HOME

Finnland: Die Sportausrüster kommen

Den Namen Amer Sports kennt kaum jemand - aber das ist Firmenboss Roger Talermo egal. Er will trotzdem die Nummer eins unter den Sportausrüstern werden. Die Strategie dazu hat sich Talermo bei Nokia abgeguckt.

Von Nokia lernen heißt für den finnischen Sportausrüster Amer Sports vor allem, Erster werden zu wollen. "Wenn Nokia sich vom Gummistiefelhersteller zum größten Handyanbieter der Welt entwickeln konnte, dann werden wir auch die weltweite Nummer Eins bei den Sportausrüstern", verkündet Konzernchef Roger Talermo in Helsinki und fügt hinzu: "Wir sind fest entschlossen, dieses Ziel sehr schnell zu erreichen."

Tochterfirmen bekannter als Konzernmutter

Mit den Ende der achtziger Jahre übernommenen Tennis- und Golfschlägern der US-Tochter Wilson und dem 1994 hinzugekauften Skihersteller Atomic verfügen die Nordeuropäer schon seit längerem über zwei Markennamen mit globaler Durchschlagskraft. Dass den Namen des Mutterunternehmens niemand kennt, ist für Talermo deshalb "völlig egal". Einen gewaltigen Sprung nach vorne hat Amer Sports in den vergangenen Jahren mit dem Zukauf von Precor, dem größten US-Hersteller von Fitnessgeräten, gemacht. Vorläufiger Abschluss der schnellen Expansion war die Übernahme des Messinstrumente-Herstellers Suunto im eigenen Land.

Mit einem Jahresumsatz (2003) von 1,1 Milliarden Euro, einem Gewinn von 117,7 Millionen Euro und 4000 Beschäftigten gehören die Nordeuropäer gegenüber den Riesen der Sportbranche wie Nike und adidas ganz bestimmt nicht zu den ganz Großen. "Aber wir konzentrieren uns bewusst nur auf Sportgeräte ohne Kleidung, und da liegen wir schon ganz weit vorn", meint Talermo. Die eigene "Kriegskasse" sei für weitere Zukäufe mit derzeit 400 Millionen Euro bestens gefüllt.

Kaum Zuwächse aus Deutschland

Die Begeisterung in Helsinki über weltweit zweistellige Wachstumsraten etwa auf dem Weltmarkt für Fitness-Geräte dämpft sich sichtlich, wenn das Stichwort Deutschland fällt. "Nirgends sind die Verbraucher so verunsichert wie hier", sagt Talermo über den drittgrößten europäischen Amer-Markt mit deutlich niedrigeren Zuwachsraten als alle vergleichbaren Länder. Wohl nicht nur, weil die Europazentrale des Konzerns in München angesiedelt ist, wünscht sich der Amer-Chef für die Deutschen "so viel Vertrauen in die Zukunft, wie die Nordeuropäer immer und die Österreicher wieder haben".

Genau wie Nokia, wo man früher auch nur Gummistiefel für Finnlands Bauern fertigte, hat Amer als ursprünglicher Tabakgroßhändler nicht unbedingt ein Hightech-Image in die Wiege gelegt bekommen. Umso massiver setzen die Finnen jetzt auf die Technikgläubigkeit zahlungskräftiger Kundschaft. "Bei Sportinstrumenten wird immer entscheidender, wer die besten Software-Applikationen anbietet", berichtet Dan Colliander, Chef bei Suunto. Die jüngste Amer-Tochter bietet computerisierte Sportuhren aller Art an, mit GPS-Orientierungshilfe für Querfeldeinläufer und desorientierte Golfer als letztem Schrei.

Atomic-Skier kommen aus Europa

Während Suunto alle Produkte komplett in Helsinki fertigt, lässt Amer Sports ansonsten wie in der Branche üblich weitgehend komplett in Asien oder in anderen Niedriglohnregionen produzieren. "Der China-Hype ist im Augenblick vielleicht ein bisschen übertrieben", sinniert Konzernchef Talermo. Aber nicht deshalb, sondern wegen der größeren Marktnähe werden alle Atomic-Skier in Bulgarien produziert.

Thomas Borchert, dpa / DPA