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Finanzkrise: Britische Bankkunden geraten in Panik

Die Szene erinnert an Inflationszeiten: Vor den Northern-Rock-Filialen in Großbritannien stehen Tausende von Menschen Schlange, um ihr dort angelegtes Geld abzuheben. Der Grund: Die Bank ist das jüngste Opfer der weltweiten Finanzkrise.

Die Angst geht um in Großbritannien: Die Briten fürchten um ihr hart Erspartes, um ihren Notgroschen, ihre Altersrücklagen. Tausende Menschen - von Edinburgh bis London - stehen stundenlang vor Filialen der Northern-Rock-Bank und wollen ihr Geld in Sicherheit bringen, denn ihre Hypothekenbank - fünftgrößte in Großbritannien - ist das jüngste Opfer der weltweiten Bankenkrise.

Schuld an der Kreditkrise ist die amerikanische Notenbank. Sie hat Wirtschaft und Verbraucher über Jahre mit zu billigen Krediten versorgt: Von 2001 bis 2004 verlangte sie weniger als zwei Prozent Jahreszins - ohne im Gegenzug entsprechende Sicherheiten zu verlangen. Deshalb konnten US-Baufinanzierer Kredite auch an jene Kunden vergeben, die sich Immobilien eigentlich gar nicht leisten konnten. Das ging so lange gut, bis 2005 die Zinsen wieder stiegen und die Schuldner unter Druck gerieten. Und mit ihnen die Banken: Sie hatten Risikokredite weltweit weiterverkauft. Dann kollabierte der US-Markt für Immobiliendarlehen, mittlerweile ist das weltweite Weiterverkaufen von Krediten aller Art fast zum Erliegen gekommen. Die Folge: Kredite werden knapp. Ein Effekt, unter dem jetzt auch die Northern-Rock-Hypothekenbank zu leiden hat.

"Panik auf britischen Straßen"

Das Unternehmen war in Schwierigkeiten geraten, weil es zu sehr von Krediten anderer Banken abhängig war, Kredite, die nach der Krise am US- Immobilienmarkt nur noch schwer zu bekommen waren. Schließlich musste die Englische Notenbank erstmals seit Jahrzehnten mit einem Notkredit eingreifen. Der Aktienkurs der Bank brach daraufhin am Freitag um zeitweise mehr als 30 Prozent ein. Experten gingen davon aus, dass die Bank bald übernommen werde und der Name Northern Rock nach solch einem Image-Gau verschwinden würde. "Panik auf britischen Straßen", titelte entsprechend die sonst eher zurückhaltende Zeitung "Independent". "Wie sicher ist unser Geld?", fragte die "Daily Mail".

Die Kunden und der Aktienhandel reagierten prompt. Nach Medienangaben entzogen sie dem fünftgrößten Baufinanzierer des Vereinten Königreichs seit Freitag umgerechnet rund 2,9 Milliarden Euro. Das Online-Banking war zeitweise völlig lahm gelegt, einige Filialen mussten ihre Öffnungszeiten verlängern. Gleichzeitig brach der Aktienkurs der Bank um 31 Prozent ein. Das Papier stürzte bei der Eröffnung der Märkte von 438 Pence auf 300.

Schatzkanzler versucht, zu beruhigen

Eilig bemühten sich Politiker, die rund 1,5 Millionen Kunden zu beschwichtigen. "Die Menschen können ihre Konten wie immer nutzen, Northern Rock ist in der Lage, das Geschäft weiter zu führen", sagte Schatzkanzler Alistair Darling. Die Bank selbst sprach von "business as usual", Mitarbeiter verteilten Umschläge mit einer Mitteilung des Unternehmens. Die Botschaft: "Ihr Erspartes ist bei Northern Rock sicher". Der Vorsitzende der britischen Bankenaufsicht FSA, Callum McCarthy, sagte: "Um es ganz klar zu machen: Wenn wir glauben würden, Northern Rock sei nicht mehr liquide, hätten wir nicht erlaubt, dass sie die Türen öffnen."

Doch das Vertrauen der Northern-Rock-Kunden ist längst dahin. Das Schlangestehen vor den Filialen geht in die nächste Runde. Die Bank bereitet sich mit längeren Öffnungszeiten darauf vor, dass Tausende von besorgten Kunden weiter Geld abziehen werden. Und auch Alan Greenspan ließ sich von den Beruhigungsversuchen britischer Bankiers und Politiker wenig beeindrucken: Er prophezeite dem britischen Finanzwesen eine düstere Zukunft. In Interviews warnte der ehemalige US-Notenbankchef vor einer "schmerzhaften Korrektur" am britischen Immobilienmarkt.

AP/DPA / AP / DPA