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Arzneimittel: Her mit den billigen Pillen!

Die Gesundheitsreform sorgt für Preischaos bei Medikamenten. Wer sparen will, muss in Apotheken gezielt nach günstigen Arzneien fragen.

Die Münchner Apothekerin Birgit Lauterbach hat beschlossen, die Gesundheitsreform als Chance zu sehen: "Endlich kann auch ich meinen Kunden mal Sonderangebote machen wie nebenan Tengelmann." Seit Jahresanfang dürfen Apotheker die Preise für rezeptfreie Arzneimittel selbst bestimmen. Und so gibt es in der "Sani-Plus"-Apotheke im Olympia-Einkaufszentrum nun regelmäßig "Aktionspreise". Mal kostet der Efeu-Hustensirup nur 2,99 Euro statt 4,40, mal brauchen die Kunden für das Kopfschmerzmittel Titralgan nur 2,99 statt 3,98 Euro zu zahlen. Jeden Monat will Lauterbach andere Schnäppchen anbieten: "Im Winter etwas gegen Erkältung, im Frühjahr gegen Allergien."

Auch andernorts bröckelt die Preisfront. Die Neptun-Apotheke am Berliner Alexanderplatz lädt immer donnerstags zwischen sechs und acht Uhr und 18 und 20 Uhr zur "Happy Tabletten-Hour" - auf rezeptfreie Medikamente gibt es dann zehn Prozent Rabatt. Und die Apotheke im Frankfurter Hessen-Center wirbt mit dem Slogan "Apotheke muss nicht teuer sein" für günstige Schmerzmittel oder Halstabletten. Viele Kunden, hat Apotheker Alexander Kirsch beobachtet, prüfen bei den Angeboten genau das Haltbarkeitsdatum - um dann den häuslichen Vorrat aufzustocken.

Günstig und Apotheke, das bringt in Deutschland kaum jemand zusammen. Daran werden auch einige kundenfreundliche Apotheker, die jetzt Rabattkarten und Treueprämien bieten, so schnell nichts ändern. Obwohl die Preise für rezeptfreie Mittel mit der Gesundheitsreform freigegeben sind, hat sich in 95 Prozent der Fälle nichts geändert, ermittelte das Marktforschungsinstitut IMS Health im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller. Nur wenige Apotheker haben Preise gesenkt, manche schlugen sogar drauf. "Der Wettbewerb ist noch nicht richtig in Gang gekommen", sagt Thomas Isenberg von der Verbraucherzentrale in Berlin. Er macht dafür vor allem die "kartellartigen Strukturen" in Pharmaindustrie und Großhandel verantwortlich. "Da werden die Reformgesetze offensichtlich durch Preisabsprachen unterlaufen."

Auch die Apotheker bieten alle Kräfte auf, um ihre Pfründe zu erhalten. Die Bundesvereinigung ABDA warnt vor ruinösen Preiskämpfen und appelliert an die Solidarität der rund 21.000 Apotheken im Land. Preisbrecher wie der Frankfurter Apotheker Kirsch werden von Berufskollegen per Telefon, Brief und E-Mail be-schimpft: "Manche Äußerungen lagen unter der Gürtellinie." Zwei Monate nach der Reform sind viele Kunden verärgert über die gestiegenen Zuzahlungen, denen nicht, wie versprochen, geringere Krankenkassenbeiträge gegenüberstehen, und irritiert von den teils komplizierten neuen Regelungen. "Die Leute sind total verunsichert", sagt Apotheker Wolf Knüfer aus Berching im Altmühltal. "Ich komme mir schon vor wie ein Nachhilfelehrer, der diesen ganzen Reformkuddelmuddel erklären muss."

Das Chaos wird erst halbwegs übersichtlich, wenn man den Heilmittelmarkt in zwei Gruppen teilt: in rezeptfreie und rezeptpflichtige Präparate.

- Rezeptfreie Medikamente sind seit Anfang des Jahres grundsätzlich aus der eigenen Tasche zu löhnen. AOK & Co. springen nur noch in Ausnahmefällen ein: für Kinder, für Jugendliche mit Entwicklungsstörungen und für Erwachsene bei der Behandlung "schwerwiegender Krankheiten", was der Arzt in der jeweiligen Patientenakte begründen muss. Er darf zwar weiterhin auch Verschreibungsfreies verordnen, aber nur noch auf einem neuen, grünen Privatrezeptvordruck. Und bezahlen muss der Patient trotzdem den vollen Preis.

Die Verordnungen rezeptfreier Präparate auf Kassenrezept schrumpften durch die Neuregelung im Januar um rund zwei Drittel gegenüber Januar 2003. Die gesetzlichen Krankenkassen sparten dadurch laut IMS Health 125 Millionen Euro. Allerdings dürfte der Effekt in den kommenden Monaten geringer werden - viele Bundesbürger hatten sich im Dezember noch Präparate auf Vorrat verordnen lassen.

- Auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten bürdet die Reform den Kassenpatienten neue Lasten auf: Die Zuzahlungen für diese Arzneien sind gestiegen. Generell müssen nun zehn Prozent des Pillenpreises - mindestens aber fünf Euro und maximal zehn - aus eigener Tasche gezahlt werden. Früher mussten je nach Packungsgröße vier bis fünf Euro zu einem Medikament zugezahlt werden. War das Mittel günstiger, etwa eine Schachtel Valiumtabletten (5 mg, 20 Stück) zu 3,87 Euro, zahlte der Kunde nur diesen Betrag. Heute verlangt der Apotheker von gesetzlich Versicherten für die gleiche Schachtel fünf Euro Zuzahlung, von Privatpatienten sogar 11,76 Euro.

Ursache der Verteuerung sind die geänderten Abrechnungsmodalitäten. Früher konnten die Apotheker bis zu 68 Prozent auf den Einkaufspreis einer Arznei draufschlagen. Jetzt dürfen sie bei jeder Packung nur drei Prozent vom Einkaufspreis für sich kassieren plus ein Beratungshonorar von 8,10 Euro, wovon zwei Euro an die Krankenkassen weitergereicht werden.

Da das Honorar nun unabhängig vom Preis des Medikaments anfällt, werden billige Arzneimittel teurer und hochpreisige günstiger. So kostet das Schmerzmittel Novalgin nicht mehr 1,89 Euro, sondern 10,50. Für Diclofenac gegen Gelenkschmerzen verlangen Apotheker statt 3,10 Euro nun 10,67. Umgekehrt sank Profact, ein Medikament gegen Prostatakrebs, von 1211,56 auf 985,57 Euro. Insulin (Humalog Mix, zehn Ampullen á 3 ml) kostet nun 116,17 statt 142,40 Euro.

Eine Millarde Euro sollte die gesetzliche Krankenversicherung durch diese Neuordnung an Medikamentenkosten allein in diesem Jahr sparen. Aber schon torpedieren einige Pharmafirmen das Reformwerk. Sie haben pünktlich zum 1. Januar ihren Herstellerabgabepreis "nach oben angepasst", moniert das Fachblatt "Arznei-Telegramm". Manche so punktgenau, dass trotz Gesundheitsreform die Endpreise unverändert blieben. Die Firma Tropon zum Beispiel setzte ihre "Hyalart Fertigspritzen" gegen Kniegelenkverschleiß um 21 Prozent herauf, der Endpreis blieb wie gehabt bei 237,24 Euro. Der Preis für das Potenzmittel Levitra (5 mg, zwölf Stück) blieb bei 114,02 Euro, weil Bayer seinen Abgabepreis um 16 Prozent erhöhte. Und auch bei Viagra sank der Preis in der Apotheke nur geringfügig, weil Hersteller Pfizer mehr verlangt.

Dass die Preise für Medikamente dennoch ins Rutschen kommen dürften, dafür sorgt der boomende Versandhandel mit Medikamenten, wo kräftig mit Rabatten geworben wird (siehe Kasten). Auch viele Kassen wollen davon profitieren. Sie haben Verträge mit seriösen Internetapotheken geschlossen und animieren ihre Versicherten, dort zu bestellen. Zusätzlich stört der wachsende Umsatz von Nachahmerpräparaten, so genannten Generika, und Importmedikamenten die Hochpreispolitik der Pharmaindustrie. Die 50er-Packung Aspirin 0,5 kostet im Original von Bayer 8,75 Euro, als Generikum ASS Ratiopharm 500 nur 2,75 Euro.

Preisvergleich Viagra

In der Apotheke (Stichprobe)

Beim Versandhandel DocMorris

45,50 €

37,66 €

Gerade bei den Arzneien, die aus der eigenen Tasche zu zahlen sind, lohnt sich die Frage nach solchen Preisbrechern. Ein bei Patienten kaum bekanntes Sparpotenzial steckt vor allem in den Reimporten. Viele Pharmafirmen verkaufen ihre Produkte in manchen EU-Ländern deutlich günstiger als in Deutschland. Gewitzte Händler nutzen diese Differenz. Der Größte der Importbranche ist Edwin Kohl aus Merzig im Saarland. Er beschäftigt fast 400 Mitarbeiter nur damit, Tabletten aus ihrer portugiesischen oder griechischen Verpackung zu wickeln, mit einem deutschen Beipackzettel zu versehen und neu einzutüten. Kohls Firmengruppe machte im vergangenen Jahr 760 Millionen Euro Umsatz, vor allem mit hochpreisigen Diabetesmitteln, Antibabypillen, Aidsmedikamenten und Psychopharmaka. Das Sortiment umfasst 600 vorwiegend rezeptpflichtige Arzneimittel.

Die Pharmakonzerne ärgern sich maßlos über die Konkurrenz, die ihnen die noch immer üppigen Gewinne abgräbt. Angeführt von Roland Koch, CDU-Ministerpräsident im Pharmafirmen-Standort Hessen, jammerte ihre mächtige Lobby den Gesundheitsreformern die Ohren so voll, dass laut Gesetz Importpillen nur noch erlaubt sind, wenn sie 15 Prozent oder mindestens 15 Euro billiger sind als hiesige Ware. "Da fallen künftig viele Medikamente aus dem Raster, die nur 14 Euro billiger sind", klagt Kohl. Auch die deutschen Krankenkassen sind sauer. "Selbst für 14 Euro Ersparnis pro Mittel wären wir schon dankbar", sagt AOK-Experte Robert Stork.

von Brigitte Zander / print