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Grüner Radeln: Hightech im Bambus-Rahmen: So radelt sich das E-Bike von My Boo

Kaum ein Rohstoff ist so nachhaltig wie Bambus. Daraus lassen sich sogar Fahrradrahmen bauen. Eine Probefahrt.

Fahrradrahmen aus Bambus hergestellt

Fahrradrahmen aus Bambus: stern-Redakteurin Kristina Läsker testet ein E-Bike, dessen Rahmen aus Bambus hergestellt wurde.

Regen macht schön – wie oft habe ich als Kind diesen Satz gehört. Wenn es draußen goss, die Familie spazieren war und ich zu dünn angezogen. Es war ein Appell ans Durchhalten. Das bisschen Regen! Das schaffst du!

"Regen macht schön", sage ich mir und trete in die Pedale. Für einen Fahrradtest bin ich nach Kiel gereist.

Hier sitzt das Start-up My Boo GmbH, es verkauft Räder aus Bambus – und ich teste die jüngste Innovation: ein Bambus-Bike mit Elektromotor. Blöd nur, dass gerade Böen mit bis zu fünf Beaufort über die Förde fegen. Berauscht vom Bike stemme ich mich gegen Niesel und Wind. Oder korrekter: Das Pedelec stemmt sich gegen den Wind. Der Motor unter dem Tretlager verstärkt den Tritt. Als würde jemand schieben. Es gibt die Hilfe in drei Stufen: Eco, Normal, High. Ein Finger-Klick, und die Faulheit siegt: weniger treten, schneller fahren.

Bambus ist kein Holz, es ist verholztes Süßgras

Wieder erinnere ich mich an früher, an den Schulweg: Ich musste ins Nachbardorf radeln, gefühlt war immer Gegenwind. Es dauerte Jahre, bis ich wieder in den Sattel stieg. Jetzt aber könnte ich juchzen. Weil das Rad den Böen trotzt und auf 25 km/h beschleunigt. Danach ist Schluss, schneller geht es nur mit Strampeln. Das ist für normale E-Bikes gesetzlich vorgegeben.

Schauer klatschen mir ins Gesicht, ich flüchte in ein Café. Bloß ins Trockene mit dem Rad, es kostet fast 4000 Euro. Der Regen könne dem Bambus nichts anhaben, sagt später Maximilian Schay, die Rahmen seien lackiert, damit sie nicht schimmelten. Der 26-Jährige hat My Boo gegründet, er ist begeistert vom Bambus. Weil der eine harte Oberfläche hat, weil er beim Fahren leicht federt und dennoch stabil ist. Bambus ist kein Holz, es ist verholztes Süßgras, es wächst rasant schnell nach. "Dieses Fahrrad stand letztes Jahr noch 20 Meter hoch im Wald."

Meines ist wild in den Wäldern von Ghana gewachsen. Schay und Mitgründer Jonas Stolzke haben das westafrikanische Land vor vier Jahren erstmals besucht. "Ghanaischer Bambus hat eine sehr dicke Außenwand, er ist gut geeignet", sagt Schay.

Damals studierten die zwei BWL und wollten sich engagieren. Ein Bekannter schickte aus Ghana das Foto eines Bambusrads – und dadurch lernten sie ein soziales Projekt kennen: Im Dorf Yonso in der Landesmitte leitete eine Hilfsorganisation die Fertigung der Räder. Heute managt die Organisation den Bau, die Deutschen liefern Know-how, nehmen die Rahmen ab und unterstützen mit jedem Kauf den Schulbesuch eines Kindes. Knapp 35 Menschen arbeiten für das Projekt. Monatslohn: bis zu 350 Euro. "Das ist das Vier- bis Fünffache des ghanaischen Mindestlohns."

Fahrradrahmen aus Bambus: In jedem Bike stecken gut 80 Stunden Handarbeit

In jedem Bike stecken gut 80 Stunden Handarbeit. Für den Rahmen werden Rohre zugeschnitten, an den Verbindungen mit Hanffasern umwickelt und mit Bioharz getränkt. Dann werden sie von Hand geschliffen und klar lackiert. In Kiel erfolgt dann die Endmontage.

Vor dem Café an der Förde lockt das knapp 20 Kilo schwere Rad mit seiner besonderen Optik – brauner gemaserter Rahmen, helle Schutzbleche – viele Spaziergänger an. "Ist das Bambus?", fragt ein älterer Herr und möchte mal anfassen. Wie schön das Rad doch sei, lobt ein anderer.

Vier Jahre nach Gründung bietet My Boo zehn Stadt- und Trekkingräder an. Sie tragen Namen wie Todzie und Afram, allesamt Flüsse in Ghana. Mein Pedelec heißt My Volta; benannt nach einem Stausee. Bisher hat die Firma etwa 1000 Räder verkauft; gut 80 Händler haben sie im Sortiment. Qualität und Stabilität werden von EFBE-Prüftechnik aus Waltrop überwacht. 2017 soll der Umsatz auf eine Million Euro klettern, sagt Schay. "Zuletzt haben wir einen kleinen Gewinn gemacht."

Der Regen lässt nach, zurück aufs Rad. Wenn die Jeans nicht so kleben würde, würde ich sogar gern weiterradeln. Bis zu 120 Kilometer könnte ich im Eco-Modus fahren, ohne aufzuladen. "My Boo" heißt übersetzt übrigens "Mein Liebling". Klingt kitschig, passt prima.

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