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Finanzinvestor Wyser-Pratte: Heuschrecke im Altenheim

Der berüchtigte Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte hat sich in den deutschen Pflegemarkt eingekauft. Weil es immer mehr Alte gibt, hoffen Anleger wie er auf satte Gewinne. Kritiker fürchten, dass dadurch die Pflege teurer und noch herzloser wird.

Von Doris Schneyink

Jetzt müssen sie die Größten werden. Und zwar schnell. Guy sitzt ihnen im Nacken, ein ungeduldiger Mann. Der Finanzinvestor aus New York ist das, was man in Deutschland eine "Heuschrecke" nennt: Guy Wyser-Pratte, 67, kauft Anteile von unterbewerteten Firmen, dann erklärt er dem Management, wie es den Wert möglichst schnell steigern soll, und wenn ein Vorstand nicht seiner Meinung ist, fliegt er raus. Dem Chef des Reisekonzerns Tui, Michael Frenzel, drohte der Investor: "Ich komme nicht zu einem Freundschaftsbesuch." Und beim bayerischen Roboterproduzenten Kuka mussten gleich sechs Vorstände gehen. Beim Geschäftemachen orientiere er sich an der "Gefechtstaktik der US-Marines", bekannte Wyser-Pratte. "Das bedeutet, das Element der Überraschung zu nutzen, Koalitionen einzugehen und Waffen kombiniert einzusetzen." Ausgerechnet dieser Mann hat sich nun in einen hochsensiblen Markt eingekauft - in das Geschäft mit der Pflege alter, hilfsbedürftiger Menschen.

Seit Ende vorigen Jahres hält Guy Wyser-Pratte fünf Prozent an der börsennotierten Curanum AG in München, die mit 7638 Pflegeplätzen einen Jahresgewinn von rund acht Millionen Euro erwirtschaftet. Wenig später kaufte der britische Hedgefonds Audley Capital zehn Prozent der Anteile. Nun müssen sich die Curanum- Chefs anstrengen, um möglichst schnell Marktführer zu werden. Denn Wyser-Pratte und Audley Capital wollen Wachstum sehen. Je größer ein Heimanbieter sei, desto profitabler arbeite er, so das Kalkül. Curanum-Finanzvorstand Bernd Rothe sagt: "Das sehen wir genauso. Aber wir bestimmen das Tempo, in dem wir andere Häuser dazukaufen."

Wäre die Situation trostlos, gäbe es keine Heuschrecken

Das Geschäft mit der Pflege boomt. Zwar klagen alle Anbieter von Heimen, egal, ob sie nun gemeinnützig sind oder privat, dass sie zu wenig Geld aus der Pflegeversicherung erhielten. Doch wäre die Situation so trostlos, würden sich kaum Heuschrecken in diesem Markt tummeln. Boris Augurzky vom Rheinisch- Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat für eine Studie die Bilanzen von 600 Heimen durchforstet. Er sagt: "Die Heime befinden sich in einer passablen wirtschaftlichen Lage, einige erwirtschaften Renditen von bis zu zehn Prozent." Das ist durchaus interessant für Investoren wie Wyser-Pratte. Augurzky: "Der Markt ist attraktiv für Anleger, weil er überdurchschnittlich und stetig zulegt."

Tatsächlich werden immer mehr Menschen in Deutschland pflegebedürftig, bis 2020 soll ihre Zahl um 50 Prozent auf 2,9 Millionen steigen. Was für jeden Betroffenen ein furchtbares Schicksal ist, bedeutet für den Ökonomen zunächst einmal "Wachstum". Und Wachstum ist immer verlockend. Schon heute werden auf dem Pflegemarkt 25 Milliarden Euro umgesetzt, knapp 12 davon finanziert die Pflegeversicherung. Mitte 2008 erhöht Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Beiträge, das spült 2,6 Milliarden in die Kassen.

Doch wer profitiert von diesen gewaltigen Geldströmen? Wird durch mehr Geld die häufig miserable Pflege in Heimen endlich besser?

Die Curanum AG betreibt in ganz Deutschland 68 Pflegezentren, 14 davon in ihrem Stammland Bayern. Ottilie Randzio ist leitende Ärztin im Bereich Pflege beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Bayern und zuständig für die Kontrolle von Heimen. Sie sagt: "Keines der von uns geprüften Curanum-Häuser gehört zur Spitzenklasse, die meisten befinden sich im mittleren Drittel, einzelne sogar im unteren."

"Sozialhilfe-Standard für alle"

Finanzvorstand Bernd Rothe räumt ein, dass man derzeit in der Pflege nur einen "Sozialhilfe-Standard für alle" anbieten könne. Die Schuld liege aber nicht an den Gewinnen, die Curanum abschöpfe, sondern an der Politik. "Wir hätten gern viel mehr Personal und würden bessere Qualität anbieten, aber wir dürfen es nicht berechnen", sagt Rothe.

Tatsächlich kann ein Heimbetreiber nicht einfach so neue Leistungen anbieten - denn die Preise werden mit der Pflegekasse ausgehandelt, und wenn die nicht mehr bewilligt werden, gibt es halt nichts. Rothes Lösungsvorschlag ist ebenso einfach wie brutal: mehr Ungleichheit. Die Wohlhabenden sollen sich Leistungen dazukaufen dürfen, die Habenichtse erhielten einen gesetzlich garantierten Pflege-Mindeststandard. "Wir würden gern mit den Kunden direkt die Preise aushandeln statt mit den Pflegekassen", sagt Rothe. "Was wir im Moment haben, ist der reinste Sozialismus." Auch Boris Augurzky vom RWI prophezeit: "Es wird zu starken Differenzierungen kommen. Überspitzt formuliert wird es für Menschen mit wenig Geld Billigheime geben, für andere, die über viel Geld verfügen, Häuser, in denen man morgens mit Champagner geweckt wird." Das Ein-Stern-Hotel für die Sozialhilfeempfänger und das Fünf-Sterne-Hotel für die Betuchten. Die ebenfalls börsennotierten Marseille-Kliniken, die zu den größten privaten Anbietern von Pflegeheimen gehören, vertreten schon länger ein solches "Sterne"-Konzept.

Über Jahrzehnte herrschte in Deutschland ein gesellschaftlicher Konsens, der besagte: Jeder hat im Alter ein Recht auf würdevolle Behandlung, unabhängig von seinem Geldbeutel. Doch dieser Konsens zerbricht.

Drei Sterne sind finanzierbar

Helmut Wallrafen-Dreisow regt sich darüber wahnsinnig auf. "Vielleicht ist nicht ein Fünf-Sterne-Hotel für jeden drin, aber ein Drei-Sterne-Hotel ist nachweislich für alle finanzierbar", sagt er. Wallrafen-Dreisow, 51, ist Geschäftsführer der Sozialholding Mönchengladbach. Er leitet unter anderem sechs Pflegeheime, vier Wohnprojekte und ist Chef von 900 Mitarbeitern, die nach Tarif bezahlt werden. Renditen von zehn Prozent in der Pflege hält der gelernte Altenpfleger für absolut "unseriös". Wallrafen-Dreisow sitzt in seinem Büro, aber lange hält es ihn nicht auf seinem Stuhl. Er springt auf, zieht Aktenordner mit Qualitätsberichten aus den Regalen, nimmt Urkunden von der Wand ab und legt sie stolz auf den Schreibtisch: "Innovationspreis 2002", "Gütesiegel Arbeit Plus der EKD 2005", "Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen 2007" (Gesamtplatz 6). Lauter Belege, dass man die Pflege im bestehenden System deutlich verbessern kann. "Auch hier ist nicht alles perfekt, ich würde uns die Note zwei minus geben", sagt Wallrafen-Dreisow. "Aber wir arbeiten systematisch an Verbesserungen."

Helmut Wallrafen-Dreisow ist ein Querdenker und kritischer Geist, er war zu Gast in zahlreichen Talkshows, er hat Bücher geschrieben mit Titeln wie "In Ruhe verrückt werden dürfen" und geht mit seinen Thesen vielen Politikern und Kollegen auf die Nerven. "Es gibt zu viele Häuser, die ihre Zahlen nicht kennen und in denen Geld verschwendet wird", kritisiert er. Investoren wie Wyser-Pratte hält er für gefährlich, weil sie Überkapazitäten schafften. "Da entstehen regelrechte Pflegefabriken, in die eigentlich kein Mensch will und die wir nicht brauchen", sagt er.

Denn es gibt zwar immer mehr alte Menschen, aber dieser Trend führt nicht automatisch zu einer größeren Nachfrage nach stationärer Pflege. Weil die Verweildauer in den Heimen immer kürzer wird. Und schon jetzt leben viele alte Menschen im Heim, die dort eigentlich nicht hingehören. Jeder vierte könnte noch zu Hause oder in Wohngemeinschaften betreut werden. Die Sozialholding Mönchengladbach löst deshalb demnächst ihr größtes Heim mit 152 Plätzen auf. "Wir bauen stattdessen ein Mehrgenerationen-Dorf, wo alte Menschen von Alltagshelferinnen begleitet werden und verschiedene Serviceleistungen wie Einkaufen, Kochen, Spielen oder auch Pflege dazukaufen können", sagt Wallrafen-Dreisow. Ziel sei es, die Pflege zu "ambulantisieren" und "kleingliedrig" zu machen. Gerade die Demenzkranken brauchten eine überschaubare Welt, in der sie sich sicher fühlten. "Wir müssen den Menschen eine bunte Vielfalt bieten, keine Produkte von der Stange, die zudem sehr teuer sind."

"Die Häuser sind zu groß"

Stefan Roggenkamp ist ein absoluter Außenseiter in der Pflegebranche und arbeitet mit aller Kraft daran, die "bunte Vielfalt" zu vergrößern. Auch er befürchtet, dass durch Investoren wie Wyser-Pratte die Weichen falsch gestellt werden. "Die Häuser sind viel zu groß und normiert, das ist nicht, was die Menschen sich wünschen", kritisiert er.

Jahrelang hat Roggenkamp sein Geld als Wertpapierhändler in London verdient, "ich war so ’ne richtige Heuschrecke", sagt er. Aus England hat er nicht nur ein Vermögen, sondern auch einen Sinn für Humor mitgebracht: Auf dem Armaturenbrett seines Range Rovers steckt eine kleine Plastik-Heuschrecke. "Ich stehe zu meinem Beruf ", sagt Roggenkamp.

Als seine Mutter an Demenz erkrankte, zog er von London zurück nach Gütersloh. "Ich habe erlebt, wie mein Vater nachts hinter meiner Mutter hergelaufen ist, die orientierungslos durchs Haus irrte", erzählt er. Die Pflege von Dementen sei eine wahnsinnige Belastung für die Angehörigen. Es fällt ihm schwer, über seine Mutter zu sprechen, die nun in einem Heim lebt. Er habe die "Abgründe" des Systems kennengelernt, "da werden Menschen fixiert und mit Tabletten ruhiggestellt".

Neue Lösungen

Eigentlich wollte Roggenkamp nur drei Monate bleiben, um alles zu regeln. Inzwischen sind zwei Jahre daraus geworden. In dieser Zeit hat Roggenkamp eine Stiftung für Demenzkranke und zusammen mit seiner Frau ein Unternehmen für Biosuppen gegründet, das die Stiftung unterstützen soll; er hat ein wunderschönes Fachwerkhaus am Gütersloher Stadtpark gekauft und lässt es umbauen zu einer Einrichtung für zehn Demenzkranke. Seine Mutter soll die erste Bewohnerin werden. Die von ihm gegründete "Deutsche Demenz Stiftung-Vergissmeinnicht" versteht er als Chance, um neue Lösungen auszuprobieren. "Wir wollen zeigen, dass man eine gute Pflege anbieten kann, ohne Menschen in die Altersarmut zu stürzen", sagt er. 1000 Euro sollen die Bewohner des "Vergissmeinnicht"-Hauses selbst zahlen müssen. Dazu kommen die Leistungen aus der Pflegeversicherung. Bei den meisten Heimen liegen die Zuzahlungen wesentlich höher.

"Meiner Meinung nach sind die Preise derzeit so hoch, weil Geld verschwendet wird und der Markt nicht transparent ist", findet Roggenkamp. In der Pflege müsse die Gesellschaft sich umorientieren vom rein betriebswirtschaftlichen Denken zum gemeinnützigen. "Und das sage ich als Kapitalist, wie er im Buche steht."

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.