Bier Flaschen vor Gericht


Zum wiederholten Mal muss sich das Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder damit beschäftigen, ob ein brandenburgischer Brauer seine Getränke "Schwarzer Abt" und "Klostermalz" als "Bier" verkaufen darf.

"Hopfen und Malz in Brandenburg verloren" - Schlagzeilen wie diese hat Helmut Fritsche gerahmt im Büro hängen. Seit nunmehr zehn Jahren tobt das, was der energische Brauereichef aus dem kleinen Ort Neuzelle an der polnischen Grenze martialisch den "Brandenburger Bierkrieg" getauft hat. Jetzt steht eine weitere Schlacht um die Gerstensäfte aus der Neuzeller Klosterbrauerei an, die Fritsche trotz amtlichen Verbots seit einigen Wochen wieder unter der Bezeichnung "Bier" verkauft.

Zucker im Bier

Das Verwaltungsgericht Frankfurt an der Oder muss am kommenden Montag zum wiederholten Male über eine Klage Fritsches gegen das Brandenburger Agrarministerium verhandeln. Immer wieder hatte die Behörde dem 65-Jährigen untersagt, seine Getränke "Schwarzer Abt" und "Klostermalz" als "Bier" zu verkaufen. Die dunklen Alkoholika bestehen nämlich nicht nur aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser, wie es das deutsche Reinheitsgebot von 1516 vorschreibt. Fritsche hält sich vielmehr an ein überliefertes Rezept aus dem Kloster Neuzelle - und darin steht als fünfte und für ein tadelloses Bier verbotene Zutat: Zucker.

Traditionsgetränke dürfen Zusätze enthalten

"Es gibt einen Paragrafen, wonach besondere traditionelle Spezialitäten Zusätze haben und trotzdem Bier heißen dürfen", sagt der schäumende Brauereichef und saugt energisch an seiner Pfeife. Das Potsdamer Ministerium aber lehnt eine Sondergenehmigung ab. "Das ist nach dem Reinheitsgebot nicht zulässig, und die Bundesländer müssen dies umzusetzen", begründet Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. Ende 1992 hatte Fritsche die DDR-Brauerei im denkmalgeschützten Gemäuer südlich von Eisenhüttenstadt gekauft, kurz darauf schon begann der Streit ums gezuckerte Gesöff. Der frühere Industriemanager besann sich auf regionale Traditionen, um den Mini-Betrieb mit derzeit noch 35 Mitarbeitern Gewinn bringend zu betreiben.

Klosterbrauer liebten es süßer

Im Archiv des benachbarten früheren Klosters entdeckte er alte Rezepte für Schwarz- und Malzbier. Weil die idyllische Region einst zu Böhmen gehörte, war den Zisterziensern die Idee gekommen, auch an der Oder diese Spezialitäten herzustellen. Was sich jedoch unter Verwendung des örtlichen Quellwassers zusammenbrauen ließ, überzeugte die Gaumen der klösterlichen Braumeister nicht - die Plörre war einfach zu bitter. Also kamen sie auf die Idee, die Brühe nach der Gärung mit Zucker zu versetzen, was den Geschmack entscheidend verbessert haben soll. Fritsche dagegen brachten die alten Rezepturen zwar Kunden bis ins ferne Südkorea, aber ebenso den behördlichen Ärger. Immerhin galt das Reinheitsgebot mittlerweile auch wieder auf ehemaligem DDR-Gebiet.

Preiswerte Werbung

Schnell erkannte der gewitzte Geschäftsmann das öffentlichkeitswirksame Potenzial der Auseinandersetzung. Er stritt mit dem Lebensmittelamt, notierte auf den Flaschen nur "Schwarz...", druckte das Konterfei eines örtlichen CDU-Politikers aufs Etikett und veröffentlichte "95 Thesen eines brandenburgischen Unternehmers". "Die Behörden haben der Wirtschaft und nicht die Wirtschaft den Behörden zu dienen", heißt es da.

Brauer-Bund bleibt hart

Das Landesagrarministerium verübelt dem agilen Unternehmer den Schlagabtausch nicht einmal. "Das hat hohen Unterhaltungswert und ist sicher preiswerter als jede Werbekampagne", erklärt Sprecher Schade. Immerhin erwirtschafte Fritsche so seinen Umsatz und tue damit etwas für die strukturschwache Region. "Aber eigentlich sind wir nicht der Hauptgegner", sagt Schade. Stattdessen empfiehlt er Fritsche, sich beim Deutschen Brauer-Bund für eine Lockerung des Lebensmittelgesetzes zu engagieren. Dessen Geschäftsführer Hansjörg Bosch allerdings sieht keinen Reformbedarf. "Es sollen auch weiter nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser ins Bier kommen", wehrt er ab.

Voriges Verfahren eingestellt

Nach mehrjähriger Pause hat Fritsche jetzt wieder die Bezeichnungen "Schwarzbier" und "Malzbier" auf die Etiketten drucken lassen. Das zuständige Lebensmittelamt verklagte ihn deswegen, vor kurzem stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt an der Oder das Verfahren aber wegen Geringfügigkeit ein.

Chancen stehen schlecht

Bis zur Entscheidung im kommende Woche beginnenden Verwaltungsgerichtsverfahren wird sich das Amt wohl mit Sanktionen zurückhalten. Wie zuvor auch stehen die Chancen für den zornigen Brauereichef jedoch nicht gut. "Er kämpf wie ein Don Quichotte gegen Windmühlen", sagt Ministeriums-Mann Schade. "Er wird wohl auch noch den Papst anrufen."

Sven Kästner DPA

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