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Gesundheitskosten: Private Haushalte werden gemolken

Die Privathaushalte schultern einen immer größeren Milliardenanteil der wachsenden Gesundheitskosten, im Jahr 2004 machte ihr Anteil 47 Prozent aus. Dabei waren die Gesundheitsausgaben in den letzten zehn Jahren auch noch um ein Viertel gestiegen.

Das Statistische Bundesamt hat am Mittwoch nachgerechnet: Die Finanzierung des Gesundheitswesens hat sich in den letzten Jahren immer weiter zu Lasten der Privathaushalte verschoben. Davon profitiert haben nur Arbeitgeber und die öffentliche Hand. Neben den Beiträgen belasten unter anderem Zuzahlungen und Praxisgebühren sowie nicht von den Kassen erstattete Medikamente die Privathaushalte. Zwar wurde der Ausgabenanstieg der gesetzlichen Krankenversicherung nach der letzten Gesundheitsreform 2004 gebremst, habe sich nun aber wieder beschleunigt, sagte Amtspräsident Johann Hahlen.

Frauen zahlten mehr

Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen übernahmen die Privathaushalte von den 313,2 Milliarden Gesundheitskosten im Jahr 2004 insgesamt 147,5 Milliarden Euro (47 Prozent), teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Berlin mit. Den Rest hätten die öffentlichen und privaten Arbeitgeber zu 36 Prozent sowie die öffentlichen Haushalte zu 17 Prozent finanziert. Im Jahr 1995 hatten Bund, Länder und Kommunen demzufolge noch 18 Prozent, die Arbeitgeber 40 Prozent und die Privathaushalte 42 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben inklusive der erweiterten Leistungen wie Entgeltfortzahlungen im Krankheitsfall oder Ausgaben für Ausbildung und Forschung getragen.

An reinen Gesundheitsausgaben fielen in 2004 rund 234 Milliarden Euro an, erklärte Hahlen. Dies seien immerhin 10,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gewesen. Deutschland lag damit im internationalen Vergleich hinter den USA und der Schweiz an dritter Stelle. Seit 1995 seien die Gesundheitskosten um 47,5 Milliarden Euro angestiegen. Auf jeden Einwohner entfielen 2004 demnach im Schnitt Krankheitskosten von 2730 Euro. Dabei mussten Frauen mehr zahlen als Männer, ihre Pro-Kopf-Kosten betrugen 3110 Euro, die für Männer 2320 Euro. Größter Ausgabenträger waren die gesetzlichen Krankenversicherungen (56 Prozent), gefolgt von den privaten Haushalten und Organisationen (14 Prozent) sowie den privaten Krankenversicherungen (9 Prozent).

Kosten für Arzneimittel wurden besonders teuer

Bei den reinen Gesundheitsausgaben gab es nach Hahlens Angaben binnen 10 Jahren ein Ausgabenplus von 19 Prozent bei den ärztlichen Leistungen, von 23 Prozent bei pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen und von 37 Prozent bei den Arzneimitteln. Nach einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 2,9 Prozent flachte der Ausgabenanstieg 2004 nach der bislang letzten Gesundheitsreform auf 0,2 Prozent (400 Millionen Euro) ab. Im Jahr darauf stiegen die Kassenausgaben laut Hahlen aber wieder um 3,7 Milliarden.

Im Streit um den Abbau der Kassen-Schulden bis zum vollständigen Start der neuen Reform brachte ein Treffen zwischen AOK-Spitze und Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder keine Lösung. Laut AOK könnte sich der Gesundheitsfonds verzögern, da die Schulden nicht so schnell wie von der Koalition gewollt abbaubar seien. In den als Kernstück der neuen Gesundheitsreform geplanten Fonds sollen die Kassen nach Koalitionsplänen ohne Schulden starten. Ein kompletter Schuldenabbau wird nach Angaben des Vorsitzenden des AOK-Bundesverbands, Hans Jürgen Ahrens, aber nicht wie von der Koalition gefordert bis 2008 zu erreichen sein. "Dann kommt der Fonds eben später", sagte Ahrens der "Netzeitung".

Kosten für Arzneimittel wurden besonders teuer

Vom Ministerium habe es "keine Lösungsvorschläge" gegeben, sagte ein AOK-Sprecher nach dem Treffen in Berlin. Im Bereich der AOK habe es Ende 2005 noch Schulden in Höhe von 2,7 Milliarden Euro gegeben. Verrechnet mit Überschüssen seien es 1,7 Milliarden Euro. "Wir haben genehmigten Plänen gemäß eine Entschuldung durchgeführt", sagte der Sprecher. 2003 hätten sich die Schulden noch auf 4,6 Milliarden Euro belaufen. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte, die dreitägigen Gespräche mit sämtlichen Spitzenverbänden der Kassen zu dem Schuldenproblem würden nun ausgewertet. Insgesamt geht es um knapp 4 Milliarden Euro.

Nach den Krankenkassen machen auch die Krankenhausträger Front gegen die Reformpläne. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Rudolf Kösters, sagte, Pläne der Koalition, die Kliniken mit 750 Millionen Euro jährlich zur Ader zu lassen, seien eine "Provokation". Die DKG will am 5. September eine Kampagne gegen die Reform starten. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte in der "Frankfurter Rundschau", die sprudelnden Steuereinnahmen dazu zu verwenden, die geplante Anhebung des Beitragssatzes zur Krankenversicherung um 0,5 Punkte zu verhindern.

DPA/Reuters / DPA / Reuters