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Dramatische Zustände Der gefallene Musterschüler: Der brutale Krieg in Äthiopien hat Folgen für den gesamten Kontinent

Flüchtlinge in einem Lager in Mekele, der Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens. Das Bild entstand im Mai dieses Jahres
Flüchtlinge in einem Lager in Mekele, der Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens. Das Bild entstand im Mai dieses Jahres
© Ben Curtis/ / Picture Alliance
Der Bürgerkrieg in Äthiopien spitzt sich immer weiter zu. Die Rebellen aus Tigray marschieren auf die Hauptstadt Addis Abeba zu – Premierminister Abiy will sie "in Blut beerdigen". Droht das Land zu zerfallen? Und was bedeutet das für die Region und den gesamten Kontinent?

Wenige Jahre ist sie erst her, jene verschwundene Zeit, als Äthiopien für Aufbruch und Aufschwung stand. Als das Land am Horn von Afrika das weltweit höchste Wirtschaftswachstum verzeichnete. Als multinationale Unternehmen dort Sneaker-Fabriken eröffneten. Als das World Economic Forum in der Hauptstadt zum großen Treffen einlud und man bei Banketten und Büfetts das Land als Musterbeispiel für Afrikas Zukunft anpries.

Diese Ära – vorbei. Wieder einmal ist es nun der Dreiklang aus Krise, Krieg und Katastrophe, der sich mit dem Land verbindet. Ein brutaler Bürgerkrieg wütet seit einem Jahr im Land.

Vom Apparatschik zum Nobelpreisträger zum Kriegstreiber

Auf der einen Seite: die Rebellen der Minderheit der Tigray. Diese bestimmten zwischen 1991 und 2018 die Geschicke des Landes. Premierminister Meles Zenawi führte das Land zu wirtschaftlichen Erfolgen – mit allerdings auch: ziemlich repressiven und autoritären Methoden.

Auf der anderen Seite: die Zentralregierung des aktuellen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed. Der 45-Jährige aus dem Volk der Oromo galt bei seiner Amtsübernahme 2018 erst als Apparatschik, entpuppte sich dann als Reformer, wurde prompt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – und verwandelte sich mit Ausbruch des Bürgerkriegs wieder zum Kriegstreiber.

Die Situation in manchen Regionen, vor allem im Norden des Landes, ist dramatisch. Allen kriegführenden Parteien werden massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed
Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed: vom Hoffnungsträger zum Kriegsherrn
© Mulugeta Ayene / Picture Alliance

Schon im Sommer listete ein Bericht von Amnesty International auf, wie Vergewaltigungen systematisch als Waffe des Krieges benutzt werden. "Ein Ausmaß von sadistischer und sinnloser Gewalt, das kaum zu fassen ist", so formuliert es die Autorin Donatella Rovera.

Eine 39-Jährige erzählte etwa, wie sie auf der Straße von eritreischen Soldaten – verbündet mit den äthiopischen Regierungstruppen – vor den Augen ihrer beiden Kinder von fünf Männern vergewaltigt wurde. Andere Frauen berichten, sie seien wochenlang als Sex-Sklavinnen gehalten worden.

Den Feind "in Blut beerdigen"

Ein Bericht, den die Vereinten Nationen vor wenigen Tagen vorlegten, kommt zu den gleichen Erkenntnissen. "Alle am Tigray-Konflikt beteiligten Parteien haben gegen die internationalen Menschenrechte, das humanitäre Völkerrecht und das Flüchtlingsrecht verstoßen. Einige dieser Verstöße können Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen."

Die Lage vor Ort verschärft sich inzwischen Tag für Tag. Die Rebellen aus Tigray haben sich mit anderen Rebellengruppen vereint und marschieren auf die Hauptstadt Addis Abeba zu. Ministerpräsident Abiy ruft derweil die Einwohner auf, zu allen Waffen zu greifen, derer sie habhaft werden können: "Wir werden diese Feinde mit unserem Blut beerdigen." Und die Frage wird immer drängender: Droht hier ein Land zu zerfallen? Und was bedeutet das dann?

Äthiopien, das ist ein Land mit zwei Gesichtern: eines der ältesten Länder Afrikas. Das einzige, das nie kolonisiert wurde, stolz auf die eigene Schrift, den eigenen Kalender, ein regionaler Powerplayer mit Macht und Einfluss weit über die Grenzen hinaus.

Die andere Seite: ein Land, das mit extremen Fliehkräften zu kämpfen hat. Ob Somalis im Osten oder die Tigray im Norden, gleich mehrere Ethnien streben nach der Machtübernahme. Oder nach Loslösung vom Zentralstaat. Oder danach, sich einem anderen Land anzuschließen.

Auch wegen seiner Geschichte, seiner uralten in den Fels gehauenen Kirchen, gilt Äthiopien als christliche Bastion. Die Christen, vor allem die orthodoxen, stellen wohl noch immer die Mehrheit im Land – der muslimische Bevölkerungsanteil wächst aber seit Jahren.

Das Zusammenleben der Religionen ist weitgehend friedlich. Sollten sich aber die Trends verfestigen, sollte sich die demografische Balance weiterhin zugunsten der Muslime verändern, sollten die mit dieser Begründung auch mehr Macht verlangen, lauert auch eine Bruchstelle.

110 Millionen Menschen leben in Äthiopien. Ein allumfassender Bürgerkrieg bedeutete eine humanitäre Katastrophe, die Syrien (weniger als 20 Millionen Einwohner) oder Afghanistan (40 Millionen Einwohner) mehr als in den Schatten stellen könnte.

Mindestens ebenso tragisch für die Region, ja für den gesamten Kontinent sind die Folgen für das Bild Afrikas, die sich jetzt schon abzeichnen. Der Aufbruch Äthiopiens der vergangenen Jahre hatte es endlich geschafft, das Bild des darbenden Kontinents zu verdrängen. Äthiopien, das stand nicht mehr für Dürren, für Hunger, für aufgeblähte Bäuche mangelernährter Kinder, für "Band Aid"-Konzerte, auf denen ahnungslose Künstler trällerten "Do they know it‘s christmas?" – sondern plötzlich für Wirtschaft. Äthiopien war plötzlich "the place to be", hier wollte man mitmischen.

Scheitert das Musterbeispiel für den Aufbruch?

Mit dem neuen Image kamen Investoren, Jobs, Gelder. Kamen langfristige Chancen. Sollte nun gerade Äthiopien, das Musterbeispiel des Aufbruchs, scheitern, gar zerbrechen, werden die Bilder von hungernden Menschen und zerstörten Städten auch auf die Region abfärben – auch weil die mehr als 50 Länder Afrikas noch zu häufig als eine monolithische Masse angesehen werden.

Noch kann ein totales Desaster abgewendet werden. Wenn die Welt hinschaut. Sich einmischt. Wenn aus Worthülsen Engagement wird.

Die Chance dafür stehen im Moment allerdings nicht besonders gut.


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