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Erbschaftsteuer Adoption statt hoher Steuer


Dank der für 2009 geplanten Erbschaftssteuerreform steigt in Deutschland die Zahl der Adoptionen. Der Grund: Eigene Kinder haben deutlich höhere Freibeträge als andere Erben. Besonders in München bekommen immer mehr Erwachsene auf einmal neue Eltern.
Von Julia Groth

In Astrid Lindgrens Buch "Rasmus und der Landstreicher" ist die Welt noch so, wie man sie erwartet: Der Waisenjunge Rasmus muss ernüchtert feststellen, dass reiche Leute ausschließlich niedliche Mädchen mit blonden Locken adoptieren. Doch in der Realität gelten heute andere Regeln: Inzwischen adoptieren Reiche die Personen, denen sie steuergünstig ihr Vermögen vererben wollen. Experten sprechen schon von einem Adoptionsboom, seit die Große Koalition daran arbeitet, die Erbschaftsteuer zu reformieren.

Nichten, Neffen und Geschwister sind die Verlierer

Nach bisherigem Stand der Reform sind Verwandte wie Neffen, Nichten oder Geschwister eines Verstorbenen die Verlierer. Wenn sie erben, müssen sie zwar schon heute relativ hohe Steuern zahlen - künftig könnten die Sätze aber noch steigen. Wenn zum Beispiel ein Onkel seiner Nichte ein Haus im Wert von 600.000 Euro vererbt, zahlt sie heute knapp 64.000 Euro Erbschaftsteuer. Ab 1. Januar 2009 könnten es 174.000 Euro sein.

Weil Kinder eines Verstorbenen deutlich höhere Freibeträge genießen, kann sich die Adoption der Erben lohnen - in Zukunft noch stärker als schon heute. Zumal der Freibetrag für nahe Verwandte wie Kinder, Enkel und Ehepartner weiter steigen sollen: Demnach sollen Kinder erst ab einem Vermögenswert von 400.000 Euro Erbschaftsteuer zahlen müssen, bisher liegt dieser Freibetrag bei 205.000 Euro. Die Adoption als Trick zum Steuern sparen: Ein Modell, das offenbar immer mehr Menschen attraktiv finden. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Adoptionen in München um 29 Prozent auf fast 500 Fälle gestiegen, belegen Zahlen des Amtsgerichts. "Der Trend scheint sich fortzusetzen", sagt Gerichtssprecherin Ingrid Kaps.

Adoptionen sind nicht ganz einfach

Der starke Anstieg sei fast ausschließlich mit zunehmenden Erwachsenen-Adoptionen zu erklären, sagt Klaus Michael Groll, Fachanwalt für Erbrecht und Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht. "Die Zahlen des Gerichts decken sich mit unserer Beratungspraxis." Auch Groll rät vielen seiner Mandanten in Erbangelegenheiten zur Adoption. Allerdings nur, wenn die Bedingungen stimmen: Denn erstens ist es nicht ganz einfach, zu adoptieren. Die beiden Betroffenen müssen ein begründbares Eltern-Kind-Verhältnis haben. Zweitens entstehen aus einer Adoption Unterhaltspflichten auf beiden Seiten. So kann es vorkommen, dass der Unterhalt zum Beispiel für ein Pflegeheim im Alter die Steuerersparnis übersteigt.

In anderen Städten bremsen solche Sorgen den Adoptionsboom offenbar noch aus. Schließlich können die meisten Amtsgerichte in deutschen Großstädten nicht mit Münchens Wachstumsrate mithalten. Die Öffentlichkeit erfährt von den Adoptionen ohnehin kaum etwas. Die meisten werden äußerst diskret behandelt, weiß Groll. Hierzulande sind öffentlich kaum Fälle bekannt, in denen ein begüterter Mensch jemanden in erster Linie wegen der Steuerersparnis beim Vererben adoptiert hätte.

Entwurf könnte noch angepasst werden

Mehr Klarheit über die zukünftigen Erbschaftsteuerregeln gibt es im Winter: Mitte Oktober soll der Bundestag, Anfang November der Bundesrat über die Erbschaftsteuerreform entscheiden. Groll schätzt, dass der bisherige Entwurf bis dahin noch einige Änderungen erfahren wird. Vielleicht sieht dann doch alles ganz anders aus als erwartet: "Ich rechne damit, dass man die Steuersätze für Geschwister, Neffen und Nichten senken oder die Freibeträge erhöhen wird", sagt er. "Die Reform wird sonst eine viel zu starke steuerliche Belastung."

Sollten sich SPD und CDU nicht bis Januar 2009 auf einen Entwurf einigen, können sich Erben ab kommendem Jahr ganz besonders freuen. Denn dann entfällt die Steuer, die dem Staat jährlich etwa drei Milliarden Euro einbringt, nach Beschluss des Bundesverfassungsgerichts erst einmal vollständig.


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