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Präsidentenwahl in Nigeria Ein beeindruckendes Statement zur Demokratie


Auch durch den Terror von Boko Haram haben sich die Nigerianer nicht von den Wahlurnen fernhalten lassen. Doch egal, wie am Ende der Wahlsieger heißt: Er hat noch schwierige Zeiten vor sich.
Von Marc Goergen

Für nigerianische Verhältnisse war es eine eigentlich geordnete Präsidentschaftswahl. Zwar kamen mehrere Dutzend Menschen bei Anschlägen um Leben, zwar musste die Wahl in manchen Stimmbezirken um einen Tag verlängert werden, weil die biometrischen Geräte zur Identifizierung nicht funktionierten – selbst Präsident Goodluck Jonathan musste beim ersten Versuch wieder unverrichteter Dinge abziehen. Doch das befürchtete Chaos, der befürchtete Gewaltausbruch, blieb aus, bislang. Die Abstimmung in Afrikas bevölkerungsreichstem Land war ein beeindruckendes Statement zur Demokratie. Manchmal standen die Menschen mehrere Stunden geduldig in der Schlange, um ihre Stimme abzugeben, für Amtsinhaber Goodluck Jonathan oder seinen Herausforderer Muhammadu Buhari. Und wer einmal die trubelige Energie etwa von Nigerias Wirtschaftszentrum Lagos erlebt hat, der weiß: Geduld ist ansonsten nicht die hervorstechendste Eigenschaft der Nigerianer.

Wendet sich also das Blatt zum Guten für eine der wichtigsten Nationen Afrikas? Kann Nigeria, dieses Land mit dem immensen Potential, endlich mit guten Nachrichten auftrumpfen?

Tatsächlich ließen schon die vergangenen Wochen Hoffnung aufkeimen. In gemeinsamen Aktionen gelang es den Armeen Nigerias und der Nachbarländer die islamistischen Rebellen von Boko Haram aus immer mehr Städten und Dörfern im Nordosten zu vertreiben; selbst die Stadt Gwoza, wo sich offenbar das Hauptquartier der Islamisten befunden haben soll, wurde vor wenigen Tagen befreit. Als die Präsidentschaftswahl Mitte Februar um sechs Wochen verschoben wurde, um der Armee Zeit zu geben, gegen Boko Haram vorzugehen, hätte kaum jemand es für möglich gehalten, dass es den Militärs tatsächlich gelingen würde, die gut ausgerüstete Islamisten aus einigen Landstrichen zu vertreiben.

200 Mädchen bleiben verschwunden

Und doch: Die schwierigen Tage stehen erst bevor. Frühestens am Dienstag werden die ersten Ergebnisse verkündet. Und erst dann wird sich entscheiden, ob die "weitgehende friedliche Wahl", wie sie von Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon beschrieben wurde, denn auch zu einem gewaltlosen Ende findet. Denn noch nie in der wechselhaften Geschichte der Demokratie in Nigeria war das Rennen zwischen den Kandidaten so knapp. Schon heute am Montag musste die Polizei im Bundesstaat Rivers, einem der entscheidenden Schauplätze, Demonstrationen mit Tränengas auflösen; ein Büro der Wahlkommission wurde niedergebrannt. Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2011 waren am Ende über 800 Menschen ums Leben gekommen.

Und auch die Gefahr von Boko Haram ist keineswegs gebannt: Die Terroristen scheinen durch die Militäraktionen wieder zurück zu ihren Wurzeln gedrängt worden zu sein. Dass sie im letzten Jahr ganze Regionen unter ihre Kontrolle bringen konnten, lag weniger an ihren taktischen Zielen, als an der Unfähigkeit des nigerianischen Militärs, etwas dagegen zu unternehmen. Jetzt mag die Lage auf Landkarten wohl besser aussehen, die Gefahr durch die typischen Mittel der asymetrischen Kriegsführung aber ist größer denn je: Selbst junge Mädchen werden mittlerweile von den Terroristen auf die Märkte oder Busbahnhöfe geschickt, um dort ihre Bombenwesten explodieren zu lassen. Und von den über 200 enführten Schülerinnen von Chibok gibt es bis heute keine Spur. Mitte April jährt sich ihr Verschwinden. Und gleich wer diese Wahl nun gewinnen wird, ob Jonathan oder Buhari, auch der neue Präsident wird die Mädchen so schnell nicht ihren Eltern zurückbringen können, wenn überhaupt.


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