt", sagt sie.

Sie merkte es am Selbstbewusstsein der Klassenkameraden, die in Markenschuhen und mit schicken Ranzen zur Schule kommen und deren Brotdosen gefüllt sind mit liebevoll belegten Sandwiches und kleinen Extras. "Ich hatte immer nur eine einfache Stulle, keinen Babybel", sagt Nusin. Freunde habe sie selten nach Hause eingeladen. "Mir war peinlich, dass unsere Wohnung nicht so schön aussah. Überall stand etwas rum oder war kaputt. Deswegen habe ich Geburtstage nie bei mir gefeiert, sondern eher draußen." Engen Freunden habe sie manchmal sagen müssen: "Ich habe kein Geld fürs Freibad oder Kino."

Armut sei in Deutschland stigmatisiert, beobachtet der Sozialforscher Butterwegge. "Ein Kind aus einem Slum in Nairobi würde niemals versuchen, seine Armut zu überspielen, weil sie dort als normal gilt und man sich nicht rechtfertigen muss." Bei uns dagegen gelte der Bezug von Hartz IV als "Armut de luxe", als Jammern auf hohem Niveau. Butterwegge, emeritierter Politikwissenschaftler an der Universität Köln, hält die Strategie der Ausgrenzung in einem reichen Land wie Deutschland für besonders perfide. "Man hält körperlich, mental und intellektuell Distanz." Armut gelte als individuelles Versagen, nicht als strukturelles Problem. Den Betroffenen die Schuld zu geben werte das eigene Ego auf und schütze vor der Angst, selbst abzusteigen: "Unsere Leistungsgesellschaft ist von dem Mythos geprägt: Wer etwas leistet, wird mit Wohlstand belohnt. Wer faul ist, wird mit Armut bestraft."

Nicole, 12: "Das Shirt habe ich mir selbst gekauft von meinem Ersparten. Wenn mir etwas fehlt, will ich nicht meine Mutter fragen, sie braucht das Geld für Nahrung und Babysachen. Zehn Euro Taschengeld im Monat reichen mir, mit viel Geld kann ich eh nichts anfangen. Wir bekommen eben nicht alles auf einmal."
Nicole, 12: "Das Shirt habe ich mir selbst gekauft von meinem Ersparten. Wenn mir etwas fehlt, will ich nicht meine Mutter fragen, sie braucht das Geld für Nahrung und Babysachen. Zehn Euro Taschengeld im Monat reichen mir, mit viel Geld kann ich eh nichts anfangen. Wir bekommen eben nicht alles auf einmal."
© Katrin Streicher

Nusin kennt diese Verachtung: "Egal, ob in der Schule, Freunde oder Bekannte meiner Mutter, immer gab es diese Sprüche: Hartz-IV-Empfänger sind zu faul zum Arbeiten. Kaum einer fragte meine Mutter: Warum gehst du nicht arbeiten?" Die Mutter hätte eine Antwort darauf gehabt: Sie hat keinen Schulabschluss, war häufig krank und musste drei Kinder großziehen.

"Die im Dunkeln sieht man nicht", heißt es in der "Dreigroschenoper", die Bertolt Brecht 1928 schrieb. Auch ein knappes Jahrhundert später bleiben "die im Dunkeln", jene vom Rand der Gesellschaft, unsichtbar, weil sich Menschen aus unterschiedlichen Schichten kaum noch begegnen. "Wenn man nicht in den Brennpunkten lebt, dann bemerkt man sie nicht", sagt Nusin.

Sie machen seltener Sport, sind häufiger krank

In Armut aufzuwachsen bedeutet: In den wenig angesagten Vierteln zu wohnen, an Durchfahrtstraßen, mit mieser Luftqualität, in engen und lauten Wohnungen. Viele Kinder und Jugendliche haben keinen eigenen Arbeitsplatz, keinen Computer – schlechte Bedingungen für Hausaufgaben, erst recht für Homeschooling. Sie fahren selten oder nie in den Urlaub, gehen nicht ins Restaurant, kennen keine Besuche im Theater. Sie machen seltener Sport und werden häufiger krank.

Nusin, 20: "Hartz IV ist ein Teufelskreis. Jedes Kind, das so aufwächst, landet da später auch, sagt man. Ich liebe meine Mama, aber so wie sie will ich nicht leben. Immer aufs Geld achten, die Probleme, die schlechte Laune dahinter. Ich möchte auch mal in den Urlaub fahren, spontan ins Kino gehen."
Nusin, 20: "Hartz IV ist ein Teufelskreis. Jedes Kind, das so aufwächst, landet da später auch, sagt man. Ich liebe meine Mama, aber so wie sie will ich nicht leben. Immer aufs Geld achten, die Probleme, die schlechte Laune dahinter. Ich möchte auch mal in den Urlaub fahren, spontan ins Kino gehen."
© Katrin Streicher

Viele Eltern verzichteten auf Zuschüsse, etwa für Klassenfahrten, obwohl sie ihren Kindern zustünden, sagt die Arche-Mitarbeiterin Jacqueline Edler. Die Anträge seien kompliziert. "Man muss immer wieder nachfragen, erreicht keinen, das ist ein Kraftaufwand. Irgendwann resignieren sie, und die Kinder bekommen das mit."

Armen fehle es an "Empowerment", sagt der Soziologe Aladin El-Mafaalani. "Kinder haben keine Lobby in Deutschland, niemand vertritt ihre Interessen." Und arm zu sein führe zu einer schwach entwickelten Eigeninitiative. Doch ohne diese passiere nichts. "Wer keine Empörung in der Öffentlichkeit herstellen kann, hat keine ­Chance", sagt El-Mafalaani. "So funktioniert unsere Öffentlichkeit nun mal.”

Die Familienministerin Lisa Paus, Grüne, nennt Kinderarmut "eine Schande für ein so reiches Land wie Deutschland". Mit der Einführung einer Kindergrundsicherung will Paus staatliche Leistungen bündeln und unbürokratischer verfügbar machen. Doch mit der Einführung ist frühestens 2025 zu rechnen. (Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Familienministerin Pauls.)

Ulyana, 8: "Das Shirt ist schön, mit goldenen Buchstaben drauf. Da steht ‚What’s Up‘ drauf. Es ist etwas zu groß, aber sehr schön. Das habe ich von der Arche ­bekommen. Nette Menschen haben das gespendet. Ich wäre gern eine Fee. Eine Fee ist klein und groß, kann fliegen, dann kann ich mich verstecken, wenn mich jemand ärgert."
Ulyana, 8: "Das Shirt ist schön, mit goldenen Buchstaben drauf. Da steht ‚What’s Up‘ drauf. Es ist etwas zu groß, aber sehr schön. Das habe ich von der Arche ­bekommen. Nette Menschen haben das gespendet. Ich wäre gern eine Fee. Eine Fee ist klein und groß, kann fliegen, dann kann ich mich verstecken, wenn mich jemand ärgert."
© Carolin Windel

Dabei dürfte dies eine der wichtigsten sozialen Fragen des vor uns liegenden Jahrzehnts werden: Wie viele Kinder schaffen es, der Armutsspirale zu entkommen? Wie viele von ihnen werden später keine Sozialhilfeempfänger sein, sondern dringend benötigte Steuer- und Rentenzahler? Bereits jetzt zeichnet sich der Fachkräftemangel ab, weil die Babyboomer in Rente gehen und die nachwachsende Generation sie schon rein zahlenmäßig nicht ersetzen kann. Kinderarmut zu bekämpfen wäre aus gesellschaftlichem Eigennutz sinnvoll. Der entscheidende Faktor dabei: "Bildung ist total wichtig", sagt Nusin, "das sehe ich an meiner Mama, die keinen Abschluss hat. Man muss was im Kopf haben und zeigen, man will das durchziehen. Aber wenn man immer hört: Du bist dumm, du bist arm, du schaffst das eh nicht, dann glaubt man das irgendwann."

Das Elternhaus ist oft entscheidend

Das deutsche Schulsystem verfestigt soziale Ungleichheit, anstatt sie abzubauen. Arme Kinder stammen häufig aus sogenannten bildungsfernen Familien; auch deutschen Kindern mangelt es oft an Sprachkenntnissen und Wortschatz, es fehlen Erwachsene, die ihnen vorlesen, sie in den Zoo, ins Planetarium oder an die Kinderuni begleiten und sie bei den Hausaufgaben unterstützen.

In der Industrienation Deutschland geht es ungerecht zu: Kinder, deren Eltern keinen höheren Bildungsabschluss haben, werden seltener fürs Gymnasium empfohlen. Kinder ungelernter Arbeiter haben eine sechsfach schlechtere Chance, das Abitur zu machen und zu studieren.

Arme Kinder und Jugendliche seien die Gruppe, der es mit Blick auf Lebenschancen am schlechtesten in Deutschland gehe, sagt der Soziologe El-Mafaalani. "Schwarze Menschen können trotz rassistischer Diskriminierung stolz sein, schwarz zu sein. Frauen können selbstbewusst sagen, dass sie das Frausein lieben, trotz Benachteiligung. Aber zu Armut passen weder Stolz noch Liebe. Deshalb führt sie bei den Betroffenen zu Resignation. Weshalb viele sagen: Ja guck, die sind doch selbst schuld, die sind so passiv."

Gemeinsam gegen Kinderarmut

Nusin hat ihr Abitur geschafft. Sie hat ein duales Studium gewählt, Sozialpädagogik und Management, arbeitet bei der Arche in Berlin-Reinickendorf und kann sich eine eigene kleine Wohnung leisten. Doch Nusin will ihr Studium abbrechen. "Gerade wird mir alles zu viel, es macht mir keinen Spaß mehr." Sie hat eine Depression, kämpft mit Panikattacken. Den enttäuschten Gesichtsausdruck ihrer Mutter kann sie kaum ertragen.

Wer einmal arm ist, bleibt es meist auch, über Generationen hinweg. Armut klebt wie Kleister. Und Kinderarmut haftet wie Pech. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung, bei der die finanzielle Situation von 3180 Kindern fünf Jahre lang analysiert wurde, ergab: "Wechsel in andere Einkommenslagen sind eher selten." Nur eines von drei Kindern schaffte es, seiner prekären Lage zu entkommen.

Allein das Abitur reicht nicht. Weil immer mehr junge Menschen höhere Bildungsabschlüsse machen, werden Beziehungen und das richtige Auftreten, der Habitus, wichtiger. Exotische Praktika im Lebenslauf, Klavier oder Hockey spielen, damit können junge Erwachsene, die in Armut aufwachsen, nicht punkten.

Kita und Schule müssen einspringen

Deshalb brauchten arme Kinder und Jugendliche "soziale Paten", empfiehlt El-Mafaalani. "Privilegierte Kinder wachsen durch ihre Eltern mit einem großen Netzwerk an Erwachsenen auf, die sie beraten. Arme Kinder haben dagegen ein winzig kleines Netzwerk, das sie unterstützt." Es fehlen Vorbilder. Die Bekannten der armen Eltern sind in der Regel auch arm, haben keinen gesellschaftlichen Einfluss.

Chris, 11: "Da wir gerade etwas weniger Geld haben, haben wir mein Taschengeld gekürzt, auf fünf Euro pro Monat. Ich habe ein bisschen Angst davor, wenn wir mal überhaupt kein Geld mehr haben und der Kühlschrank leer ist. Dann würde ich Limonade verkaufen. Oder am Straßenrand Gitarre spielen."
Chris, 11: "Da wir gerade etwas weniger Geld haben, haben wir mein Taschengeld gekürzt, auf fünf Euro pro Monat. Ich habe ein bisschen Angst davor, wenn wir mal überhaupt kein Geld mehr haben und der Kühlschrank leer ist. Dann würde ich Limonade verkaufen. Oder am Straßenrand Gitarre spielen."
© Katrin Streicher

Alles, was Akademikerfamilien leisten, um Kinder kognitiv, motorisch und gesundheitlich zu fördern, müssten bei Armutskindern die Kita und die Schule übernehmen, fordert der Erziehungswissenschaftler. Es brauche einen Stab an Erwachsenen, die sich kümmern, Lehrer, Schulpsychologen, Erzieher, Trainer, Handwerker. Auch die frühe Trennung nach der vierten Klasse zementiere die Aufteilung in unten und oben.

Erneuter Besuch bei Giannina Feige. Chris ist in der Schule. Sie erzählt vom Familienerbe: Armut in der vierten Generation. Sie ist die Älteste von vier Schwestern. "Ich habe meine Oma und meine Uroma nie arbeiten sehen." Die Mutter war Näherin. Der Vater Berufssoldat, Schweißer, und nach der Wende Kurierfahrer. Beide hätten viel getrunken. "Mir wurde vermittelt: Ich bin nichts, ich kann nichts." Mit elf betrank sie sich das erste Mal, nachdem ihr eine Lehrerin beschieden hatte: "Aus dir wird nie was." Das Jugendamt schickte Giannina nach Irland, zu Pflegeeltern, "wo ich zum ersten Mal erfuhr, was Familie heißt". Die Pflegemutter las ihr abends vor, den Abzählreim zum Einschlafen kann sie noch heute auswendig. Nach zweieinhalb Jahren holten die leiblichen Eltern sie zurück. Es war eine Art Flucht, als sie mit 14 schwanger wurde. Und das zweite Mal mit 17. Sie schaffte den Hauptschulabschluss, einen Beruf hat sie nicht erlernt, aber eine Menge darüber erfahren, wie Kinder aufwachsen sollten. So wie damals in Irland: mit Struktur, Liebe und Wertschätzung.

Danny, 13: "Ich glaube, ich habe zehn Geschwister, drei leibliche. Mit meinem Bruder Aaron teile ich mir ein Zimmer. Es ist nicht toll, aber auch nicht so schlimm. Ich würde schon gern ein eigenes ­Zimmer haben. Ich esse am liebsten Pizza, Pommes, Chicken Nuggets, so Fast Food. Eigentlich sollte ich mehr Gemüse essen, wegen der Neurodermitis, und weniger Salz und Zucker."
Danny, 13: "Ich glaube, ich habe zehn Geschwister, drei leibliche. Mit meinem Bruder Aaron teile ich mir ein Zimmer. Es ist nicht toll, aber auch nicht so schlimm. Ich würde schon gern ein eigenes ­Zimmer haben. Ich esse am liebsten Pizza, Pommes, Chicken Nuggets, so Fast Food. Eigentlich sollte ich mehr Gemüse essen, wegen der Neurodermitis, und weniger Salz und Zucker."
© Katrin Streicher

Jacqueline Edler arbeitet seit knapp sieben Jahren bei der Arche Leipzig. Sie habe in dieser Zeit einige Familien erlebt, die den Ausstieg schafften, "phasenweise – dann gab es wieder Rückschläge". Voraussetzung sei eine sichere Arbeitsstelle. Die müsste mehr belohnt werden, findet Edler. "Einer unserer Jungen, 16 Jahre alt, jobbte, doch sein Lohn wurde angerechnet auf das Gehalt seiner Familie." Wer sich löst aus dem sozialen Netz, verliert Vergünstigungen, etwa das Schulessen, die Fahrtkosten oder die Nachhilfe. "Damit halten wir sie im Sozialsystem fest."

Hilft also mehr Geld? Mehr Ermutigung? Die Kinder und Jugendlichen, mit denen der stern sprach, wünschen sich, Zahnärztin zu werden, Mechatroniker, Radioreporter oder Schauspielerin. Simon, 15, will eine Lehre machen, will damit die Mutter unterstützen. "Hartzer" will keiner werden.

Auch Giannina Feige will raus aus der staatlichen Fürsorge. Es scheint ihr zu gelingen: bei der nächsten Generation. Ihre älteste Tochter, inzwischen 22, hat Erzieherin gelernt, die 19-Jährige macht eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Feige selbst lässt sich seit Juli zur Büroassistentin weiterbilden, vom Jobcenter finanziert. Ihr Traum: "Einmal im Monat essen gehen können." Sich nicht mehr "nackig machen zu müssen auf dem Amt".

Sebastian, 13: "Wir haben eine Wohnung mit zwei Zimmern und sind zu fünft. Ich teile mir ein Zimmer mit meiner Schwester, sie ist 12. Ich hätte schon gern mehr Privatsphäre. Mein Vater arbeitet auf dem Bau. Mir tut er leid, weil er oft so kaputt nach Hause kommt. Ab und zu fragt er, was willst du haben? Er sagt, warte noch ein bisschen, wir kaufen es dir."
Sebastian, 13: "Wir haben eine Wohnung mit zwei Zimmern und sind zu fünft. Ich teile mir ein Zimmer mit meiner Schwester, sie ist 12. Ich hätte schon gern mehr Privatsphäre. Mein Vater arbeitet auf dem Bau. Mir tut er leid, weil er oft so kaputt nach Hause kommt. Ab und zu fragt er, was willst du haben? Er sagt, warte noch ein bisschen, wir kaufen es dir."
© Katrin Streicher

Das Amt hat ihre gestiegenen Energiekosten anerkannt und erstattet ihr 151 Euro pro Monat bis August, außerdem bekam sie einen Sofortzuschlag von 200 Euro für Hartz-IV-Empfänger. Die Kalkulation für die kommenden Wochen: ungewiss. Immerhin kann sie ihrem Sohn wieder Taschengeld geben.

Chris besucht die sechste Klasse der Oberschule. Sein Vater hat ihm geraten, Handwerker zu werden, "die werden gesucht, und damit kann man reich werden". Der Junge hat ein höheres Ziel: Bundeskanzler. Er würde die Preise für Lebensmittel senken, die Steuer für Tabak und Alkohol heraufsetzen. "Und ich würde den Mindestlohn erhöhen", sagt Chris, "dann müsste man über Armut nicht mehr reden."

Seit Jahrzehnten berichtet der stern über das Thema Kinderarmut, engagieren sich Leser und Leserinnen für Kinder in Not. Seit 2005 unterstützt die Stiftung stern das Kinderhilfswerk "Die Arche". Nun bitten wir Sie wieder um Hilfe! Denn die Inflation trifft vor allem die Jüngsten und Schutzlosen unserer Gesellschaft: die Kinder und Jugendlichen. Die Stiftung stern sammelt Geld für Familien, die von Armut betroffen sind – damit Organisationen wie "Die Arche" Bedürftige in Deutschland mit Lebensmitteln versorgen können und die Kinder gut durch diesen Winter kommen. Über diesen Link kommen Sie direkt zu unserem Spendenformular.


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