Asien Mehr Sorge ums Geld als um die Gesundheit


Die Vogelgrippe, die sich in Asien ausbreitet, bedroht neben Menschenleben auch die Existenzgrundlage unzähliger Bauern. Nach den Zwangsschlachtungen ihrer Tiere stehen sie mit fast leeren Händen da.

Seine Existenzgrundlage ist in einer Grube versenkt worden: 22.000 Hühner, gut verschnürt in Säcken. Samroeng Mingtysong ist verzweifelt. Erst vor drei Jahren hatte der 42-jährige Thailänder einen Geflügelhof aufgebaut und dafür viele Entbehrungen hingenommen. Nun hat er umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro verloren. Samroeng ist einer von vielen, denen die Vogelgrippe alles genommen hat, was sie besaßen.

"Unser wertvollster Besitz wird zerstört, und wir können nichts tun, um ihn zu retten", klagt Samroeng. Ähnlich ergeht es den meisten seiner Kollegen in Thailand und den anderen neun von der Geflügelpest betroffenen asiatischen Ländern. Der Verlust wird auf hunderte Millionen Dollar geschätzt - verglichen mit den finanziellen Folgen der Lungenkrankheit Sars ein relativ geringer Betrag: Sars kostete die Region nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank rund 60 Milliarden Dollar. Die Vogelgrippe dürfte das Bruttoinlandsprodukt um 0,04 Prozent schrumpfen lassen, prognostiziert der Analyst Low Ping Yee von der United Overseas Bank in Singapur. Das entspräche etwa 930 Millionen Dollar.

Ernste ökonomische Bedrohung

Doch die meisten Geflügelhändler stehen vor dem Ruin. "Vor den Meldungen über die Vogelgrippe habe ich jeden Tag zehn Lastwagenladungen voller Tiere verkauft, 40.000 Stück", sagt Zhang Chunsheng auf dem Sanguantang-Markt in der chinesischen Metropole Schanghai. "Jetzt werde ich nicht mal einen Lastwagen voll los."

Thailand und China, die größten Geflügelexporteure Asiens, sind am härtesten von der Seuche betroffen. Die Europäische Union, Japan und andere Staaten haben einen Einfuhrstopp verhängt. Im vergangenen Jahr exportierte Thailand 50 Tonnen Geflügel im Wert von 52 Milliarden Baht (einer Milliarde Euro). Nun sind allein in diesem Land wegen der Vogelgrippe knapp 26 Millionen Tiere geschlachtet worden. Ministerpräsident Thaksin Shinawatra hat die Krankheit als ernste ökonomische Bedrohung bezeichnet. Sie könne in diesem Jahr zu einem Einbruch des Bruttoinlandsproduktes um 0,1 Prozentpunkte führen.

"Die Regierung kann nicht für alle Verluste aufkommen"

China produzierte 2002 etwa 13,5 Millionen Tonnen Geflügel und 24,1 Millionen Eier. Etwa eine halbe Millionen Tonnen gehen jedes Jahr in den Export, wo die Gewinne besonders hoch sein sollen. Doch werden Massenschlachtungen bereits aus einem Drittel der Regionen und Provinzen der Volksrepublik berichtet. Viele Bauern verlieren ihre Existenzgrundlage. Die Regierung verspricht Entschädigung. Wie diese vor Ort gehandhabt wird, bleibt unklar. "Die Regierung kann nicht für alle Verluste aufkommen", räumt Vizedirektor Shen Weijie ein. Er berichtet, dass es "Panik und Sorgen" unter Bauern gebe.

"Die große Welle wäscht den Sand weg" (Dalang Taosha), bemüht der Vizedirektor ein chinesisches Sprichwort: Die Schwachen werden in der schwierigen Lage durch die Viruswelle nicht bestehen können. "Es ist gut möglich, dass einige Bauern nach der Krise nicht wieder im Geschäft sind." Doch die Vogelgrippe könnte auch etwas Gutes bewirken, findet zumindest Shen Weijie. Die Bauern dürften künftig mehr auf Vorschriften und wissenschaftliche Erkenntnisse achten, wie Tiere richtig gehalten und schon im Vorfeld vor solchen Krankheiten geschützt werden, meint er.

Wütende Drohung: Tote Hühner auf die Autobahn

Die Welternährungsorganisation (FAO) hat die Regierungen aufgefordert, die Geflügelbauern angemessen zu entschädigen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass sie der Anordnung, ihren Bestand zu schlachten, nicht umfassend Folge leisteten, sagt FAO-Mitarbeiter Hans Wagner. Sie hätten Angst, ihre Tiere zu verlieren, ohne einen Ausgleich dafür zu erhalten. Sowohl die Regierungen der betroffenen Länder als auch die internationale Gemeinschaft müssten sich dieses Problems dringend annehmen.

Die vietnamesische Regierung bot zunächst eine Entschädigung von umgerechnet 25 Cent für ein Huhn an - der Marktwert liegt bei rund zwei bis drei Euro. Bauern in der Provinz Binh Duong drohten Zeitungsberichten zufolge daraufhin damit, ihre toten Hühner auf einer Autobahn abzuladen. Die Behörden reagierten: Die Entschädigung wurde auf 80 Cent angehoben.

"Ich habe alles verloren", sagt Nguyen Van Giang, ein vietnamesischer Geflügelbauer, der ein Drittel seiner 2.100 Hühner töten ließ. "Ich mache mir mehr Sorgen ums Geld als um meine Gesundheit", fügt er hinzu.

Alexa Olesen, AP und Andreas Landwehr, DPA DPA

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