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Analyse: Euro-Hoch macht Industrie zu schaffen

Reihenweise melden global tätige Unternehmen heftige Einbußen durch den starken Euro und den schwachen Dollar, die schmerzgrenze der Exportwirtschaft scheint erreicht. Auswirkungen aber abgefedert

Einen Seitenhieb auf deutsche Konzerne konnte sich der neue McDonald's-Chef Jim Cantalupo nicht verkneifen. Er sei ganz verliebt in den starken Euro, schwärmte der Lenker der Fastfood- Kette. Denn es gebe nur eine Wirkung: "Er erhöht unsere Gewinne in Dollar" frohlockte Cantalupo in einem Interview. Von einer Liebe zur Einheitswährung ist in der deutschen Exportindustrie derzeit keine Rede. Im Gegenteil: Reihenweise melden global tätige Unternehmen heftige Einbußen durch den starken Euro und den schwachen Dollar.

Keine Ende des Höhenfluges

"Bei dem Euro-Dollar-Kurs haben wir fast alle die Schmerzgrenze erreicht", klagte Audi-Chef Martin Winterkorn. Ein Ende des Euro-Höhenfluges ist aber nicht in Sicht. Der Außenhandelsverband BGA etwa erwartet, dass der Euro bis Ende 2003 sogar auf 1,18 bis 1,20 Dollar steigt und auch 2004 zulegen könnte. Und einer Zinssenkung in Euro-Land, auf das die Exporteure im Stillen hofften, erteilte die Europäische Zentralbank wie erwartet vorerst eine Absage.

Turbulenzen kommen nicht unerwartet

Zwar heißt es in der Finanzwelt, das einzig Sichere an den Devisenmärkten ist die Unsicherheit. Die Währungsturbulenzen kommen aber für die deutschen Unternehmen alles andere als unerwartet. Die Währungsmanager der auf Export und Auslandsproduktion getrimmten Unternehmen haben sich auf den Euro-Höhenflug eingestellt, um die Auswirkungen auf die Bilanzen gering zu halten. Mit Devisengeschäften (Hedging) sichern sie sich gegen Kursschwankungen ab. Etwa über ein Termingeschäft auf den Dollar in Höhe der Verbindlichkeit oder der Forderung. Oder Devisenoptionen, wo das Recht auf den Kauf oder Verkauf von US-Dollar zu einem festen Euro-Kurs erworben wird.

Saldo wird immer geringer

Starke Belastungen ergeben sich für Konzerne mit einem großen Teil der Kosten in Euro und Erträgen in Dollar. So ist beispielsweise der Flugzeugbauer Airbus besonders von Wechselkursen abhängig, da sämtliche Einnahmen in der Flugzeugleitwährung Dollar in den Büchern bilanziert wird. Die Ausgaben fallen dagegen etwa zur Hälfte in Euro an. Bei Dollarschwäche verringern sich damit die Einnahmen. Der Saldo aus Umsatz und Kosten in der Fremdwährung wird immer geringer.

Verlagerung der Produktionsstätten

Der Einfluss der Währung auf Gewinne der Großunternehmen wird aber auch dadurch gemindert, dass viele Konzerne über Produktionsstätten - etwa in den USA - verfügen. So greifen Autokonzerne neben der Absicherung des Währungsrisikos durch Finanzinstrumente auf "Natural Hedging" durch Verlagerung der Produktion zurück. Der Sportartikelhersteller Adidas produziert und kauft vorwiegend in Asien und rechnet dort in Dollar ab. Auch DaimlerChrysler ist durch seine Chrysler-Sparte weniger vom schwachen Dollar betroffen.

70 Prozent der Risiken abgedeckt

Nach Angaben von Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark, der durch die Euro-Aufwertung keine akute Gefahr für deutsche Ausfuhren und Unternehmensgewinne sieht, hat die Exportwirtschaft rund 75 Prozent der Währungsrisiken abgesichert. Unternehmen sichern sich aber in unterschiedlichem Umfang ab. Manche beschränken sich auf Forderungen und Verbindlichkeiten, was eine Absicherung nur für kurze Zeit bedeutet. Viele beziehen aber auch geplante Umsätze und Kosten ein, was in der Regel für 12 und 18 Monate oder auch länger geschieht. Über die Details schweigen die Konzerne allerdings unisono.

Unterschiedliche Auswirkungen

Entsprechend unterschiedlich sind die Auswirkungen. So gilt Volkswagen vom hohen Euro-Kurs als stärker betroffen. Die Wolfsburger sichern traditionell Wechselkursrisiken zwischen 30 und 60 Prozent ab. Zuletzt hat VW sein "Hedging" auf etwa 40 Prozent angehoben. Nach offiziell nicht bestätigten Berichten soll VW mit jedem Cent, den der Euro im Vergleich zum Dollar gewinnt, beim Vorsteuerergebnis 38 Millionen Euro verlieren. Mercedes soll sich 2003 dem Vernehmen nach zu 80 Prozent abgesichert haben, danach etwas geringer. Bei BMW schätzen Analysten, dass 70 Prozent internationaler Zahlungsströme abgesichert wurden. Porsche mit sehr hohen US-Umsätzen soll sich sogar für mehrere Jahre umfangreich abgesichert haben.

Entscheidend ist Unternehmensstrategie

Ein Währungsmanager nennt das Treiben "viel Spaß um nichts". Schließlich seien 1,13 bis 1,15 der durchschnittliche Dollarkurs der vergangenen 30 Jahre. Über einen längeren Zeitraum gesehen seien das alles ein Nullsummenspiel. In den Bilanzen gebe es zwar alljährlich "wilde Achterbahnfahrten", am Ende aber dasselbe Ergebnis: "Dem Trend zu kurzfristigem Aktionismus kann sich aber eben keiner entziehen", sagt er. Entscheidend sei eigentlich die Unternehmensstrategie.